Billige Wahrheiten?

Sie hängen überall. In alten Küchen.
In engen Fluren.
In Herzform gestickt oder gerahmt in Mahagoni.
Zwischen vergilbten Familienfotos und Porzellanenten mit Goldrand.
Spruchweisheiten.
Wortkerne des Alltags.
Lebensschnüre.
Für viele nur Flachgold.
Für mich: die Wahrheit.

Als Kind habe ich mit ihnen lesen gelernt.
„Morgenstund hat Gold im Mund“.
Ich war vielleicht fünf.
Meine Großmutter zeigte auf das gestickte Band über dem Sofa, unter dem Wandteller mit der Alpenszene.
Ich las, was dort stand, und verstand – nichts.
Ich war nur stolz, die Buchstaben zu erkennen.

Später kamen mehr Sprüche.
In Frakturschrift, in Sütterlin, in Schreibmaschinenlettern.
Immer waren sie da.
Als wären sie Teil des Hauses.
Wie der Geruch nach Bohnerwachs und Linoleum.
Wie das Sonntagsblatt in der Tageszeitung.

„Reden ist Silber. Schweigen ist Gold.“
Ein Satz, den ich hasste.
Ich redete gerne.
Zu viel, sagten manche.
Und der Spruch hing dort wie ein stiller Zeigefinger.
Ein kleiner Ordnungsruf, immer in Blickhöhe.

Ich war sieben.
Nun fand ich die Sprüche doof.
Zu alt.
Zu kitschig.
Zu wenig Ich.

Doch dann vergingen Jahre.
Jahrzehnte.
Und der Satz kommt zurück.
Nicht als Mahnung.
Sondern als Erinnerung.
Und als Wahrheit.

Die Weisheit hat kein modernes Gesicht.
Sie trägt keine Sneakers.
Sie kommt nicht auf TikTok.
Sie schreit nicht.
Sie flüstert.
Sie ist unauffällig.
Vielleicht ein bisschen spießig.
Und doch:
Wer laut genug hinliest,
erkennt manchmal das Leben selbst.

„Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“
Ein Satz, über den ich lange gelächelt habe.
Zu schulmeisterlich. Zu lehrbuchartig.

Aber wie oft hab ich’s erlebt:
Neid, List, kleine Gemeinheiten.
Und wie oft hat das Leben dann still und leise zurückgeschlagen.
Nicht aus Rache.
Nur aus Gleichgewicht.

Diese Sprüche sind wie Kiesel am Wegesrand.
Man übersieht sie.
Tritt auf sie.
Und wundert sich, wenn einer im Schuh bleibt.
Und drückt.
Und sich nicht entfernen lässt.

Spruchweisheiten sind keine Philosophie.
Sie sind ihr entfernter Vetter.
Karggescheit.
Alltagstief.
Verdichtet.
Sie sagen, was ist.
Ohne Begründung.
Ohne Diskussion.

Und genau das macht sie so wirkungsvoll.
Sie appellieren an das, was wir längst wissen.
Und doch so gern vergessen.

Ich mag sie nicht alle.
Viele klingen wie Vorschriften.
Andere wie stille Drohungen.
Andere sind voller Liebe.
Die sind für mich wie ein altes Märchen.

„Wer ein Warum zum Leben hat, der trägt auch jedes Wie.“
Das klingt tief.
Und ist es auch.
Nietzsche hat’s gesagt, nicht meine Oma.
Aber sie hätte nicken können.
Weil sie es gelebt hat.

Es ist seltsam:
Diese alten Sprüche,
die mich als Kind genervt haben,
sprechen heute leise in mir weiter.
Ich höre sie in Momenten des Zweifels.
Oder wenn ich das Gefühl habe,
mich selbst verloren zu haben.

Sie sind wie Familienmitglieder.
Nicht zwingend sympathisch.
Aber verlässlich.
Wie ein Seelenschirm.

Manche Sätze brauchen ein ganzes Leben, bis man sie versteht.
„Geben ist seliger denn Nehmen.“
Als Kind klingt das nach Verlust.
Als Jugendlicher nach Weltverbesserung.
Heute weiß ich:
Es macht frei.

