Pilgern auf dem Jakobsweg – FAQs

Einige grundsätzliche Überlegungen vor einer Pilgerreise.


Frage: Wann ist die beste Zeit für eine Pilgerreise?

Für mich persönlich ist eine Antwort leicht, ich genieße die Sonne und gehe daher immer in den warmen Monaten. Auch brauche ich dann weniger Kleidung und damit habe ich automatisch weniger Gewicht zu schleppen. Jeder Mensch hat jedoch andere Vorlieben und darum kann es leider keine passende Antwort geben. Die muss jeder Pilger selbst finden. Eine Pilgerreise beginnt aber nicht am ersten Tag auf dem Weg. Nein, schon lange vorher beginnt die Reise im Kopf. Tausend Fragen kommen hoch und endlose Listen werden abgehakt. Packlisten, Flugverbindungen, Busverbindungen, Listen mit Herbergen, Pensionen, Hotels und Sehenswürdigkeiten. Und das ist auch das Schöne, Pilger sind eigentlich das ganze Jahr unterwegs. Die eigentliche Pilgerreise ist dann nur noch selbstverständliche Folge eines Pilgerlebens. Pathetisch? Ja, aber wahr. 

Die richtige Zeit ist also immer: JETZT.

Ängste jeglicher Art sollte man nicht kultivieren, denn es gibt unterwegs für Probleme jeglicher Art Lösungen. Manchmal sogar ganz erstaunliche Lösungen, die an Wunder grenzen. Ich denke, wer sich dem Weg ergibt, wird geleitet werden. Die Seelen tausender Pilger, die vor uns auf dem Weg waren, sind sehr hilfsbereit und lachen sich kaputt über die Bedenken verwöhnter Stadtmenschen…

Frage: Muss ich 100 % fit sein, um eine Pilgerreise anzutreten?

Nein, keinesfalls. Ich glaube, das kein Mensch wirklich zu 100 % fit ist. Der eine hat mentale Probleme, der andere fürchtet, dass sein Körper schlapp machen könnte. Der menschliche Körper ist jedoch für das Gehen konstruiert worden, daher gibt es kaum Einschränkungen, die eine Pilgerreise wirklich verhindern. Mein einschneidendstes Erlebnis war eine Pilgerin, die beide Unterschenkel durch eine Durchblutungsstörung verlor und zusammen mit ihrem 88 jährigen Vater, der unter einer leichten Demenz litt, den Jakobsweg von Frankreich nach Santiago Schritt für Schritt auf ihren Prothesen durchlaufen hat.

Und hier ist auch schon das Geheimnis: Lass dir Zeit, erlaube dir am Anfang nur kleine Etappen von wenigen Kilometern. Höre auf deinen Körper und spüre die Anstrengungen. Nimm dir Zeit für Erholung und Rekonvaleszenz. Mit jedem Tag wirst du stärker und stärker. Dieses „Spazierengehen“ gibt dir die Möglichkeit aufmerksam zu sein und all die kleinen Abenteuer, die auf und neben dem Weg passieren, zu bemerken und zu verarbeiten. Pilger, die wie auf einer Autobahn ihre Kilometer schrubben und dann am Abend tot ins Bett fallen, haben mein volles Mitgefühl. Mögen sie ruhig vor mir in Santiago ankommen. Ihr Ziel werden sie nie erreichen.

Frage: Wie kann mich ideal vorbereiten?

Lasse einen Arzt kurz über deinen Körper schauen. Gibt es Einschränkungen? Haltungsschäden, die ausgeglichen werden müssen? Vielleicht helfen Einlagen in den Schuhen oder Wandersticks um die Knie zu entlasten. Müssen besondere Medikamente mit auf die Reise? Gibt es bei bestimmten Krankheiten auch ärztliche Expertisen im geplanten Zielland? Eine ärztliche Meinung ist unumgänglich.
Übe das Laufen mit Rucksack und Wanderschuhen. Gewöhne deinen Körper langsam an das Gehen unter Belastung. Das Fußgewölbe, Knie, Rücken und auch der Schulterbereich werden es dir danken.

Gehe drei Wochen vor der Reise zur Pediküre und lasse das wichtigste Werkzeug, deine Füsse, einmal richtig pflegen und herrichten. (Das kann man auch durchaus selbst machen…), lasse deinen Zahnarzt kurz mal gucken und vielleicht sollte man einige Wochen vor der Reise nicht alle Körperhaare rasieren, denn sie erfüllen einen wichtigen Zweck, nämlich die Regulierung/Minimierung von Temperatur und Reibung unter den Armen bzw. Schritt. 

