Wo Sorgen ruhen

Manchmal gelingt es. Ein, zwei Mal im Jahr. Dann steht so eine Schale vor mir und ich merke, dass ich nichts mehr hinzufügen will. Sie ist unruhig. Der Rand kippt leicht. Die Glasur zieht sich zusammen, sammelt sich, lässt Spuren stehen. Zeit und Hitze haben sich eingeschrieben. „Becher“ als Beschreibung reicht nicht. Schale auch nicht. Ich halte sie, drehe sie. Sie verlangt Aufmerksamkeit.

Ich habe ihr in Japan einen Kiribako bauen lassen. Leichtes Holz, klar gearbeitet. Dort kann sie sich ausruhen. Öffnen verändert den Moment. Innen wartet kein Objekt. Eher ein schützender Raum für ein kleines Heiligtum. Ein Ensō liegt bei. Mein Zeichen. Ein Zug. Er spricht dieselbe Sprache wie die Schale. Dazu ein erster Gedanke, so wie er kam:

„Ich muss lächeln und stelle die Schale dorthin, wo Sorgen ruhen.“

Dieser Satz, auf wertvollem Papier von Hand geschrieben, begleitet die Keramik. Ich nehme diese Arbeit ernst. Beim Benutzen verlangsamt sich etwas. Der Mensch wird ruhiger. Gedanken verlieren Druck. Es entsteht ein Ort, an dem sich etwas setzen darf.

Ein Gefäß, das trägt. Auch das, was sonst keinen Platz findet.

Handgemachte Visitenkarten

Ich habe Visitenkarten gemacht wie andere Leute Marmelade einkochen. Mit Hingabe. Mit Farbe an den Fingern. Mit der leisen Hoffnung, dass etwas Haltbares entsteht, das sich auch noch gut anfühlt, wenn man es jemandem reicht.

Dann kam der Moment der Wahrheit. Der Tisch lag voll. Kleine Rechtecke. Große Erwartungen. Und plötzlich schaute mich aus jeder Karte ein winziger Makel an. Ein Strich zu viel. Ein Fleck, der sich breit machte. Ein Buchstabe, der kaum zu entziffern war. 

Also begann das große Aussortieren. Ein leises Massaker. Karte für Karte wanderte auf den Stapel der Gescheiterten. Ich fühlte mich kurz sehr konsequent. Fast streng. Wie ein Kurator.

Am Ende blieben nur wenige Karten übrig. Die, die sich nicht so sehr bemüht hatten, besonders zu sein. Und genau da wird es seltsam. Diese Karten haben etwas. Ganz ohne Kunstgebaren. Ohne Zirkus.

Ich sitze also vor meinen wenigen übrig gebliebenen Karten und muss lachen. So viel Mühe, um am Ende dort zu landen, wo es still wird. Wo etwas gelingt, gerade weil es sich nicht ganz richtig anfühlt.

Vielleicht ist das der eigentliche Luxus. Etwas anzuschauen und zu sagen: Es wackelt. Es lebt. Ich behalte es.

Zu schön, um Kunst zu sein?

Warum uns einfache Bilder misstrauisch machen

Die Blüte kennt kein Understatement. Sie hat auch keine Geduld für Sachlichkeit. Kurz vor ihrem Ende verschwendet sie sich. Mit einer kleinen Haube aus Schneekristallen präsentiert sie ihre Farbe als Überschuss. Ein letztes Aufleuchten gegen die große Nüchternheit des Daseins. Und genau dort beginnt das Problem für den ernsthaften Kunstliebhaber. Zu viel Freude. Zu viel Direktheit. Zu wenig intellektuelles Stirnrunzeln. 

Kunst hat sich über Jahre angewöhnt, den Umweg zu lieben. Konzept. Bruch. Ironie. Alles kluge Werkzeuge. Nur verlieren sie gelegentlich den Kontakt zur unmittelbaren Erfahrung. Diese Blüte kennt keine Ironie. Sie meint es ernst. Radikal ernst. 

Das Foto bietet keinen Fluchtweg. Es fehlt auch ein Diskurs, der sich dazwischenschiebt. Nun ist es leicht die Nase zu rümpfen. Zu gefällig. Zu schön. Zu nah am Postkartenständer. Wer hier gelangweilt abwinkt, schützt sich. Vor der eigenen Rührung, die sich schwer in Worte übersetzen lässt. Abwehr, wie ein tausendfach geübter Reflex.

Farbe berührt. Kein Slogan. Eine Beobachtung.

Das Gefäß im Dazwischen

Der Draht setzt Linien, doch er schließt nichts. 
Das Gefäß zeigt sich als Idee.
Dort, wo kein Material ist, beginnt seine eigentliche Form.
Der Blick sucht Halt und findet Zwischenraum.
Er will fassen und lernt sehen.
So wird der Draht zur Übung.
Im Weglassen.

Wer das sehen will, kommt näher.
Der Rest läuft daran vorbei und nennt es Dekoration.

Das Bündnis

Ein kleiner Versuch über das Denken, das Denken beobachtet.

Der Sonntag sitzt schon am Tisch, bevor ich die Küche betrete.

Der Kaffee duftet.
Warm. Dunkel. Ein Duft mit Gewicht. Er schiebt sich durch die Räume. Vom Herd bis in den Wintergarten. Bis zu dem großen Tisch am Fenster, an dem der Morgen heute wohnen darf.