Spruchweisheiten sind keine Erklärungen.
Sie sind Erinnerungen.
Sie erklären nichts.
Aber sie erinnern an alles.

An das, was man tun sollte.
An das, was man nie hätte tun sollen.
An das, was zählt. Und bleibt.

Spruchweisheiten sind keine billigen Wahrheiten.
Sie sind verdichtete Erfahrung.
Geschenkt.
Ohne Garantie.
Aber mit Nachleuchten.

Und das ist das Seltsame:
Sie sind immer da.
Ob man an sie glaubt oder nicht.
Ob man sie beachtet oder überliest.
Sie sitzen im Raum wie die Katze der Großmutter.
Still. Und da.

Ich sehe sie heute mit anderen Augen.
Nicht als Erziehungsversuch.
Sondern als Einladung zur Rückkehr.
Zur Selbstverortung.

Denn manchmal – wenn alles zu laut wird –
ist da dieser Satz,
der kommt
wie ein freundlicher Schatten:

„In der Stille liegt die Antwort.“

Und dann höre ich wieder das leise Ticken der alten Küchenuhr.
Und sehe den Spruch auf Leinen.
Und spüre:

Die Wahrheit ist nicht billig.
Aber einfach.

Und sie kommt
immer zu Fuß.

Zwischen ZEN und ZORN.

Warum meine Seele
auf dem
Handrücken wohnt.

„Du bist viele – viel zu viele!“ – rief mir eine Freundin zu und blies die Backen auf. Das klang nicht nach einem Kompliment. Eher nach einer Kapitulation. Es schien, als hätte sie sich ergeben – vor den Ecken und Kanten, den Sprüngen und Brüchen meines Charakters. Eben noch war ich scheinbar verständnisvoll und liebevoll, im nächsten Moment aufbrausend und wie aus der Rolle gefallen. Rolle? Spiele ich eine Rolle? Ich glaube, ich habe sie erschreckt. Vielleicht suchte sie nach einem festen Kern, nach dem einen unverrückbaren Ich in mir. Und als sie ihn nicht fand, zweifelte sie. Zweifellos an meiner Authentizität.

Dabei ist genau das mein höchster Anspruch: authentisch sein! Ich habe mich nie als Schauspieler gesehen. Und doch: Ich kann tugendhaft sein – und im nächsten Moment vollkommen unmoralisch. Ich kann liebevoll sein – und zwei Minuten später grantig wie ein aus dem Takt geratener Regenschauer. Ich bin nicht viele. Ich habe nur viele Zustände. Aber die sind echt.
Die Zustände, sie schweben über mir, neben mir, unter mir. Manchmal übernehmen sie die Regie. Manchmal auch ich. Ich finde „Zustände“ viel bezeichnender als dieses ganze Gerede von Rollen. Wer von sich behauptet, stets derselbe zu sein, lügt. Oder hat einfach ein furchtbar langweiliges Innenleben.

War meine Freundin vielleicht nur bequem? Wollte sie einen leicht zu steuernden Menschen, einen Freund, der immer kalkulierbar ist? Und bin ich egoistisch, wenn ich meinen Stimmungen freien Lauf lasse?

Jesus soll gesagt haben, man solle werden wie die Kinder. Gute Idee! Aber ehrlich gesagt: Kinder sind auf entzückende Weise egoistisch. Sie sind Meister der Manipulation, sie können stur sein wie ein Granitblock oder anpassungsfähig wie Knetmasse. Ihre Antennen für Missbilligung und Anerkennung sind hochempfindlich. Je nach Bedarf wechseln sie ihre Strategie. Mal sind sie Engel, mal Teufel, mal unberechenbare Wetterphänomene. Eigentlich haben alle Kinder eine Persönlichkeitsstörung – vielleicht weil sie noch gar keine Persönlichkeit haben?

Und ich? Ich bin im Rentenalter und wechsle nur noch selten meine Zustände. Aber wenn, dann richtig. Bei Menschen, die ich mag, bin ich hemmungslos ehrlich. Ich denke nicht lange nach. Ich lebe meine Widersprüche aus. Ich verliere die Beherrschung, aber ich projiziere meine Probleme nicht in andere. Ich idealisiere niemanden. Und ich habe keine Angst davor, mir selbst einen Spiegel vorzuhalten.

