Versuchsanordnung

Mich interessiert eine einfache Frage. Wie viel Rahmen braucht es, um eine Visitenkarte in einen höheren Rang zu heben? Auf einem Antikmarkt fand ich ein altes Stück. Gold. Üppig. Laut. Einer von der Sorte, die aussehen, als hätte er mindestens drei Herzöge und fünf Erbschaften überlebt. Meine Visitenkarte passte gut hinein.

Seitdem bleiben Menschen davor stehen.

Sie lächeln.
Schauen genauer hin.
Manche suchen nach einer Bedeutung.
Andere schütteln mit dem Kopf.

Die Sache mit der Kunst.

Ich weiß bis heute nicht so genau, was Kunst ist. Das Erstaunliche daran: Je länger ich mich mit ihr beschäftige, desto weniger stört mich diese Ungewissheit. Kunst erkenne ich ohnehin nicht an einer Definition. Ich erkenne sie daran, dass ich nach einer Begegnung mit ihr anders auf die Welt schaue.

Als Antwort genügt das allerdings nicht. Nach einer Bergwanderung sehe ich die Welt ebenfalls anders. Nach einem langen Gespräch mit einem Freund. Nach dem Tod eines geliebten Menschen. Nach einem guten Buch. Manchmal reicht schon ein Sonnenaufgang.

Sollte all das Kunst sein?

Wohl kaum.

Also suche ich weiter. Warum sehen zwei Menschen dasselbe und erleben Verschiedenes? Warum gehen wir an manchen Dingen jahrelang vorbei, bis sie uns plötzlich auffallen? Warum verändert derselbe Baum sein Gesicht, obwohl nur Zeit vergangen ist? Und was geschieht zwischen einem Werk und dem Menschen, der davor stehen bleibt?

Diese Fragen interessieren mich mehr als jede Definition.

Seit über fünfzig Jahren fotografiere ich, male und arbeite mit Ton. Trotzdem könnte ich bis heute nicht erklären, was ich eigentlich tue. Manchmal denke ich, es gehe um Aufmerksamkeit. Im nächsten Augenblick gerät auch dieser Gedanke ins Wanken.

Ein Ornithologe schenkt den Vögeln Aufmerksamkeit. Ein Chirurg seinem Patienten. Ein Buchhalter seinen Zahlen. Aufmerksamkeit allein macht aus ihrer Arbeit noch keine Kunst.

Irgendetwas fehlt.

Immer wieder geraten die kleinen Dinge in meinen Fokus. Das Unscheinbare lockt mich. Das fotografiere ich besonders gern. Warum? Darauf kenne ich nur eine ehrliche Antwort.

Weil ich glaube, dass das Unscheinbare mehr Kraft besitzt als sein Ruf.

Oder genauer:

Ich weiß es noch nicht.

Denn erst wenn ich länger hinschaue, beginnt sich etwas zu verändern. Die Dinge bleiben dieselben. Mein Blick nicht.

Alles ist klein.
Bis wir ihm unsere Aufmerksamkeit schenken.

Seit mir das klar geworden ist, betrachte ich meine Arbeit anders. Es geht mir immer seltener darum, etwas Besonderes zu finden. Mich interessiert, ob in einem gewöhnlichen Ding bereits etwas Besonderes verborgen liegt. Die Blume wartet nicht auf mich. Die Teeschale ebenso wenig. Beide sind längst das, was sie sind. Etwas verändert sich erst in dem Augenblick, in dem ich ihnen Aufmerksamkeit schenke.

Dabei ist mir etwas aufgefallen.

Aufmerksamkeit ist das Einzige, was wir im Leben wirklich hingeben können, ohne sie anschließend noch zu besitzen. Zeit können wir einteilen. Geld können wir zurückverdienen. Dinge lassen sich ersetzen. Aufmerksamkeit geschieht immer nur jetzt. Sobald wir sie einem Menschen schenken, gehört sie ihm. Schenken wir sie den kleinen Dingen oder einem Kunstwerk, geschieht genau dasselbe. Für einen kurzen Moment verliert alles andere seine Bedeutung. Genau dort berühren sich Liebe und Kunst. Beide beginnen mit Aufmerksamkeit.

