Ich weiß bis heute nicht so genau, was Kunst ist. Das Erstaunliche daran: Je länger ich mich mit ihr beschäftige, desto weniger stört mich diese Ungewissheit. Kunst erkenne ich ohnehin nicht an einer Definition. Ich erkenne sie daran, dass ich nach einer Begegnung mit ihr anders auf die Welt schaue.
Als Antwort genügt das allerdings nicht. Nach einer Bergwanderung sehe ich die Welt ebenfalls anders. Nach einem langen Gespräch mit einem Freund. Nach dem Tod eines geliebten Menschen. Nach einem guten Buch. Manchmal reicht schon ein Sonnenaufgang.
Sollte all das Kunst sein?
Wohl kaum.
Also suche ich weiter. Warum sehen zwei Menschen dasselbe und erleben Verschiedenes? Warum gehen wir an manchen Dingen jahrelang vorbei, bis sie uns plötzlich auffallen? Warum verändert derselbe Baum sein Gesicht, obwohl nur Zeit vergangen ist? Und was geschieht zwischen einem Werk und dem Menschen, der davor stehen bleibt?
Diese Fragen interessieren mich mehr als jede Definition.
Seit über fünfzig Jahren fotografiere ich, male und arbeite mit Ton. Trotzdem könnte ich bis heute nicht erklären, was ich eigentlich tue. Manchmal denke ich, es gehe um Aufmerksamkeit. Im nächsten Augenblick gerät auch dieser Gedanke ins Wanken.
Ein Ornithologe schenkt den Vögeln Aufmerksamkeit. Ein Chirurg seinem Patienten. Ein Buchhalter seinen Zahlen. Aufmerksamkeit allein macht aus ihrer Arbeit noch keine Kunst.
Irgendetwas fehlt.
Immer wieder geraten die kleinen Dinge in meinen Fokus. Das Unscheinbare lockt mich. Das fotografiere ich besonders gern. Warum? Darauf kenne ich nur eine ehrliche Antwort.
Weil ich glaube, dass das Unscheinbare mehr Kraft besitzt als sein Ruf.
Oder genauer:
Ich weiß es noch nicht.
Denn erst wenn ich länger hinschaue, beginnt sich etwas zu verändern. Die Dinge bleiben dieselben. Mein Blick nicht.
Alles ist klein.
Bis wir ihm unsere Aufmerksamkeit schenken.
Seit mir das klar geworden ist, betrachte ich meine Arbeit anders. Es geht mir immer seltener darum, etwas Besonderes zu finden. Mich interessiert, ob in einem gewöhnlichen Ding bereits etwas Besonderes verborgen liegt. Die Blume wartet nicht auf mich. Die Teeschale ebenso wenig. Beide sind längst das, was sie sind. Etwas verändert sich erst in dem Augenblick, in dem ich ihnen Aufmerksamkeit schenke.
Dabei ist mir etwas aufgefallen.
Aufmerksamkeit ist das Einzige, was wir im Leben wirklich hingeben können, ohne sie anschließend noch zu besitzen. Zeit können wir einteilen. Geld können wir zurückverdienen. Dinge lassen sich ersetzen. Aufmerksamkeit geschieht immer nur jetzt. Sobald wir sie einem Menschen schenken, gehört sie ihm. Schenken wir sie den kleinen Dingen oder einem Kunstwerk, geschieht genau dasselbe. Für einen kurzen Moment verliert alles andere seine Bedeutung. Genau dort berühren sich Liebe und Kunst. Beide beginnen mit Aufmerksamkeit.
Beide sagen leise: Schau einfach einmal hierhin.