Wie also gehe ich mit dieser Bemerkung um: „Du bist viele“? Ist das vielleicht doch ein Kompliment? Auch wenn es nicht so gemeint war?

Ich starte ein kleines Experiment. Ich werde mich erstens in selbstbewusster Demut üben. Nicht zu verwechseln mit Selbstverleugnung oder Unterwürfigkeit. Sondern eine Gelassenheit, die sich nicht provozieren lässt. Ein sanftes inneres Kopfnicken soll genügen, wenn meine Stimmungen mal wieder Kapriolen schlagen. Das ungehemmte Ausleben aller Höhen und Tiefen werde ich mir für Meditationssitzungen oder nächtliche Albträume aufheben. Mein Freundeskreis soll schließlich nicht unter mir leiden.

Zweitens werde ich meine Seele streicheln. Und zwar wortwörtlich. Ich habe mir ein kleines Stückchen Haut auf meinem linken Handrücken ausgesucht. Das ist von nun an, der Sitz meiner Seele. Immer wenn ich mich gut fühle, fahre ich sanft darüber.
Wenn es mir schlecht geht, werde ich dieselbe Stelle streicheln – um mein Gehirn zu erinnern: Da war doch mal Glück. Vielleicht lässt es sich auf diese Weise wieder einfangen.

Und drittens, am wichtigsten: Ich werde das Nichtstun kultivieren. Nein, nicht die Faulheit. Ich will von nun an noch genauer hinschauen, zuhören, statt zu viel zu sprechen. Mich meinen Lieblingsmenschen zuneigen. Auf ungebetene Ratschläge verzichten. Es ist dieses Nichtstun, das ich kultivieren will. Es zur hohen Kunst erklären, die ich fleißig üben werde. Schließlich ist das auch eine ehrenhafte Tätigkeit. Ich werde mich dem hingeben wie ein Zen-Mönch seinem Tee oder ein Kater seinem Nachmittagsschlaf. Denn wenn ich etwas freiwillig tue – auch wenn es nichts Aktives ist – dann ist es immer noch eine Entscheidung.

Und das ist doch auch wieder authentisch.

Ach, ich mache einfach, was ich will.
Das bin ich.
Ganz egal, wie viele ich bin.

Pflicht und andere Missverständnisse

Pflichtgefühl ist wie eine enge Hose: Manche tragen sie mit Stolz, ich bevorzuge Beinfreiheit.

Wenn ich Ameisen betrachte, habe ich oft den Verdacht, dass sie gar nicht nachdenken. Sie rennen los, tragen Krümel, kämpfen gegen Windböen, bauen ihren Haufen, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. Und auch, wenn eine Ameise in den Tod geht – die anderen laufen weiter, als wäre nichts geschehen. Ich dagegen liege manchmal im Bett und denke einfach nur nach.

Vielleicht, weil ich keine Ameise bin.
Vielleicht aber auch, weil ich kein richtiger Mensch bin.

Natürlich sehe ich aus wie einer. Zwei Beine, zwei Arme, eine Nase im Gesicht. Ich kann reden, essen, mir die Schuhe binden. Aber ich bin nicht, was man gemeinhin einen richtig tüchtigen Menschen nennt. Keiner von diesen Strebsamen, die frühmorgens Listen schreiben und abends alles abgehakt haben. Keiner von diesen Tunichtnichts, die von morgens bis abends faulenzen und trotzdem abends müde sind. Nein, ich bin ein Nicht-Mensch. Ein Sondermodell. Ein Zwischending. Ein Wesen mit der Lizenz zum Verweilen.

Ich bin nicht-wettkämpferisch, weil ich keinen Pokal für das Leben brauche.
Ich bin nicht-habgierig, weil meine Hände lieber Ton kneten als Geld zählen.
Ich bin nicht-rastlos, weil ich nicht glaube, dass man schneller lebt, wenn man rennt.
Ich bin nicht-planerisch, weil Pläne sich sowieso an der Wirklichkeit stoßen.
Und vor allem bin ich nicht-pflichtvergessen, sondern pflichtgewitzt. Ich nehme die Pflicht und drehe sie mir zurecht, bis sie zu mir passt.

