Chawan

Eine Schale. 

Nur eine einfache Schale (⏎)

Und zwei große Ströme, die sich treffen. 
Der eine zieht aus japanischer Teekultur herüber. Der andere wächst aus französischen Frühstückstischen. Beide tragen Erinnerungen an Wärme. Beide tragen den Wunsch nach Nähe. 

Die japanische Teeschale hält den grünen Tee fest. Sie liegt offen in der Hand. Sie lässt den Duft nach Gras und Frühling steigen wie ein kleines Morgenspiel. Sie erzählt von der Spur des Tees, die im Ton bleibt. Von einer Form, bei der das Nichts, die Öffnung für die Flüssigkeit, wichtiger sein kann, als die Form selbst. 

Die französische Schale erzählt eine andere Geschichte. Sie ist bunt, hat Muster und steht auf Holztischen mit Brotkrümeln. Milch und Kaffee bilden darin ein ruhiges Wirbelbild. Die runde Form weckt Erinnerung an Kindheit und an die morgendliche Ungeschicklichkeit der Finger. Doch die Schale hält das Chaos. Sie bietet Halt. Sie bringt einen sanften Rhythmus in den Tagesanfang.

Beide Traditionen berühren sich in ihrer Aufgabe. Und die Verbindung entsteht im Gebrauch. Die japanische Schale lädt zu einem Moment der Besinnlichkeit ein. Die französische fordert einen ganzen Morgen. Japanische Tiefe und französische Offenheit.

Ich sehe Menschen vor mir, die ihre Schalen heben. Sie halten sie wie einen kleinen Freund. Sie spüren den Ton. Sie spüren die Wärme. Der Inhalt hat seine Bühne. Die Schale selbst erzählt. Sie spricht von Zuflucht an grauen Tagen. Sie spricht von einer archaischen Ruhe. So entsteht ein Denkgefühl. Ein stiller Begleiter, der in der Küche steht und zugleich im Innern lebt.

Einfache Gefäße, ja, aber sie sprechen Tag für Tag eine Einladung aus. Gleichzeitig wirken sie wie ein kleiner Kompass. 

Er zeigt auf das Innere. 
Auf das, was warmhält.