Beide sagen leise: Schau einfach einmal hierhin.

Der Horizont zieht um

Ich vermisse das Blau der Ostsee nicht.

Dieser Satz hat mich heute Morgen selbst überrascht.

Noch vor wenigen Tagen stand ich am Wasser. Himmel und Meer hatten sich so gründlich miteinander vermischt, dass ich den Horizont eher geahnt als gesehen hatte.

Jetzt schaue ich aus dem Fenster auf Wesseling.

Grau.

Und doch fehlt mir nichts.

Früher hätte ich gedacht, ich hätte das Blau zurückgelassen. Heute traue ich dieser Vorstellung nicht mehr. Denn das Meer bestand nie nur aus seiner Farbe.

Es bestand aus Zeit.

Dort schaute ich einer Welle nach. Dann der nächsten. Irgendwann hörte ich auf zu zählen. Ich hatte nichts vor. Das Meer ebenfalls nicht. Wir kamen erstaunlich gut miteinander aus. Hier zu Hause versucht das Grau sofort, nützlich zu werden. Es erinnert an Erledigungen. An Wege. An Uhrzeiten. Vielleicht geschieht ihm damit Unrecht. Vielleicht besitzt auch Grau eine Tiefe, die sich erst zeigt, wenn man lange genug hinsieht.

Die Straße vor meinem Haus trägt Spuren von Regen, die gestern noch niemand bemerkt hat. Eine Amsel läuft über den Rasen, als hätte sie den ganzen Vormittag Zeit. Im Lavendel arbeitet eine Hummel mit einer Gelassenheit, die in keinem Terminkalender Platz findet. Plötzlich erkenne ich etwas. Das Meer hat mich gar nicht langsamer gemacht.

Es hat mich daran erinnert, wie Langsamkeit aussieht.

Blau war nie das Ziel. Blau war der Lehrer. Jetzt beginnt die eigentliche Übung. Sie findet zwischen Mülltonnen und Briefkasten statt. Zwischen den ersten Mails des Tages und einer Tasse Tee. Zwischen den grauen Wolken, die sich über Wesseling zusammenschieben, als hätten sie vergessen, dass auch sie einmal aus Wasser bestanden.

Seit Jahren versuche ich, die Welt zu betrachten, bis sie ihre zweite Geschichte erzählt. An der Ostsee fällt das leicht. Dort hilft das Blau. Hier hilft das Grau. Es verlangt mehr Geduld. Vielleicht sogar mehr Liebe. Denn Müßiggang entsteht weder am Meer noch im Urlaub. Er beginnt in dem Augenblick, in dem ich aufhöre, Farben zu bewerten. Seitdem suche ich das Blau nicht mehr. Ich übe mich im Grau.

Das Leben liegt manchmal als Haufen auf dem Tisch

Meine Freundin Eva legte einen Haufen bunter Fäden auf den Tisch. Irgendwann. Sie tat das ohne jede Absicht. Sie wollte weder Kunst gestalten noch eine Geschichte erzählen. Es waren einfach Garnreste. Zu kurz, um noch vernäht zu werden. Zu schade zum Wegwerfen. Sie sah Fäden.

Ich sah mein Leben.

Einer von uns musste sich irren.
Je länger ich hinsah, desto unsicherer wurde ich, wer von uns beiden es war. Seltsam eigentlich. Ein paar Zentimeter Garn besitzen keine Bedeutung. Sie erinnern sich an nichts. Sie erzählen nichts. Sie liegen einfach da. Erst in meinem Kopf wurden daraus Begegnungen, Entscheidungen, Abschiede und Zufälle. Ich begann, eine Geschichte zu sehen, obwohl niemand etwas hineingelegt hatte. Und vielleicht ist das die eigentliche Begabung von Eva. Sie erfindet keine Bedeutung. Sie stiftet sie.

