
Bild, Gebet und Denkfigur
Der Ensõ ist im Zen ein Bild der Vollkommenheit wie auch der Unvollkommenheit…
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Ein Kreis, der nicht immer geschlossen ist, ist Symbol für das Ganze, für die Leere, für das Offene. In diesen Arbeiten wird der Kreis nicht nur als Geste, sondern als Resonanzraum verstanden. Das Blau, das Violett, das Gold deuten Himmel und Erde, Licht und Schatten, Tageszeit und Stimmung an. Die Farbe wird nicht als Dekoration eingesetzt, sondern als spirituelle Temperatur.
In einem musealen Kontext stehen diese Blätter an einer Schwelle: Sie verbinden asiatische Tradition und europäische Materialität. Der Ensõ, sonst auf dünnem, japanischem Reis oder Seidenpapier, erscheint hier auf schwerem, westlichem Bütten. Das verleiht dem Motiv Gewicht, Erdung, fast eine skulpturale Präsenz. Man sieht: Das Werk will nicht flattern, sondern ruhen.
Diese Arbeiten können gelesen werden als eine Brücke zwischen Ost und West, zwischen Minimalismus und Sinnlichkeit, zwischen Askese und Farbfülle. Sie stehen für die Frage: Wie übersetzen wir alte spirituelle Symbole in unsere Zeit, ohne sie zu verlieren, ohne sie zu banalisieren? Der Kreis bleibt dabei das Zentrum: Er umfasst und entlässt. Er ist Anfang und Ende zugleich. Er ist Zeichen des Atems, der Geste, des Augenblicks. Doch er ist hier nicht abstrakt, sondern in Farbe verwurzelt. Er sagt: Das Transzendente geschieht mitten in der Welt der Pigmente, der Texturen, der Materie.
Im Rahmen einer Ausstellung entfalten diese Werke eine besondere Resonanz: Sie zeigen, dass Farbe nicht nur Oberfläche ist, sondern Ereignis. Sie berühren nicht nur das Auge, sondern das Denken, die Erinnerung, die Kontemplation. Sie sind zugleich Bild, Gebet und Denkfigur.




