Manchmal sticht mich der Hafer, und ich werde für ein paar Stunden ein Beinahe-Mensch. Ich räume auf, schreibe, töpfere, male, renne hin und her, als müsste ich mich selbst einholen. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich gar nicht auf der Flucht bin. Dass kein Ziel auf mich wartet, keine Medaille, kein Applaus.

Die Natur macht es genauso. Sie blüht nicht aus Pflichtgefühl. Sie existiert. Einfach so. Manchmal glaube ich, Gott und ich, wir haben denselben Weg. Einen Weg ohne Ziel.  Und dieser Gedanke gefällt mir.

Ob ich irgendwo ankomme?
Wer weiß das schon.
Aber ich bin hier.
Und das genügt.
Bis ich wieder weg bin.

Das unendliche Üben.

Es war einmal ein Mensch, der Tag für Tag seine Hände in die weiche, kühle Erde tauchte. Er knetete, formte, erkannte und begann von Neuem. Der Ton war sein Gefährte, sein Lehrer, sein Spiegel. Und so übte er – nicht, um etwas Bestimmtes zu erreichen, sondern weil das Üben selbst eine Welt war, in der er frei war und atmen konnte.

Manchmal fragte er sich: Wann kommt der große Moment? Wann werde ich erkennen, dass ich angekommen bin? Wann erlebe ich die große Erfüllung? Doch jedes Mal, wenn der Gedanke kam, gab er sich selbst eine Antwort:

Übe. Übe. Übe.

Torsten Gripp | Grüne Becher | 2025

Der Ton hatte kein Ziel. Kein Becher, keine Schale, kein Gefäß sehnte sich danach, fertig zu sein. Alles entstand und wurde zugleich wieder vergessen. Und so kam es, dass auch er, der Töpfer, vergaß – vergaß, was er wollte, vergaß, wohin er strebte. Er wurde eins mit dem Kneten, dem Drücken, dem Ziehen, dem sanften Nachgeben. Und in diesem Vergessen lag eine Freiheit, von der er nicht gewusst hatte, dass sie möglich war.

Er war längst kein Suchender mehr, kein Jäger nach Perfektion. Die Welt, so seltsam und unbarmherzig sie draußen auch sein mochte, wurde in seinem Tun weich und erträglich. Er musste nichts erreichen. Der Tag kam, wie er kam, mit Licht und Schatten, mit Stille und Lärm. Er nahm ihn an, mit staubigen Händen und einem Herz, das im Rhythmus des Übens schlug.

Die Zeit floss dahin, aber sie war kein Feind. Denn jeden Morgen war da die Freude: Ton auf den Händen, das Fassen, das Nachgeben, das Erschaffen. Und am Abend, wenn alles ruhte, war da keine Ungeduld mehr. Kein Mangel. Kein Warten auf den einen Moment, der alles verändern würde.

Denn der Moment war längst da. Und er war es immer gewesen.

Der Tag passiert mich.

Ich lasse mein Leben laufen. 
Greife nicht ein. 
Fast nicht. 

Es ist wie in der Werkstatt, wenn der Ton durch meine Hände geht – lebendig und doch still. Mein Geist ruht, während meine Hände arbeiten. Sie finden ganz von selbst eine Form. Ich denke nur: „Becher“, und die Reise beginnt. Manchmal denke ich auch: „Teeschale, Vase oder Schale“. Aber der Gedanke bleibt ein leises Wispern. Der Rest geschieht von allein. Jedes Stück wird so ein Einzelstück. Serienfertigung? Unmöglich. Und das ist gut so. Dazu hätte ich ohnehin keine Lust.

Später, wenn ich die Rohform versäubere, wird mein Kopf lebendig. Gedanken fliegen hin und her, treiben vor und zurück, wie Herbstblätter, die keinen Halt suchen. Oft aber bleibe ich einfach nur in diesem einen Moment stehen. In der Freude. Ich halte das Ding, das meine Hände geschaffen haben, und spüre eine leise, warme Zufriedenheit. Es ist so viel mehr als nur Ton. Es lebt. Es ist ein magischer Moment.

