Licht fällt über den Tisch.
Ein Stück Farbe, scharf geschnitten aus einem größeren Schweigen.
So beginnt der Tag.

Ich habe ein Bild zerteilt.
Ein Werk, das einmal ganz war.
Jetzt liegen kleine Quadrate auf Büttenpapier.
Jedes für sich eine Welt, obwohl sie nur ein Teil sind.
Die Ränder erzählen vom Verlust, aber auch von Freiheit.
Der Ausschnitt wird zum Atem.
Friederike kommt leise herein.
Ihre Schritte kaum hörbar.
„Du hast es wieder getan“, sagt sie.
Kein Vorwurf.
Nur ein Blick, der spürt, wie sich etwas löst.
„Das Leben“, antworte ich, „ist auch nur ein Ausschnitt.“
Ich halte das kleine Stück hoch, das in der Sonne brennt.
Orange, Rot, Braun.
Eine Landschaft aus getrocknetem Feuer.
„Wir sehen nie das Ganze.
Nur Bruchstücke.
Und doch glauben wir, alles sei vollständig.“
Friederike streicht mit der Fingerspitze über die Kante des Papiers.
„Vielleicht ist es gerade das, was uns wach hält.
Dass wir nie alles besitzen.“
Sie lächelt, als wüsste sie mehr, als sie sagen will.
Ich denke an meine Fotografien.
An die Keramik, die ich aus dem Ton schlage.
Jede Aufnahme, jeder Becher ein Versuch, einen Moment zu fassen.
Aber immer bleibt ein Rand.
Was nicht ins Bild fällt, atmet weiter im Unsichtbaren.
Das Ganze entzieht sich.
Es ist zu weit, zu tief, um benannt zu werden.
Draußen zieht der Wind an den Bäumen.
Ein Blatt löst sich, taumelt ins Offene.
Auch das ist ein Ausschnitt: der Augenblick, in dem ich es sehe.
Alles davor, alles danach, bleibt ungeschrieben.
Wir leben in solchen Splittern.
Denken in Fragmenten.
Selbst die Gedanken sind Scherben eines größeren Denkgefühls.
Friederike lehnt sich an den Rahmen der Tür.
„Und doch“, sagt sie, „entscheidest du, wo du schneidest.“
Ihre Stimme ist sanft, fast ein Flüstern.
„Das ist deine Freiheit.
Du bestimmst den Ausschnitt, nicht das Ganze.
Aber du kannst dem Ganzen trauen.“
Ich nicke.
Es stimmt.
Jeder Schnitt ist Wahl.
Nicht Gewalt, sondern Gnade.
Ich wähle Farbe und Form, wähle den Moment, den das Auge hält.
Das Unendliche bleibt, ungerührt, wie ein stilles Meer hinter dem Horizont.
Ich sehe auf das kleine Bild in meiner Hand.
Die Ränder unregelmäßig, das Licht darauf lebendig.
Kein Bruchstück ohne Zusammenhang.
Auch der kleinste Teil trägt die Spur des Ganzen.
Wie ein Funken, der das Feuer verrät.
Friederike tritt näher.
„Vielleicht“, sagt sie und ihre Augen sind weit,
„ist jeder Mensch so ein Ausschnitt.
Ein Stück aus einem größeren Wesen.
Wir tragen das Ganze in uns, auch wenn wir es nicht sehen.“
Sie legt das Bild auf den Stapel der Postkarten.
„Schick es in die Welt.
Lass andere den Rest erahnen.“

Ich höre den Wind, das ferne Rauschen der Stadt.
Alles fließt, alles bleibt unvollendet.
Und gerade darin liegt die Schönheit.
Kein Bild braucht Vollständigkeit, um zu sprechen.
Kein Leben braucht das Ganze, um wahr zu sein.
Die Sonne rückt weiter.
Ein neuer Schatten fällt auf den Tisch.
Ein weiterer Ausschnitt.
Ich halte den Atem an und lasse ihn gehen.