Suche deine Kleidung nicht erst ein paar Tage vorher zusammen. Nimm dir die Zeit für eine sorgsame Zusammenstellung aller Dinge, die dir wichtig sind. Fertige eine Packliste an. Ob du jeden kleinen Ausrüstungsgegenstand oder alles zusammen mit dem Rucksack wiegst, das ist Geschmacksache. Die Kunst ist es, kaum Gewicht tragen zu müssen und doch nie das Gefühl zu haben, dass etwas fehlt. Diese Balance zu finden ist das Schwierigste überhaupt. 

Orientiere dich in Internet-Foren und lese mit, was andere Pilger berichten. Bleibe dabei aber immer wachsam und denke an deine Bedürfnisse. Erstaunlicherweise kommen die ultimativsten Empfehlungen meistens von Leuten, die wenig eigene Erfahrungen haben. Warum das so ist, habe ich bis heute nicht verstanden. Vielleicht sind die stillen Pilger, die einfach losgehen, ihr Ziel erreichen und sich ganz entspannt wieder in den Alltag eingliedern, nicht so mitteilungsbedürftig ….? Wer weiß. 

Frage: Wo soll ich schlafen? In einer Herberge oder in Pensionen?

Ich hatte mich auf meiner ersten Reise für Herbergen entschieden. Das hat auch prima geklappt, bis… ja, bis auf die Tatsache, dass ich schnarche und damit andere Menschen störe. Gleichzeitig bin ich empfindlich gegen Geräusche anderer Menschen während meines Schlafes. Ein echtes Dilemma und diese Kombination schreit nach Einsamkeit. Die Lösung: Pensionen oder Hotels. Das Problem: Es kostet Geld.
Wer mit Lärm und den Merkwürdigkeiten anderer Menschen leben kann, der ist in Herbergen gut aufgehoben. Allen anderen Pilgern würde ich empfehlen sich von diesen Schlafbunkern fern zu halten.

Positive Aspekte von Herbergen:
– sie sind überall zu finden, – sie kosten nicht viel, – man befindet sich mitten in der Gemeinschaft der Pilger. – reist man allein, ist man niemals einsam, – man lernt viele Menschen kennen, – die interkulturelle Kompetenz steigt, – man kann dort in den Küchen selber Essen kochen, – oft gibt es ein Pilgermenü, – man bekommt einen tollen Stempel für die Pilgerpass, – andere Menschen geben Tipps, – Neuigkeiten sprechen sich schnell herum

Negative Aspekte:
– Lärm und teilweise üble Gerüche im Schlafraum, – emsige Geschäftigkeit in der Herberge, – rücksichtslose Menschen, – teilweise desolate Hygiene in den Schlaf- und Duschräumen, – Bettwanzen (ja, wirklich die gibt es immer noch), – Kernschlafzeit zwischen 00:00 und 04:00 Uhr, – seltsame Öffnungszeiten, – einige Herbergen machen um 22:00 Uhr die Türen zu.

Frage: Welchen Rucksack soll ich nehmen?

Eine einfache Antwort: Nimm einen leichten Rucksack mit ca. 40 L Fassungsvermögen. Die Preise dafür pendeln zwischen 20 und 700 Euro. Keinesfalls ist der Sack für 20 Euro eine schlechte Wahl und nicht immer ist die teure Variante die beste Lösung. 
Später sollten nicht mehr als 7 Kilo darin untergebracht werden. Zusammen mit dem Schlafsack sind das die schwersten Komponenten auf der Pilgerreise.

Frage: Schlafsack oder Inlett?

In den Herbergen sind Matratzen und Kopfkissen meistens aus Gründen der Hygiene dick gummiert. Daher schläft eigentlich jeder in einem Schlafsack. (Lustig ist es zu sehen, wenn die Ultraleicht-Wanderer in raschelnden, total engen Säcken liegen, sich  beim Umdrehen komplett verheddern und leise schimpfend aufwachen. 🙂 ) 
Ich würde einen leichten, geräumigen Schlafsack wählen, indem man sich wohl fühlt. In den Sommermonaten kann der Komfort-Bereich zwischen 10 und 15 Grad liegen. Im Frühjahr oder Herbst eher bei 5 Grad. Der Geldbeutel setzt hier eindeutig die Grenzen, weil niedriges Gewicht und kleines Packmaß seinen Preis hat. 
Ein Inlett kommt für mich nur dann in Frage, wenn Pensionen oder Hotels zum Übernachten anstehen. Aber auch nur dann, wenn die Betten wirklich schmuddelig sind. Meine Wahl ist auf ein Seideninlett gefallen. Es ist stabil und fühlt sich gut an.

Frage: Muss ich einen Reiseführer mitnehmen?

Ich habe immer einen dabei. Das gibt das Gefühl von Sicherheit. Aber… die Jakobswege sind mittlerweile wie Autobahnen. Alles ist gut ausgeschildert, viele Pilger kreuzen den Weg und alle paar Kilometer lockt eine Herberge mit Internetzugang und ihren Betten. In Spanien und Portugal gibt es mit dem Internet keinerlei Probleme. In jeder Bar und eigentlich überall gibt es einen Zugang ins Netz. In Verbindung mit einem Smart-Phone sollte eine Orientierung mit Google-Maps oder ähnlichen Diensten jederzeit möglich sein.

