Wer in eine Galerie oder ein Museum geht, will sich gewöhnlich eine Ausstellung ansehen. Bei mir ist das jedenfalls so. Ich betrachte Kunst, spreche von bildender Kunst und sage nachher vielleicht, dieses oder jenes Bild hätte ich mir besonders genau angeschaut.
Sobald andere Sinne dazukommen, verändert sich das Vokabular. Dann ist von Audioguides die Rede, von Tastführungen, multisensorischen Angeboten oder Museumspädagogik. Nur das Auge braucht keinen besonderen Namen. Es darf einfach schauen.
Dabei betrete ich ein Museum ja keineswegs nur mit zwei Augen. Der Rest kommt zwangsläufig mit. Hände, Ohren, Nase, der ganze Körper. Ein hoher Saal fühlt sich anders an als ein enger Flur. Schritte auf Stein klingen anders als auf Holz. Manche Materialien scheinen meine Hände bereits zu kennen, bevor ich sie berührt habe. Holz sieht anders aus als Stahl, eine grobe Tonschale anders als Glas.
Natürlich möchte ich trotzdem nicht, dass sich täglich dreitausend Menschen mit ihren Fingern durch einen Vermeer arbeiten. Abstand hat gute Gründe. Manche Dinge überleben unsere Nähe nur, wenn wir sie in Ruhe lassen.
Mich beschäftigt ein anderer Abstand.
Ein Kunstwerk bekommt einen Raum. Manchmal einen gewaltigen. Hohe Wände, viel Luft, gutes Licht und drei Meter freie Wand auf jeder Seite. Ich betrete den Saal und weiß, bevor ich das Werk überhaupt richtig erfasst habe: Das hier ist wichtig.
Im Flur hin zu diesen Räumen kann das anders sein.
Dort hängt vielleicht ebenfalls ein gutes Bild. Nur bin ich unterwegs. Ich will in den nächsten Raum, zur Garderobe oder meinetwegen zur Toilette. Beim nächsten Besuch gehe ich wieder daran vorbei. Irgendwann kenne ich das Bild, ohne je wirklich vor ihm gestanden zu haben. Das Werk ist dasselbe. Der Raum hat sich verändert. Und mit dem Raum meine Aufmerksamkeit.
Vielleicht überschätze ich manchmal die Macht der Kunst und unterschätze die Macht dessen, was sie umgibt. Ein Saal kann mir etwas geben, das ein Durchgang kaum besitzt: die Erlaubnis zu bleiben.
Zum Bleiben brauche ich Zeit. Doch auch die reicht nicht. Ich kann zwei freie Stunden haben, auf einer bequemen Bank sitzen, mein Telefon schweigt und vor mir hängt ein großartiges Bild. Trotzdem interessiert mich womöglich das Paar zwei Meter weiter mehr. Oder seine Schuhe. Ich denke ans Abendessen. An Fußball. An irgendeine vollkommen belanglose Nachricht.
Das tut der Kunst keinen Gefallen. Aber es passiert.
Lange dachte ich bei Zugänglichkeit von Kunst vor allem an äußere Dinge. Ist der Raum erreichbar? Kann ich ein Werk sehen? Darf ich näher heran? Gibt es Informationen dazu? Inzwischen glaube ich, dass davor oder dahinter noch etwas anderes liegt.
Ich brauche Einlass.
Das Wort gefällt mir, weil ich es bisher genau andersherum kannte. Am Eingang eines Museums wird mir Einlass gewährt. Eine Tür öffnet sich, ich zeige meine Karte und darf hinein. Vor einem Kunstwerk wechseln die Rollen. Nun stehe ich an der Tür.
Das Museum kann mir einen großartigen Raum geben. Der Künstler kann etwas geschaffen haben, an dem er Monate gearbeitet hat. Jemand kann mir einen Stuhl hinstellen, einen Text dazugeben, eine Geschichte erzählen oder Musik vorspielen. Und trotzdem entscheide ich, ob die Tür aufgeht.
Wobei „entscheide“ schon zu groß klingt. Oft entscheide ich überhaupt nichts. Etwas erwischt mich. Eine Farbe vielleicht. Eine Form. Ein Gesicht auf einer Fotografie. Ein Geräusch. Ich bleibe stehen, obwohl ich weitergehen wollte. Ein anderes Mal geschieht gar nichts. Auch vor großer Kunst. Ich habe vor Werken gestanden, von denen andere Menschen begeistert waren, und dachte: Tja.
Dann bin ich weitergegangen.
Vielleicht liegt darin etwas, das wir bei all unseren Bemühungen um Kunstvermittlung leicht übersehen. Zugang lässt sich organisieren. Einlass nicht. Kunst kann mir etwas gegenüberstellen, worum ich sie gar nicht gebeten habe. Eine Erinnerung. Eine Sehnsucht. Etwas Hässliches. Etwas Schönes, das gerade deshalb weh tut. Ein Raum wiederum erreicht mich über die Ohren. Eine Kirche hat ihren Hall. Mein Atelier riecht nach Ton, Farbe und Papier. Ein Geruch kann eine Erinnerung hereinlassen, bevor ich überhaupt weiß, woher sie kommt.
Offenbar besitzt Kunst mehr als eine Tür. Nur möchte ich daraus keinen Zirkus der Sinne machen. Ein Gemälde braucht keinen Duftspender. Eine Fotografie muss nicht singen. Eine empfindliche Zeichnung darf hinter Glas bleiben. Und manchmal möchte ich vor einem Bild einfach nur schauen. Mich interessiert aber trotzdem die Möglichkeit, auch eine andere Tür zu nehmen.
Genau damit experimentieren wir bei unserer Ausstellung Farbe berührt. Zuerst waren da Fotografien, Malerei und Keramik. Sie stehen für sich. Später kamen Geschichten hinzu, die sich lesen oder hören lassen. Aus einigen Texten wurden Lieder. Geräusche kamen dazu. Keramiken dürfen in die Hand genommen werden.
Anfangs haben wir darüber gar nicht besonders theoretisch nachgedacht. Wir wollten verschiedene Wege zu unseren Arbeiten öffnen. Erst während der Vorbereitungen merkten wir, dass daraus etwas entstanden war, das einen ziemlich großen Namen trägt: Inklusion. Das Wort kam später. Darüber bin ich ganz froh. Denn die Vorstellung, für verschiedene Gruppen jeweils den passenden Eingang zur Kunst bauen zu müssen, behagt mir wenig. Hier die Sehenden. Dort die Blinden. Hier die Kunstkenner. Dort diejenigen, die lieber Fußball schauen.
Vielleicht steht am Ende vor jedem Kunstwerk ohnehin nur ein einzelner Mensch. Wir können ihm Türen zeigen. Durchgehen muss er selbst. Und möglicherweise liegt genau dort die Grenze dessen, was Künstler, Kuratoren und Museen leisten können. Wir können Kunst zeigen, Räume schaffen, Geschichten erzählen, Dinge hörbar oder berührbar machen. Wir können jemanden neugierig machen.
(Torsten Gripp)
