Die Blauwindbecher.

Stille Gefährten für Tee,
für leise Gespräche,
für den wunderbaren Moment zwischen Tag und Nacht.

Die Eine und die Andere. Die mit dem dicken Bauch und die Krumme.

In der Werkstatt
verschwimmt die Zeit.
Jeder Schritt ist Anfang und Ende zugleich.
Das Werk nur der Schatten dessen, was geschieht.

Kokoro-Kurinuki

Wollhandwerk und Könnkünste.

Ich wollte Leichtigkeit schaffen. Teeschalen und Becher mit dünnen Wänden, hauchzart. Luftig. Stattdessen habe ich wieder Teeschalen, die wie Becher aussehen, geformt. Becher mit Spuren meiner Ungeduld. Manchmal ist allein das Wollen schon ein Kunstwerk. Ein schwieriger Eiertanz mit der eigenen Unfähigkeit. Es braucht einen guten Humor, um nicht zu verzweifeln. Oder zumindest eine Prise Spott für sich selbst.

Denn wollen kann ich gut. Könnte Weltmeister darin sein. Aber wollen und können – das ist ein anderes Spiel. Eines, das mich immer wieder an meine handwerklichen Grenzen führt.
Und so sitze ich da, schaue meine Becher an und denke: Vielleicht ist das eigentliche Kunstwerk gar nicht der Becher selbst. Vielleicht ist es ein Riss. Oder das kleine Scheitern, das mir zeigt, dass auch wollen wollen seine Tücken hat. Realität vs. Gefälligkeit.

Und Friederike steht daneben. Mit einem Lächeln, das sagt: „Gut so. Denn wer nie scheitert, hat nie versucht, es wirklich gut zu machen.“

Shakespeare „Macbeth“:

„Where our desire is got without content, / ’Tis safer to be that which we destroy / Than by destruction dwell in doubtful joy.“

Deutsches Kintsugi

Dieses Gefäß führt einen alten Gedanken in neues Terrain. Kintsugi, die japanische Kunst, Brüche sichtbar zu vergolden, wird hier nicht imitiert, sondern in eine eigene Sprache übersetzt. Statt Gold: rostfarbenes Garn.

Fernöstliche Philosophie trifft europäische Erdigkeit. Bruch und Bindung verschmelzen hier zu einer Form. Das Objekt widersteht der glatten Perfektion und zeigt, dass jedes Weiterleben Spuren trägt – und genau darin seine unverwechselbare Schönheit findet.

Vom Gewicht des Lichts.

Ein Tag ohne Vorsatz.
Ich habe alles verworfen, was sich wie Regel anfühlte.
Glasuren verschwenderisch, Schicht über Schicht, bis die Schwerkraft mitschreibt.
Kein Maß, kein Plan.

Von zehn blieben zwei.
Beide tragen etwas Ungefragtes in sich.
Eine stille Glut, ungehorsam und schön.

Sie stehen da wie Wesen, nicht wie Dinge.
Mit Rändern, die Geschichten atmen.
Mit einer Haut, die das Feuer gezeichnet hat.

Wenn Verpackung Teil der Kunst wird.

Eine Teeschale im Kurinuki-Stil ist mehr als ein Trinkbecher. Gerade deshalb braucht es eine Hülle, die nicht bloß schützt, sondern dem Gefäß eine würdige Bühne gibt.

Die Schachteln sind Teil dieses Dialogs. Sie bestehen aus Holz und Stoff, klar gefügt, doch mit feiner Zurückhaltung. Keine grelle Zier, kein überflüssiges Ornament. Stattdessen ein leiser Ernst. Ein Verschluss aus Leder, schlicht und warm, deutet an: Hier beginnt etwas, das mehr ist als bloßes Objekt.

Beim Öffnen offenbart sich eine zweite Ebene. Unter dem Deckel liegt ein Farbraum aus Papier und Pigment, fast wie ein geheimer Garten. Darin ruht das Zeichen, das den Kreis schließt: ein Ensõ. Mit einer einzigen Bewegung gesetzt, nichts zu viel, nichts zu wenig. Ein Atemzug, eingefangen auf edlem Bütten. Er ist kein Schmuck, sondern eine Bekräftigung; so wie die alten Handwerker einst ihr „in hoc fecit“ (Es ist vollbracht.) hinterließen, als stilles Zeugnis des Tuns.

So verbindet sich Gefäß und Schachtel. Außen die Ruhe der Form, innen der Kreis als Atemzug. Die Verpackung rahmt den Moment des Öffnens und lässt spüren, dass Wert nicht allein im Gegenstand liegt, sondern in der Aufmerksamkeit, mit der er erlebt wird.

Fratzophonie

Manchmal findet man etwas, das eigentlich niemand mehr sucht.

Drei Köpfe.
Nicht aus Porzellan.
Nicht aus Bronze.
Sondern aus Meerschaum.
Zerbrochen, angespült.
St. Malo. Ebbe. Ein grauer Tag.