Und dann kommt die Glasur. Ein Ritual wie das Anziehen am Morgen. Aus der Vielzahl von Kleidern – meinen Glasuren – wähle ich das aus, das zum Tag passt. Ich entscheide spontan. Der Ofen wird sowieso das letzte Wort haben. Dort, in der Gluthitze, geschieht das Wunder der Verwandlung. Mein Einfluss ist eher gering. Es ist das große Nichteingreifen, das den Zauber möglich macht.

Ich mag dieses Nichteingreifen. Es ist befreiend. Es nimmt mir die Verantwortung ab und schenkt mir stattdessen Glauben. Einen Glauben an das Schicksal, das, wie der Ofen, seine eigene Sprache spricht. Nichteingreifen bedeutet nicht, dass ich mich treiben lasse wie ein Blatt im Wind. Es bedeutet, dem Fluss des Lebens zu vertrauen, ohne ihn zu kontrollieren. Die Arbeit mit dem Ton lehrt mich: Alles hat seine Zeit, seine eigene Geschwindigkeit. Eingreifen würde die Form brechen, würde die Harmonie stören, die sich ganz von allein entfaltet. Es ist ein Tanz zwischen Schicksal und Willen, bei dem der Wille einen Schritt zurücktritt, um dem Schicksal Raum zu geben.

„Der Tag passiert mich.“

Dieser Satz klingt seltsam, als wäre er gestolpert. Und doch ist er ganz eindeutig. Ein Tag passiert mich. Er zieht an mir vorbei, wie ein Strom, in den ich nicht greife. Er lässt sich nicht festhalten, nur erleben. Am Ende wird er von der Nacht abgelöst, wie ein Schatten, der den Raum einhüllt. Und irgendwann falle ich in den Schlaf. Ein Zustand, der vom Tod kaum zu unterscheiden ist. Diese Grenze fasziniert mich. Ich frage mich manchmal, ob ich nach dem Tod wohl auch träumen werde. Die Vorstellung macht mich seltsam froh.

Bisher bin ich immer wieder aufgewacht. Das Licht hat die Dunkelheit besiegt, und mich wieder in den Tag geschickt. Und dafür bin ich dankbar. Der neue Tag kann mich nun wieder passieren. Und so lasse ich ihn fließen – wie alles andere auch.

Jenseits aller Pläne

Seit ein paar Monaten schreibe ich hier meine Gedanken auf. Es ist kein Tagebuch, sondern eher ein Gedankenbuch. Ich plaudere munter über dies und das. Und über das Hineinspringen ins Leben. Ich schreibe über Reisen und Keramiken, über Malerei und Fotografie. Und, natürlich, philosophiere ich – mit dem Pathos eines Hobby-Sokrates – über das Leben an sich.

Mein geheimes Motto? 

Erst schreiben, dann denken. 

Klingt riskant, ich weiß. Aber, wie soll ich sonst herausfinden, was in meinem Kopf los ist? Und wenn es nicht gleich Sinn ergibt, vertraue ich einfach auf die Korrektur am nächsten Tag. Denn, wie die Kölner sagen: „Et hat noch immer jot jejange.“

Dieses Vertrauen macht vieles leichter. Auch das Leben an und für sich und ganz besonders, das Formen von Bechern, Schalen und Vasen. Da stehe ich in meiner Werkstatt, knietief im Ton – na gut, noch nicht einmal knöcheltief – und forme. Ich beobachte das Ergebnis während des Trocknungsprozesses, überlege, welche Glasur das Werkstück verdient hat, und packe mein neues Werk schließlich in den Brennofen. Es ist ein Prozess, der sich insgesamt über viele Wochen erstreckt. Verbunden mit Warten, Hoffen und gelegentlichem Fluchen (vor allem, wenn der Ofen die Glasur anders interpretiert als ich).

Am Ende: ein formidabler Becher. Oder ein missglückter Versuch, der aussieht wie ein sehr trauriger Schlauch. Egal. Alles gehört dazu. Einige dieser Werke wohnen jetzt bei mir in der Küche, andere im Wohnzimmer. Ausgewählte Stücke haben nun auch einen anderen Besitzer. Die weniger Glücklichen? Die sind in einer Kiste im Keller und führen ein stilles Dasein.