Das Leben liegt manchmal als Haufen auf dem Tisch

Meine Freundin Eva legte einen Haufen bunter Fäden auf den Tisch. Irgendwann. Sie tat das ohne jede Absicht. Sie wollte weder Kunst gestalten noch eine Geschichte erzählen. Es waren einfach Garnreste. Zu kurz, um noch vernäht zu werden. Zu schade zum Wegwerfen. Sie sah Fäden.

Ich sah mein Leben.

Einer von uns musste sich irren.
Je länger ich hinsah, desto unsicherer wurde ich, wer von uns beiden es war. Seltsam eigentlich. Ein paar Zentimeter Garn besitzen keine Bedeutung. Sie erinnern sich an nichts. Sie erzählen nichts. Sie liegen einfach da. Erst in meinem Kopf wurden daraus Begegnungen, Entscheidungen, Abschiede und Zufälle. Ich begann, eine Geschichte zu sehen, obwohl niemand etwas hineingelegt hatte. Und vielleicht ist das die eigentliche Begabung von Eva. Sie erfindet keine Bedeutung. Sie stiftet sie.

Wir erkennen Gesichter in Wolken. Tiere in Felsformationen. Sternbilder am Himmel. Wir blicken auf ein Gemälde und entdecken eine Kindheit. Wir hören ein Lied und plötzlich steht ein längst vergangener Sommer wieder vor uns. Die Welt liefert das Material. Den Rest erledigt unser Blick. So entstand für mich aus diesem Haufen Fäden meine Biografie.
Ich musste an all die Anfänge denken, die in meinem Leben irgendwo liegen geblieben sind. Kaum etwas führe ich wirklich zu Ende. Ich beginne ein Buch und lege es weg. Freundschaften verlaufen im Sand, ohne Streit, einfach weil die Zeit still ihre Arbeit verrichtet. Ideen verschwinden in Schubladen. Reisen bleiben ungemacht. Sätze ungesagt. Entschuldigungen unausgesprochen. Selbst meine Erinnerungen fransen aus. Und irgendwann endet auch mein Leben mitten in einem Satz. Vielleicht hatte ich noch vor, jemanden anzurufen. Vielleicht steht die Staffelei noch im Atelier. Vielleicht liegt ein Stück Ton unter einem feuchten Tuch und wartet geduldig auf meine Hände.

Für mich ist das Wort „unvollendet“ nicht gerade positiv besetzt, dabei steckt darin eine erstaunliche Freiheit. Was unvollendet bleibt, lebt weiter. Es bewegt sich. Es stellt Fragen. Es widersetzt sich der Archivierung. Nur in Romanen schließen sich alle Kreise. Das wirkliche Leben kennt viele lose Enden. Und gerade darin liegt seine Ehrlichkeit.