Samstag. Winter. Der Schnee fällt, als hätte jemand oben beschlossen, die Welt noch einmal weich zu zeichnen. Die einen sprechen von Katastrophe. Termine kippen, Autos schmollen, der Wetterbericht klingt wie ein Arzt mit Stirnfalte. Die anderen lächeln still. Endlich.
Die Flocken kommen dick herunter. Keine hastigen Krümel. Große, gemächliche Dinger, die sich Zeit lassen. Grau liegt in der Luft, Weiß legt sich darüber und tut so, als sei alles sortiert. Eine freundliche Täuschung. Ich lasse sie gelten.

Drinnen Wärme. Diese ehrliche, träge Wärme, die an den Füßen beginnt und langsam nach oben steigt. Draußen Atem, der kurz sichtbar wird. Ein kleiner Nebel vor dem Mund, ein flüchtiger Gedanke. Man haucht sich selbst an und schaut ihm beim Verschwinden zu. Auch eine Form von Philosophie.
Der Schneeschieber ruft. Ein leiser, metallischer Ruf aus dem Keller. Die Nachbarn hören ihn ebenfalls. Man erkennt das an den Türen. Sie gehen auf. Menschen tauchen auf, bewaffnet mit Besen, Schaufeln, Improvisationen. Treffpunkt Straße. Keine Einladung. Keine Tagesordnung. Einfach da.
Lachen. Erstaunen. Diese plötzliche Verbrüderung durch kalte Hände. Rote Ohren überall, Nasen in allen Schattierungen zwischen Apfel und Backstein. Einer erzählt etwas über früher, als der Schnee noch höher lag und die Erinnerungen tiefer. Alle nicken. Niemand prüft die Fakten. Der Schnee deckt auch Zweifel zu.
Schwitzen beim Fegen. Eine merkwürdige Mischung. Der Körper arbeitet, die Kälte schaut zu. Der Atem geht schneller, der Rhythmus stimmt sich ein. Kratz, schieb, klirr. Musik für Samstage ohne Termine. Worte fliegen hin und her, bleiben kurz hängen, fallen dann in den Schnee und verschwinden. Ein kollektives Einverständnis stellt sich ein. So könnte es öfter sein.
Ich bleibe stehen. Stütze mich auf den Besen. Ein alter Mann im Körper eines Menschen mittleren Alters. Der Augenblick trägt. Er braucht keine Verbesserung. Ach. Dieses Wort reicht. Es hängt in der Luft wie eine Flocke, die ihren Platz sucht.
Drinnen wartet der Tee. Er wartet geduldig. Mehrere Sorten stehen bereit. Auswahl. Luxus in Keramik. Tassen, selbst hergestellt, mit kleinen Macken, die jede für sich eine Geschichte tragen. Grün. Schwarz. Kräuter, die nach Sommer riechen und dem Winter die Stirn bieten. Oder Kaffee. Dunkel, bitter, zuverlässig. Vielleicht später ein Bier. Der Gedanke taucht auf, setzt sich kurz, schaut sich um. Heute Abend sagt er. Geduld sagt er auch.
Diese Abfolge von Entscheidungen. Klein. Unscheinbar. Und doch voller Gewicht. Der Samstag besteht aus ihnen. Tee oder Kaffee. Fenster auf oder zu. Noch ein Blick nach draußen oder schon nach innen. Die Welt stellt Fragen, sanft, ohne Druck. Antworten kommen von selbst.
Ich gieße Wasser auf. Dampf steigt auf, ein warmer Geist. Der Duft breitet sich aus, besetzt den Raum. Der erste Schluck. Der Körper versteht sofort. Schultern sinken. Der Tag setzt sich. Ich setze mich mit ihm.
Draußen wird weiter geschoben. Stimmen entfernen sich. Der Schnee bleibt. Er hat Zeit. Ich auch. Tief in meinem Seelengrunde regt sich etwas Helles. Ein ruhiges Wissen. Verbundenheit ohne Erklärung. Versorgung ohne Rechnung. Das Bewusstsein atmet leise und sagt: hier.
Glück zeigt sich selten laut. Es kommt ohne Fanfaren. Es sitzt am Küchentisch, hält eine Tasse und schaut aus dem Fenster. Jetzt. Genau jetzt. Der Samstag nickt mir zu. Ich nicke zurück.
Wunderbar.