Wir erkennen Gesichter in Wolken. Tiere in Felsformationen. Sternbilder am Himmel. Wir blicken auf ein Gemälde und entdecken eine Kindheit. Wir hören ein Lied und plötzlich steht ein längst vergangener Sommer wieder vor uns. Die Welt liefert das Material. Den Rest erledigt unser Blick. So entstand für mich aus diesem Haufen Fäden meine Biografie.
Ich musste an all die Anfänge denken, die in meinem Leben irgendwo liegen geblieben sind. Kaum etwas führe ich wirklich zu Ende. Ich beginne ein Buch und lege es weg. Freundschaften verlaufen im Sand, ohne Streit, einfach weil die Zeit still ihre Arbeit verrichtet. Ideen verschwinden in Schubladen. Reisen bleiben ungemacht. Sätze ungesagt. Entschuldigungen unausgesprochen. Selbst meine Erinnerungen fransen aus. Und irgendwann endet auch mein Leben mitten in einem Satz. Vielleicht hatte ich noch vor, jemanden anzurufen. Vielleicht steht die Staffelei noch im Atelier. Vielleicht liegt ein Stück Ton unter einem feuchten Tuch und wartet geduldig auf meine Hände.

Für mich ist das Wort „unvollendet“ nicht gerade positiv besetzt, dabei steckt darin eine erstaunliche Freiheit. Was unvollendet bleibt, lebt weiter. Es bewegt sich. Es stellt Fragen. Es widersetzt sich der Archivierung. Nur in Romanen schließen sich alle Kreise. Das wirkliche Leben kennt viele lose Enden. Und gerade darin liegt seine Ehrlichkeit.

Berührgut

Vor einiger Zeit habe ich angefangen, meine Visitenkarten selbst zu malen.

Eigentlich war es nur eine kleine Spielerei. Inzwischen liegen oft ein paar Dutzend Karten vor mir auf dem Tisch. Kleine Rechtecke aus Papier. Daneben ein Wasserglas, ein paar Farben, Tusche und Pinsel. Dann wird es still. Ich beginne einfach.

Manchmal entsteht eine Blüte. Manchmal ein Gesicht. Manchmal etwas, das ich selbst nicht benennen könnte. Das muss ich auch gar nicht. Die Karten kommen erstaunlich gut ohne meine Erklärungen aus. Was mich immer wieder verblüfft, geschieht ganz am Schluss. Ich nehme eine fertige Karte in die Hand und sehe sie an, als hätte sie jemand anderes gemalt. Dabei saß ich die ganze Zeit davor.

Ich muss dann lächeln.

Ein paar Minuten später bekommt sie auf der Rückseite einen schlichten Stempel mit meinem Namen. Das war’s schon. Dann darf sie weiterziehen. Ich gebe sie gerne weg. Vielleicht sogar lieber, als sie zu behalten. Irgendwie komisch, schließlich steckt in jeder Karte ein Stück meiner Zeit. Und Zeit gehört zu den wenigen Dingen, die sich niemand zurückholen kann.

Trotzdem fällt mir das Schenken leicht.

Vielleicht sogar gerade deshalb. Ich stelle mir manchmal vor, wie eine dieser Karten zwischen den Seiten eines Buches wieder auftaucht. Oder aus einer Manteltasche fällt. Vielleicht streicht jemand mit den Fingern über eine kleine erhabene Farbspur. Vielleicht lächelt dieser Mensch einen kurzen Moment. Mehr wünsche ich mir gar nicht.

Irgendwann tauchte für all das ein Wort auf.

Berührgut.

Seitdem begleitet es mich. Ich mag Wörter, die sich erst langsam öffnen. Berührgut gehört dazu. Es erklärt nichts. Es lässt Platz. Genau wie diese kleinen Karten.