Die Sonne arbeitet bereits.
Und legt ihre Finger auf den Tisch. Auf die Tasse. Auf meine Stirn. Staubkörner treiben im Licht. Kleine Planeten. Jeder mit eigener Umlaufbahn. Ich sehe ihnen zu. Eine ganze Galaxie zwischen Kaffeetasse und Fensterrahmen.

Im Radio läuft Musik, die mich kennt.

Heute habe ich keinen Plan für den Tag.
Fast keinen.

Während dieser Gedanke im Kopf sitzt und sich selbst applaudiert, entsteht ein anderer. Ein stiller Vorschlag. Vielleicht schreibe ich später ein kleines Essay über diesen Morgen. Über das Licht. Über die Staubkörner. Über die eigenartige Freude eines Menschen, der einfach am Tisch sitzt und denkt. Gedanken beobachten Gedanken. Ein sonderbares Gefühl. Mein Gehirn besitzt offenbar mehrere Etagen. Heute Morgen haben sie alle geöffnet.

Dann taucht der gestrige Tag auf. Mein Ärger. Dieses Ärgern gehört zu einer eigenen Sorte Gefühl. Kein langer Zorn. Eher ein kurzer Brand. Eine Flamme, die plötzlich aus trockenem Holz schlägt. Laut. Heiß. Rasch verbraucht. Der Körper reagiert schneller als der Verstand. Meine Stimme hebt sich. Die Augen sprühen Funken. Gesten werden scharf. Worte springen aus dem Mund. Der Spuk dauert wenige Minuten. Danach steht Stille im Raum.

Der Auslöser? Ein schiefer Ton in der Luft. Ein Blick, der einen Moment zu lange im Gedächtnis bleibt. Eine Falte im Gewebe des Tages. Nichts Großes. Und doch reicht es aus. Der eigentliche Ärger verschwindet schnell. Das Ärgern dagegen arbeitet länger im Inneren. Es erinnert daran, wie rasch ein Mensch sich selbst überholen kann.

Die Sonne übernimmt an diesem Morgen eine andere Aufgabe.

Sie wärmt mich.
Sie nimmt mich in den Arm.

Ich sitze im Wintergarten und spüre ein Bündnis.

Das Licht.
Und ich.

Zwei Arbeiter an derselben Baustelle.
Ein Anfang.
Und vielleicht, ganz leise, eine kleine Reparatur in meinem Inneren.

Wo Licht Oberfläche findet.

Eine Fotografie beginnt mit einem Moment der Aufmerksamkeit. Ein kurzer Druck auf den Auslöser genügt. Licht fällt durch das Objektiv, sammelt sich auf dem Sensor und formt eine Datei. Lautlos entsteht ein Bild. Viele Fotografien enden an dieser Stelle im digitalen Schlaf. Einige wenige verlangen nach einem Körper. Sie wissen: Ein Bild lebt erst, wenn es den Bildschirm verlässt.

An diesem Punkt beginnt eine zweite Arbeit. Die Bilddateien verlassen meinen Bildschirm und gelangen zu den Spezialisten von Saal Digital. Dort beginnt ein Prozess, der technisches Wissen, Erfahrung und ein feines Gespür für Material verlangt. Farben werden geprüft. Tonwerte abgestimmt. Übergänge zwischen Hell und Dunkel sorgfältig ausbalanciert.
Gerade in meinen Blumenfotografien entscheidet oft eine kaum wahrnehmbare Nuance über die Wirkung eines Bildes. Ein minimal verschobener Ton verändert sofort die Spannung des gesamten Motivs.
Für diese Arbeiten wähle ich häufig Aluminiumverbund mit gebürsteter Oberfläche. Das Material besitzt eine feine lineare Struktur. Helle Bildbereiche greifen diese Linien auf und beginnen zu schimmern. Dunkle Flächen verlangen eine präzise Steuerung des Drucks, damit Tiefe entsteht und das Bild seine Ruhe behält. Hier zeigt sich Erfahrung im Umgang mit Bild und Material.
Schicht für Schicht verbindet sich Farbe mit Metall. Drucktechnik und Oberfläche treten in einen stillen Dialog. Das Licht findet im Material eine neue Bühne.

Langsam geschieht eine Verwandlung. Die digitale Datei verliert ihre Flüchtigkeit. Eine Blume tritt aus der Fläche hervor. Das gebürstete Aluminium nimmt das Licht auf und trägt es weiter in den Raum. Aus einem fotografischen Moment entsteht ein Objekt. Fotografie, Material und handwerkliche Präzision bilden gemeinsam ein Werk, das mehr Präsenz besitzt als die Datei, aus der es einst hervorging.

Teekanne

Wurzel des Atems
Hūxī zhī gēn hú
呼吸之根壶 

Friederike kam an einem Nachmittag vorbei, an dem das Licht flach über den Tisch strich. Winterlicht. Sie sah die Teekanne auf dem großen Tisch. Ihre Finger glitten über den Astgriff. Alt. Trocken. Warm vom Raum.

Sie lächelte, neigte sich mir zu und flüsterte: „Manche Dinge wollten getragen werden, andere gehalten.
Diese Kanne will beides.“

Behälter

Wenn ein Gefäß einen Deckel hat, ist es dann automatisch eine Dose? Oder ist es eine Schatulle? Oder ein Topf? Nein, es ist ein Behälter. Es behält und bewahrt all die guten Dinge, die mir so viel bedeuten.
Diese seltsamen Perlen, die ich neulich auf dem Dachboden entdeckte und auf jeden Fall der wertvolle Matcha-Tee aus Japan. Der, den ich in meiner neuen Matcha-Schale zu einem wunderbaren Tee rühren werde.