Frage: Was ist besser: Geld oder Karte?

Ich habe immer ausreichend Bargeld dabei, denn nicht in jedem Dorf gibt es Automaten zum Abheben von Bargeld. Das Risiko ausgeraubt zu werden ist gering, wenn man sich an allgemein gültige Lebensregeln hält, die auch für zu Hause gelten.

Frage: Was schützt gut gegen Regen?

Es gibt unterwegs zwei Typen von Wanderern zu entdecken. Da ist einmal die Fraktion der schweißgetränkten Gore-Tex-Liebhaber, die an ihren meist sündhaft teuren und von weitem erkennbaren Klamotten zu identifizieren sind; dann sind da die Poncho-Träger, die einfach einen mehr oder weniger günstigen Poncho über Rucksack und Körper stülpen. Ich gehöre zu den Poncho-Typen.
Letztendlich schützt auch ein aufgeschnittener Müllsack effektiv gegen Regen. Es sieht nur nicht so gut aus. Hmmm….und dann gibt es noch die Wanderer, die sich gar nichts aus Regen machen, sie werden einfach nass und trocknen genauso schnell wieder. Erst wenn es mehrere Tage hintereinander regnet und es auch noch kalt ist, wird es eng. Aber sind wir doch mal ehrlich, wer geht schon bei Starkregen viele Kilometer durch die Landschaft und wann regnet es wirklich ununterbrochen…? Ich stelle mich unter, wenn es regnet, hoffe, dass es schnell vorbeigeht und warte lieber in einer Bar auf die Sonne. Und für alles andere reicht mein Poncho dicke aus.
Die Gore-Tex-Kleidung sorgt mit ihrer Membran übrigens im Sommer für Nässe im Inneren der Kleidung. Das ist mindestens so blöd, wie die Nässe von außen.
Eine echte Alternative ist ein Schirm. Simpel aber gut.

Frage: Sollte ich ein Zelt und eine Iso-Matte mitnehmen?

Nee. Es gibt wirklich genug Herbergen und Pensionen.
Wer diese beiden Dinge auch noch mit auf Reisen nehmen will, weil er aus Kostengründen nicht in die Herbergen kann, wird sein Gepäck auf mindestens 10 bis 12 Kilo erhöhen. Das damit die Bequemlichkeit leidet ist klar. Ich verzichte auf die Freiheit im Freien zu schlafen. 

Frage: Wie schätzt du die Strapazen insgesamt ein?

Ich will das Pilgern nicht unbedingt als Extremsport bezeichnen, aber es verlangt viel von Geist und Körper. Bereits nach den ersten Tagen auf dem Weg wird der geneigte Pilger mit den Grenzen seines Körpers konfrontiert. Häufig gibt es Blasen an den Füßen und Probleme mit den Knien und Sehnen, dem Rücken oder auch nur der Schlafmangel durch schnarchende Pilger in den großen Schlafsälen.  Stiche von Bettwanzen sind allerdings die Ausnahme. Viele Pilger quittieren die teils heftigen körperlichen Belastungen mit kleinen bis großen Erschöpfungs- und körperlichen Ausfallerscheinungen. Immer dann heißt es Pause machen und geduldig mit sich und dem Körper umgehen.  Jeder Pilger sollte unabhängig vom Ehrgeiz und den Leistungen anderer Pilger seinen ganz eigenen Rhythmus finden.
Personen unterschiedlichster Coloeur, die deinen Weg kreuzen, sind immer eine echte Herausforderung. Ein aufmerksamer Wanderer, der zuhören kann, wird da schnell zum Stichwortgeber für schwatzhafte Menschen mit einem Hang nach zu großer Nähe. Sie schöpfen ihre Kraft aus ihren jeweiligen „Gesprächspartnern“. Ist deren Batterie dann leer, suchen sie sich schnell ein neues Opfer. Leider sind sie nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen, denn sie sind durchaus charmant und tarnen sich gern als hilfsbereiter Samariter. Erkenne ich das, gehe ich ihnen freundlich aus dem Weg und pfeif mir ein Liedchen.

Mein ganz persönliches Glück auf dem Camino finde ich durch das Ausblenden des Alltags, der Bewegung, den damit verbundenen Anstrengungen, der Natur mit all ihren Launen und dem Austausch mit wertvollen Menschen, die etwas zu sagen haben, aber auch Selbstzweifel nicht vergessen. Ich bin im Prinzip mehr ein Erholungs-Suchender, als ein Sinn-Suchender. Oder bin ich beides…? Ich weiß es nicht.