Vielleicht tragen sie ein wenig Freude in die Welt.
Vielleicht sind sie auch bloß ein Stück Papier.
Für mich macht das erstaunlich wenig Unterschied.

Der Sammler

Jetzt, im letzten Lebensviertel, beginne ich zu verstehen, weshalb ich mich mein ganzes Leben lang von bestimmten Dingen angezogen fühlte. Von einem Stein am Ostseestrand. Einer rostigen Türklinke. Einem Stück Ton und sogar von einer alten Kalligraphie aus China.

Lange hielt ich Fotografie, Malerei und Keramik für verschiedene Tätigkeiten. Inzwischen erscheinen sie mir wie unterschiedliche Wege zu demselben Ort. Alle drei haben mit Sammeln zu tun. Ich sammle Momente. Der Fotograf in mir hebt Augenblicke auf. Ein Blick. Ein Schatten. Ein Hund im Morgennebel. Das Lächeln eines Fremden, das nach einer Sekunde bereits wieder verschwunden ist.

Wenn ich male, sammle ich ebenfalls. Nur arbeite ich mit anderen Netzen. Fange kleine Regungen ein. Farbgedanken. Zufälle. Stimmungen, die für einen Moment durch das Atelier ziehen wie Zugvögel über einen Herbsthimmel.

Der Keramiker in mir wiederum sammelt etwas, das noch schwerer zu greifen ist. Leere. Je länger ich mit Ton arbeite, desto mehr interessiert mich der Raum innerhalb eines Gefäßes. Die Form bildet lediglich seine Herberge. Das Eigentliche bleibt unsichtbar. Vielleicht gilt das auch für das Leben. Die sichtbaren Ereignisse erhalten viel Aufmerksamkeit. Die Auszeichnungen. Die Erfolge. Die fertigen Werke. Doch oft wohnt die eigentliche Bedeutung an einem stilleren Ort. In einem Gespräch. In einer Erinnerung. In einer Erfahrung, die lange nachklingt. Mit jedem Jahr sammeln sich solche Dinge an. Man könnte es Lebenserfahrung nennen. Ich empfinde es eher als eine wachsende Sammlung von Spuren. 

Früher glaubte ich, Erfahrung würde Sicherheit schenken. Heute sehe ich etwas anderes. Jede Antwort bringt neue Fragen hervor. Jeder gewonnene Horizont zeigt weitere Horizonte dahinter. Das Wissen wächst. Mit ihm wächst auch die Unruhe. Wer aufmerksam lebt, entdeckt immer mehr Zusammenhänge, immer mehr Widersprüche, immer mehr Rätsel.

Die Welt wird größer. Der Mensch darin kleiner. Das empfinde ich nicht als Katastrophe, sondern als tröstlich. Denn die meisten Kämpfe entstehen aus dem Wunsch, größer sein zu wollen als man ist. Erfolgreicher. Bedeutender. Besonderer.

Ich habe lange gebraucht, um Frieden mit meiner eigenen Mittelmäßigkeit zu schließen. Inzwischen liebe ich sie. Vielleicht sogar aus denselben Gründen, aus denen die alten Griechen die Mitte schätzten. Sie verwendeten dafür das Wort Mesotes. Gemeint war damit keine Lauheit und kein Durchschnitt. Die Mitte galt ihnen als Ort der Reife. Als ein Zustand, in dem der Mensch weder über seine Grenzen hinausschießt noch unter seinen Möglichkeiten bleibt.

Die Extreme wirken spektakulär. Die Mitte verlangt Aufmerksamkeit. Wer ständig nach Höchstleistungen strebt, übersieht vieles. Wer sich aufgegeben hat, ebenfalls. Die Mitte besitzt eine stille Würde. Dort gehe ich heute am liebsten spazieren. Zwischen den großen Behauptungen. Zwischen den lauten Meinungen. Zwischen den Sehnsüchten nach Ruhm und Bedeutung. Dort liegen die Dinge, die mich wirklich interessieren. Eine Schale, die leicht schief geworden ist. Ein Foto, das mehr Fragen stellt als Antworten gibt. Ein verschwommenes Bild vom Garten. Eine Tasse Tee an einem Wintermorgen. Nichts davon würde Schlagzeilen erzeugen. Doch genau dort entdecke ich einen Reichtum, den ich früher übersehen habe. 