Einst gehörten sie zu Pfeifen.
Matrosen- oder Piratenhände hielten sie.
Sie sahen Sturm, Schnaps und Lieder.
Dann der Sturz. Der Bruch. Und das Vergessen.

Ich habe sie aufgehoben.
Nicht repariert.
Nicht poliert.
Nur neu zusammengesetzt.
In eine Schale aus dunklem Ton.
Handgehöhlt, rau, eigen.
Dreibeinig. Wie ein Wesen mit Stand.

Und so sind sie nun beieinander.
Köpfe voller Geschichten.
Ein bisschen schräg.
Ein bisschen schön.
Ein bisschen wie wir.

Dieses Ensemble ist kein Deko-Objekt.
Es ist ein Gespräch.
Ein Nachklang.
Ein kleines Denkmal für das,
was schon fast verschwunden war –
und nun doch bleibt.

Wer es bei sich aufnimmt,
nimmt drei Leben auf.
Und eine Schale,
die leise etwas erzählt.

Kokoro-Kurinuki

Schlichtvermutlich.
Ein Becher wie damals.

Neulich hielt ich ein kleines Seminar für eine Gruppe begeisterter Kurinuki-Jüngerinnen. Ich war der Dozent. Sie waren die Eifrigen. Es wurde geschnitzt, geraspelt und gestaunt. Und nebenbei entstand – als Anschauungsobjekt – ein Becher.

Ein schlichter Becher. So schlicht, dass er eigentlich unter die Kategorie „Übersehen“ fiel. Keine spektakulären Kratzer, keine dramatischen Einkerbungen. Nur Ton. Dunkel und matt. Mit einem kleinen Achat poliert, sodass er einen leisen Schimmer hatte, als wäre er sich seiner Würde nicht ganz sicher. Die Wände dünn, der Fuß klassisch. Kein Experiment, keine Exzentrik. Ein Becher, wie ihn jeder um das Jahr Null hätte gebrauchen können.

Und dann dachte ich: So sieht der heilige Gral aus.

Nicht aus Gold, nicht mit Edelsteinen besetzt. Kein Lichtstrahl aus der Höhe, kein göttliches Raunen. Nur Ton. Schlicht, bereit für Wasser, Wein und nochmal Wasser.

Natürlich sagte ich das nicht laut. Die Damen hätten mich womöglich besorgt angesehen. Also nickte ich nur und murmelte: „Ja, so geht das auch.“

Aber insgeheim wusste ich: Da war etwas Heiliges in dieser Schlichtheit. Nicht heilig im sakralen Sinne – ich bin kein Priester, und der Becher ist keine Reliquie. Doch er besitzt eine Art stiller Vollkommenheit, die man nicht erklären kann, ohne wie ein Esoteriker zu klingen. Ich glaube, das konnte nur ich empfinden. Niemand sonst auf der Welt. Und das ist in Ordnung so.

Nun geht er für mich durchs Feuer. In den nächsten Wochen wird er in den Ofen wandern, Hitze und Flammen trotzen, vielleicht einen Riss bekommen, vielleicht auch nicht. Er wird sich verwandeln, ein wenig dunkler, ein wenig fester, vielleicht mit einem Hauch von Glanz. Oder er wird brechen. Dann wird er für immer ein halber heiliger Gral sein. Aber bis dahin warte ich.

Und schaue ihn noch einmal an.

Er schaut nicht zurück.

Das gehört zu seiner Würde.

Kokoro-Kurinuki

Der Becher hält Raum. Für Tee, Kaffee, Wärme, für Gedanken und für das Jetzt.

Schwarzer Ton, weiße Engobe – eigentlich eine einfache Kombination. Doch sobald die Hände ins Spiel kommen, beginnt das Material, seine eigene Geschichte zu erzählen. Ein kleiner Trick erschafft die feinen Kreise, als hätte eine unsichtbare Kraft sie dort hinterlassen.

Das Ergebnis ist seltsam vertraut und zugleich fremd – wie eine Landschaft aus einer anderen Welt. Kleine Krater breiten sich aus, helle und dunkle Flächen wechseln sich ab. Licht tastet über die Erhebungen, Schatten verlieren sich in den Vertiefungen. Unregelmäßig ist die Form, als hätte sich das Gefäß selbst geformt, langsam, organisch.

Finger bleiben auf der Oberfläche hängen, gleiten weiter, spüren die feinen Unterschiede. Hier ist nichts glattgebügelt, nichts perfekt. Und genau darin liegt die Einladung: innezuhalten, wahrzunehmen, zu fühlen.

Innen leuchtet die Glasur strahlend hell – bereit für Tee, für Kaffee, für den Moment. Die Flüssigkeit scheint darin zu ruhen, als würde sie aufgenommen, willkommen geheißen. Vielleicht ist das der wahre Kern dieses Trinkgefäßes: Es hält Raum. Für Wärme, für Gedanken, für das Jetzt.

Es passt. Alles. Und genau so soll es sein.