Der Horizont zieht um

Ich vermisse das Blau der Ostsee nicht.

Dieser Satz hat mich heute Morgen selbst überrascht.

Noch vor wenigen Tagen stand ich am Wasser. Himmel und Meer hatten sich so gründlich miteinander vermischt, dass ich den Horizont eher geahnt als gesehen hatte.

Jetzt schaue ich aus dem Fenster auf Wesseling.

Grau.

Und doch fehlt mir nichts.

Früher hätte ich gedacht, ich hätte das Blau zurückgelassen. Heute traue ich dieser Vorstellung nicht mehr. Denn das Meer bestand nie nur aus seiner Farbe.

Es bestand aus Zeit.

Dort schaute ich einer Welle nach. Dann der nächsten. Irgendwann hörte ich auf zu zählen. Ich hatte nichts vor. Das Meer ebenfalls nicht. Wir kamen erstaunlich gut miteinander aus. Hier zu Hause versucht das Grau sofort, nützlich zu werden. Es erinnert an Erledigungen. An Wege. An Uhrzeiten. Vielleicht geschieht ihm damit Unrecht. Vielleicht besitzt auch Grau eine Tiefe, die sich erst zeigt, wenn man lange genug hinsieht.

Die Straße vor meinem Haus trägt Spuren von Regen, die gestern noch niemand bemerkt hat. Eine Amsel läuft über den Rasen, als hätte sie den ganzen Vormittag Zeit. Im Lavendel arbeitet eine Hummel mit einer Gelassenheit, die in keinem Terminkalender Platz findet. Plötzlich erkenne ich etwas. Das Meer hat mich gar nicht langsamer gemacht.

Es hat mich daran erinnert, wie Langsamkeit aussieht.

Blau war nie das Ziel. Blau war der Lehrer. Jetzt beginnt die eigentliche Übung. Sie findet zwischen Mülltonnen und Briefkasten statt. Zwischen den ersten Mails des Tages und einer Tasse Tee. Zwischen den grauen Wolken, die sich über Wesseling zusammenschieben, als hätten sie vergessen, dass auch sie einmal aus Wasser bestanden.

Seit Jahren versuche ich, die Welt zu betrachten, bis sie ihre zweite Geschichte erzählt. An der Ostsee fällt das leicht. Dort hilft das Blau. Hier hilft das Grau. Es verlangt mehr Geduld. Vielleicht sogar mehr Liebe. Denn Müßiggang entsteht weder am Meer noch im Urlaub. Er beginnt in dem Augenblick, in dem ich aufhöre, Farben zu bewerten. Seitdem suche ich das Blau nicht mehr. Ich übe mich im Grau.