Lange Zeit hielt ich Reichtum für eine Frage des Besitzes. Heute erscheint mir das beinahe wie ein Missverständnis. Ein Mensch kann viel besitzen und dennoch in einer inneren Armut leben. Er jagt dann von Wunsch zu Wunsch, von Ziel zu Ziel, von Erwerb zu Erwerb. Seine Hände werden voller. Sein Leben bleibt hungrig. 

Der Sammler in mir lebt anders. Er besitzt wenig. Er empfängt viel. Er sammelt die Wärme einer Hauswand an einem Sommerabend. Das Geräusch von Regen auf einem Dach. Den Duft feuchter Erde. (Oh ja, auch dafür hatten die alten Griechen ein Wort.) Die Erinnerung an einen geliebten Menschen. Ein gutes Gespräch. Ein gelungenes Schweigen. 

Meine Schätze passen in keine Vitrine. Sie lassen sich weder versichern noch verkaufen. Trotzdem wächst ihr Wert mit den Jahren. Je mehr die Welt in uns Platz findet, desto reicher werden wir. Deshalb interessiert mich heute die Leere einer Teeschale mehr als ihre Form. Die Leere ist bereit zu empfangen. Sie erwartet etwas. Sie lädt ein. Ein volles Gefäß kann wenig aufnehmen. Ein offenes Gefäß hingegen wird zum Gastgeber.

Vielleicht besteht darin die eigentliche Aufgabe des Älterwerdens. Weniger sammeln, was man besitzt. Mehr sammeln, was einen berührt. Ich betrachte mein Leben inzwischen wie eine große Sammlung solcher Berührungen. Tausende Fotografien. Hunderte Zeichnungen. Schalen und Becher aus dunklem Ton. Gespräche. Irrwege. Verluste. Freundschaften. Augenblicke.

Keines dieser Dinge macht mich bedeutend. Doch jedes einzelne macht mich reich. Und manchmal entsteht der Verdacht, dass die Welt ihre kostbarsten Geschenke gerade dort auslegt, wo die meisten Menschen achtlos vorbeigehen.

Am Rand des Weges. Im letzten Viertel des Lebens.

Von der Ethik des Alltäglichen

Es gibt Menschen, die beim Wort „teuer“ sofort an Status denken. An exklusive Kleidung, Schmuck, Autos, Vitrinen. Mich interessiert etwas anderes. Der tägliche Gebrauch. Die stille Verlässlichkeit eines Gegenstandes, der über Jahre an meiner Seite bleibt und langsam Teil meines Lebens wird.

Mein Messer mit dem Sandelholzgriff liegt auf dem Tagebuch, als wäre es dort zuhause. Unauffällig. Ruhig. Wach. Bereit für ein Stück Brot, etwas Käse, eine Tomate mit Salz. Der Damaststahl schimmert im schrägen Licht wie ein kleiner Bach unter Herbstlaub. Vierundsechzig Lagen Stahl. Eigentlich völlig übertrieben für eine Brotzeit. Genau deshalb berührt es mich. Jemand hat sich Mühe gegeben. Jemand hat Stunden seines Lebens in eine Klinge gelegt, damit ein anderer Mensch später eine Birne schneiden kann, als wäre sie etwas Kostbares.

Der Montblanc daneben. Ein Meisterstück. Schwer in der Hand. Viel zu teuer für einen Bleistift. Pustekuchen. Er schreibt weich wie ein Gedanke kurz vor dem Einschlafen. Und plötzlich sitzt man abends am Fenster, hört den Regen gegen die Scheibe ticken und notiert einen Satz, der sonst verloren gegangen wäre.

