Moosrand

Moosrand
苔縁
Koke-buchi

Der Ton trägt Druckstellen, wie ein Körper Spuren trägt, wenn er lange gearbeitet hat. Nichts wurde versteckt. Alles durfte bleiben. Ein dunkler Ring läuft um den Bauch. Er ähnelt feuchter Erde nach einem Nachtregen. Darin kleine Blasen, wie eingeschlossene Atemzüge. Ein Opfer an den Brennofen.

Die Glasur zieht darüber hinweg wie Moos über den Stein. Manche Stellen lässt sie offen. Andere hält sie zurück. Diese Schale passt zu Holz. Zu einem Tisch, der schon vieles gesehen hat. Zu einem Tee aus dem Tal der Nebel.

Zu einem Moment ohne Ziel.

Hagerich

Hagerich

Der Name Hagerich kommt aus einer alten, heute fast verstummten Wortschicht. Hager bezeichnete einst etwas Schmalgewordenes, vom Übermaß befreit, gesammelt in seiner Essenz. Hagerich meint zugleich eine Gestalt am Rand. Einen, der leicht aus der Ordnung tritt und darin Haltung findet.

Schief zur Linie, fest im Stand.

Die Form verjüngt sich nach unten. Sie wirkt gespannt, gesammelt, wach. Der Körper trägt Spuren, ohne sie auszustellen. Wie eine Haltung, die sich bewusst setzt.
Dieses Kurinuki-Gefäß ist für Menschen, die Reduktion als Disziplin verstehen. Menschen, die im Unregelmäßigen Präsenz lesen. An Augen, die wissen, dass Form aus Wegnahme entsteht.

Seelengrund

Ein Ding für die Seele und den Alltag.

Seelengrund

Dieser Becher ist nicht nur ein leerer Raum mit interessanten Wänden. Er ist leer im Sinne von offen. Wer Tee eingießt, merkt: Der Becher macht, was er soll. Er hält den Tee. Mehr will er auch gar nicht. Und dennoch: Die Gedanken werden langsamer.
Ein Kind würde sagen: Er hört zu.
Ein Mensch gießt Tee ein und merkt, dass er nichts denkt.
Ein anderer hält den Becher und spürt sein Gewicht, ohne es zu bewerten.
Ein dritter sitzt am Tisch und merkt, dass der Moment genügt.
Meister Eckhart würde sagen: In solchen Momenten berührt der Mensch seinen Grund.

Dieser Becher hat nichts Erhabenes. Und genau darin liegt seine Tiefe. Er kommentiert nicht. Er beschleunigt nicht. Er rechtfertigt sich nicht. Er hält. So wirkt Seelengrund.

Morgenstille

Morgenstille
Asa no Shizuka
朝の静か

Ich hoffe sehr, dass dieser besondere Becher eines Tages in ein Haus mit knarrenden Dielen einzieht. Dort könnte dann ein Kind morgens warme Milch daraus trinken und in den Kreisen unten an der Basis seines Bechers kleine Seen sehen. Ein alter Mann kann ihn abends in beiden Händen halten und sich an Sommer erinnern, die längst vergangen sind.
Der Becher hilft dabei. Er sammelt nicht nur Wärme, sondern auch Worte und Pausen. Er hält nichts fest, was man loslassen wollte, aber er bewahrt alles was guttut. Sorgen rutschen von seiner Glasur ab. Freude bleibt einen Augenblick länger. Tag für Tag. Wie ein stilles Versprechen.

Nur noch Namen, keine Zahl

Das Jahr 2026 markiert einen Schnitt. Nicht nur den Wechsel von einem Jahr zum anderen, sondern einen bewussten Wechsel in meiner Werkstatt. Nach vier Jahren intensiver Arbeit mit der japanischen Kurinuki-Technik, zahllosen Stunden und Gesprächen mit meinem Freund und Töpfermeister Paul Günther habe ich eine Konsequenz gezogen: Ich werde nur noch meine stärksten Arbeiten zeigen. Alles andere bleibt Teil des Prozesses, verschwindet aber aus der Öffentlichkeit. Kein Verkauf. Keine Zugeständnisse.

Der Kokoro-Kurinuki-Stil ist meine Sprache im Ton geworden. Herz, Geist und Bewusstsein finden darin ihren Ausdruck. Die Subtraktion bleibt selbstverständlich zentral. Auch weiterhin keine elektrische Drehscheibe, nur Ton, wenige Werkzeuge und meine Hände. Aus dieser konzentrierten Präsenz entsteht Form, Proportion, Farbe, Oberfläche. Neu hinzu kommt eine Namensgebung. Der Name gibt den Werkstücken eine Identität, macht sie damit unverwechselbar, schließt den künstlerischen Kreis.

Was bleibt, trägt einen Namen und erlangt die damit verbundene Magie. Wer so ein Gefäß hält, spürt: Es ist kein Objekt. Es ist ein Gegenüber.

Stiller Mondschläfer

Stiller Mondschläfer
Seigetsu no nemurite
静月の眠り手

Ich vermute, dass Stiller Mondschläfer den Mond nicht hören kann. Nur sein Licht kann er sehen, vielleicht noch seinen langsamen Gang. Dieses ruhige Ziehen über den Himmel, das Dinge geduldig macht. Deshalb fürchtet er das Feuer im Brennofen auch nicht. Die Hitze wird ihn umarmen. Seine Struktur wird fest. Die Glasur beginnt zu fließen und findet ihre eigenen Wege. Kleine Entscheidungen. Unumkehrbar. Aber von großer Bedeutung für die zukünftige Teekanne.

Später bekommt er seinen Henkel. Einen Arm, der das Tragen zu einem Kinderspiel macht. Auf dem Deckel wird ein Griff aus Holz plaziert, wie ein stiller Wächter. 

Wenn sich Tee in ihm befindet, wird er seiner Bestimmung folgen. Und irgendwo draußen wandert der Mond weiter, ein wenig langsamer, als man denkt.