Visitenkarten?

Die Karte, die geht

Ich mache meine Visitenkarten selbst. Das klingt zunächst nach einer ziemlich umständlichen Idee. Man könnte sie drucken lassen. Hundert Stück. Fünfhundert. Alle gleich. Sauber geschnitten, ordentlich verpackt und jederzeit griffbereit.

Ich sitze stattdessen an meinem Tisch und male.

Auf Umweltpapier. Oder auf schwerem Aquarellpapier, 320 Gramm. Ich nehme meine Aquarellfarben, einige davon stammen aus einer kleinen Manufaktur in Assisi. Dazu Acrylfarbe. Ölkreide. Manchmal ziehe ich eine schwarze Linie durch das Bild, ziemlich brutal sogar. Sie darf stören. Sie darf etwas kaputtmachen.

Jede Karte entsteht einzeln. Ich weiß vorher selten, wie sie aussehen wird. Eine Farbe trifft auf eine andere. Wasser läuft ein Stück weiter als gedacht. Die Ölkreide widersetzt sich. Ein grüner Punkt landet irgendwo und bleibt dort. Manchmal schaue ich ihn an und denke: Was machst du denn da? Dann darf er bleiben. Am Ende liegt eine kleine Malerei vor mir. Auf der Rückseite stehen mein Name und meine Kontaktdaten. Damit ist es, ganz offiziell, eine Visitenkarte.

Pustekuchen.

Für mich ist sie längst etwas anderes. Ich möchte diese Karten Menschen geben, mit denen eine Begegnung entstanden ist. Menschen, die mit mir in Verbindung bleiben möchten. Ich werde sie also kaum in großen Stapeln am Eingang auslegen. Sie sollen von einer Hand in eine andere gehen. Dieser Gedanke gefällt mir. Denn plötzlich wird aus diesem winzigen Stück Papier ein Gegenstand mit einer Geschichte. Ich habe daran gesessen. Habe Farben ausgesucht, verworfen, übereinandergesetzt. Irgendwann war die Karte fertig. Dann lag sie eine Weile bei mir.

Und eines Abends gehört sie zu einer Begegnung.

Vielleicht steckt jemand sie in die Jackentasche. Findet sie Wochen später wieder. Legt sie auf einen Schreibtisch. Benutzt sie als Lesezeichen. Rahmt sie womöglich sogar ein. Oder sie verschwindet in irgendeiner Schublade zwischen einem alten Schlüssel und einer Kinokarte. Auch gut. Ihre Reise liegt dann außerhalb meiner Hände.