Der Rotmarderhaarpinsel mit seiner feinen Spitze kennt meine Ungeduld besser als manche Menschen. Er nimmt Wasser auf, Farbe, Zittern, Müdigkeit. Und mein Tagebuch im Büffelleder riecht bei feuchtem Wetter ein wenig nach Werkstatt und alter Bibliothek. Wie ein Gegenstand, der schon gelebt hat, bevor er zu mir kam.

All diese Dinge haben mit Reichtum zu tun. Doch eben kaum mit Geld. Sie stehen nie über mir. Eher neben mir. Wie gute Begleiter. Sie helfen beim Leben. Beim Wahrnehmen. Bei der Zufriedenheit.

Vielleicht entsteht genau dort der wahre Luxus.

Erst machen, dann merken

Man kann Kunst anschauen und dabei kluge Dinge denken. Funktioniert. Reicht oft für ein Gespräch bei einem Glas Wein. Aber viel weiter kommt man so selten. Der Kopf ist schnell zufrieden. Der Rest bleibt außen vor.

Ich möchte die Reihenfolge umdrehen: erst handeln, erst fühlen, dann verstehen. Klingt simpel. Ist es auch. Und gleichzeitig etwas radikal. Denn plötzlich trägt der Betrachter Verantwortung für die eigene Wahrnehmung. Er steht nicht mehr vor der Kunst wie vor einer Auslage. Er steckt mitten drin.

Genau da setze ich an. Bei meiner Keramik bleibt es nicht beim Schauen. Man nimmt beispielsweise eine Teeschale in die Hand. Spürt Gewicht. Temperatur. Oberfläche. Vielleicht schmeckt man sogar etwas mehr, als nur den Tee. Und währenddessen passiert etwas Ungeplantes: Das Urteil setzt aus. Für einen Moment gibt es kein „gefällt mir“ oder „verstehe ich nicht“. Es gibt nur Kontakt.

Interessanterweise kommt das Verstehen dann von selbst zurück. Leiser. Weniger wichtig. Eher wie ein Nachklang. Man merkt: Da war etwas. Und es hat gereicht.

Kunst als Erfahrung statt als Aufgabe. Weniger Rätsel, mehr Reibung. Und plötzlich steht man nicht mehr davor, sondern mittendrin.

Grüße aus dem Transit

Ich wohne in Wesseling. Mein Transitbereich hier auf der Erde. Ein Warteraum mit überraschend guter Akustik. Leider sind einige Türen ohne Beschriftung. Und aus vielen Fenstern kann ich besser hinein- als heraussehen.

Die Zeit verteilt sich wie lose Münzen in der Manteltasche und es werden immer weniger. Ich lebe dieses Leben. Einfach so. Mit Aufstieg und Abstieg, mit Klarheit und Nebel, mit Umarmungen und Sturmgesichtern. Gesellschaft. Stille.

Das Ganze trägt Humor im Fundament. Ein leicht schiefer Humor, der morgens Kaffee trinkt und abends über Sternenstaub stolpert.

Ich arbeite als Schöpfer. Jemand der Spuren in Ton und Licht drückt. Keramik als Beweis für Anwesenheit. Fotografie als Echo von Bewegung. Malerei als Gespräch mit dem Unsichtbaren. Kunst begleitet jede Ecke meines Aufenthalts. Sie sitzt am Tisch, sie lehnt am Türrahmen, sie füllt Pausen mit Farbe.

Am Ende meiner Transitzeit öffnet sich das Geschehen, da bin ich mir sicher. Irgendwo wird ein Gespräch auf Augenhöhe auf mich warten; mit dem Ursprung und ohne erhobenen Zeigefinger. Ein neugieriges Nicken zwischen zwei alten Bekannten, das wäre wunderbar. Manchmal stelle ich mir vor, das Paradies betreibt eine eigene kleine Bürokratie aus Wolken. Stempel aus Licht, Akten aus Wind. Jeder Tag bekommt eine Form, die sich sofort wieder verändert. Ich unterschreibe mit Ton, mit Farbe, mit Augenblicken. Der Blick auf die Ewigkeit öffnet sich gelegentlich, dann riecht alles nach frischem Anfang und altem Humor.

Aber bis dahin höre ich auf das Klirren der Momente. Male Bilder. Fotografiere und drücke meine Hände in den Ton. Bleibe ab und zu stehen, schaue, arbeite weiter.

Ein gutes Leben sollte sinnlos sein.

Die Vorstellung, das Leben habe einen Sinn, klingt zunächst tröstlich. Sie verspricht Ordnung. Ein Ziel. Eine Art kosmischen Stundenplan. Aufstehen, lernen, lieben, leisten, sterben. Alles eingebettet in eine große Erzählung, die irgendwo, irgendwie Sinn ergibt. Das Problem beginnt genau dort. Sobald Sinn als etwas Vorgegebenes auftaucht, verwandelt sich das Leben in eine Aufgabe. Und Aufgaben werden bewertet.

Schon mit der Geburt beginnt ein leiser Druck.

Aber, wenn das Leben einen objektiven Sinn hätte, dann gäbe es zwangsläufig bessere und schlechtere Arten, ihn zu erfüllen. Menschen würden zu Lösungen oder Fehlversuchen. Ein gelungenes Leben hier, ein verfehltes dort. Man müsste messen, vergleichen, einordnen. Die Existenz würde in ein Raster gepresst, das irgendwann enger wird als das, was ein Mensch überhaupt sein kann.

Die Antike kannte diese Spannung. Bei den Stoikern etwa findet sich der Gedanke, dass ein gutes Leben in Übereinstimmung mit der Natur verlaufen soll. Klingt harmlos. Doch schon schwingt ein Maßstab mit. Wer nicht in Übereinstimmung lebt, verfehlt etwas. Und zack, schon steht man wieder vor einer unsichtbaren Prüfung.

Auf der anderen Seite steht jemand wie Epikur, der das Glück im einfachen Leben sucht. Lust als Abwesenheit von Schmerz. Auch das wirkt wie eine Befreiung. Und doch: Wieder ein Kriterium. Wieder ein Maß.

Die These, das Leben dürfe keinen Sinn haben, zieht durchaus eine radikale Linie. Sie sagt: Streicht den Maßstab. Zerschlagt die Idee, dass das Leben auf etwas hinauslaufen muss. Aus einer Art Schutzinstinkt für die Lebendigkeit selbst. Denn sobald das Leben Mittel zum Zweck wird, verliert es seine Eigenwürde.

Man kann sich das vorstellen wie bei einem Spaziergang mit einem Navigationsgerät. Geht man, um anzukommen, wird jeder Schritt bewertet. War er effizient? Schnell genug? Der Weg schrumpft zur Strecke. Geht man jedoch ohne Ziel, öffnet sich etwas anderes. Der Weg wird zum Ereignis. Ein Geräusch hier. Ein Lichtfleck dort. Man stolpert, bleibt stehen, geht weiter. Plötzlich passiert Leben, statt abgearbeitet zu werden.

Überträgt man das auf die Existenz, wird klar, warum Sinn gefährlich werden kann. Er verwandelt Erfahrung in Mittel. In Werkzeug. In etwas, das sich rechtfertigen muss. Der Gedanke, dass das Leben selbst der Sinn ist, wirkt dagegen fast banal. Und gleichzeitig explosiv. Leben und Erleben. Denken. Irren. Umwege gehen. Dinge tun, die sich keinem Plan unterordnen. Das alles steht plötzlich für sich. Es braucht keine höhere Instanz, die nickt oder den Kopf schüttelt.

Hier berührt sich modernes Denken mit alten Linien. Existentialisten wie Sartre haben genau das zugespitzt: Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt. Kein vorgegebener Sinn. Kein Skript. Erst handeln, dann entsteht Bedeutung. Der Unterschied zur Ausgangsthese liegt im Ton. Bei Sartre klingt es oft wie eine Last. Ich sage: Es ist eine Erlaubnis.

Und diese Erlaubnis hat Wucht.

Denn sie nimmt den Menschen aus der Vergleichslogik heraus. Wenn es keinen übergeordneten Sinn gibt, dann gibt es auch keinen universellen Maßstab. Das Leben eines Gärtners steht nicht unter dem eines Philosophen. Die stille Zufriedenheit eines Nachmittags wiegt nicht weniger als ein öffentlich gefeierter Erfolg. Bewertung verliert ihren absoluten Boden und wird zu etwas Relativem, Lokalem, vielleicht sogar Geschmackssache.

Das könnte den ein oder anderen nervös machen.

Ohne Sinn, so höre ich schon den Einwand, droht Beliebigkeit. Alles wird gleich gültig. Orientierung geht verloren. Doch hier liegt ein Denkfehler. Orientierung verschwindet nicht, sie verschiebt sich. Statt eines großen Plans treten kleine, selbst gebaute Zusammenhänge. Entscheidungen, die nicht richtig oder falsch im absoluten Sinn sind, sondern stimmig oder unstimmig im eigenen Erleben.

Natürlich bleibt ein Rest Unbehagen. Ganz ohne Sinn? Wirklich?
Einwände liegen auf der Hand. Ohne Sinn, ohne Ziel – driftet man dann nicht? Verliert man sich nicht?
Ich drehe die Frage. Wer sagt, dass Verlieren ein Problem ist? In vielen Fällen beginnt genau dort etwas. Eine neue Sicht. Eine ungeplante Begegnung. Eine Einsicht, die sich nicht hätte planen lassen. Der Wunsch nach Sinn ist oft der Wunsch nach Kontrolle. Nach einem Geländer. Nach einem Versprechen, dass alles irgendwo hinführt.

Freiheit gibt dieses Versprechen nicht.

Sie gibt etwas anderes. Verantwortung. Wenn kein übergeordneter Sinn existiert, kann ich mich nicht mehr darauf berufen. Ich kann nicht sagen: So sollte es sein. Also habe ich so gehandelt. Ich stehe da mit meinen Entscheidungen. Nackt, könnte man sagen. Oder klar.

Und genau diese Klarheit ist unbequem. Sie fordert. Sie zwingt zum eigenen Urteil.

Das selbstständige Denken ohne Schranken und Bedingungen, das klingt groß. Fast pathetisch. In der Praxis ist es oft stiller. Es beginnt in kleinen Momenten. Ein Gedanke, der querliegt. Eine Gewohnheit, die man nicht mehr automatisch ausführt. Eine Meinung, die man überprüft, statt sie zu wiederholen.

Es ist kein Feuerwerk. Eher ein leises Umlernen.

Ich vertraue diesem Prozess mehr als jeder großen Sinn-Erzählung. Weil er beweglich bleibt. Weil er Korrekturen zulässt. Weil er nicht vorgibt, am Ende anzukommen. Und vielleicht liegt genau darin die Pointe: Ein sinnloses Leben muss nicht verteidigt werden. Es muss gelebt werden. Schritt für Schritt. Gedanke für Gedanke. Ohne Garantie. Ohne Endpunkt.
Wenn ich also sage: Ein sinnloses Leben ist ein Leben in Freiheit, dann meine ich keinen Mangel. Ich meine einen offenen Raum. Einen Raum, in dem etwas geschehen kann, das keinen Stempel braucht, um gültig zu sein. Sie können diesen Raum betreten oder meiden. Beides ist möglich. Nur eines fällt weg: die Ausrede, dass der Sinn schon irgendwo vorgegeben ist.

Der Rest liegt bei uns.