Ein Leben in Freiheit

Der Becher auf dem Küchentisch

Morgens. Küche. Ein Kaffeebecher. Schwer genug, um mich zu erden. Draußen fährt ein Bus vorbei, voll mit Gesichtern, die schon irgendwohin gehören. Ich sitze noch hier. Ohne Richtung.

Ich nehme einen Stift. Der Stift kratzt leise auf dem kleinen Stück Papier. Eine Linie entsteht. Schief. Wach. Ich lasse sie stehen. So eine Linie kann viel. Fordert nichts.

Der Kaffee wird kalt. Ich bleibe warm.

Zehn Euro und ein Apfel

Später gebe ich eine kleine Arbeit ab. Karton, Farbe, ein Rest von gestern. Jemand legt Geld auf den Tisch. Nicht viel. Ich lege einen Apfel dazu. Rot. Selbstbewusst.

Ich beiße in den Apfel. Saft läuft über die Finger. Ich lecke sie ab. Der Besucher ist längst weg. 

Der leere Termin

Mein Kalender zeigt ein weißes Feld. Kein Termin. Kein Auftrag. Kein Druck. Das Feld schaut mich an wie eine offene Tür.

Ich setze mich davor, als wäre es eine Aufgabe.

Nichts passiert. Der Stuhl trägt mich trotzdem. Ein Geräusch von draußen. Schritte im Treppenhaus. Jemand hustet. Ich bleibe sitzen.

Gebrauch des Augenblicks

Ich gehe aus dem Haus. Straße. Asphalt. Ein Blatt klebt am Schuh. Ich nehme es mit. Es bleibt dran.

An der Ecke malt ein Kind mit Kreide auf den Boden. Linien, Kreise, ein Spiel ohne Regeln. Ich bleibe stehen. Schaue. Die Linien führen nirgendwohin und genau dorthin.

Ich kaufe Reis. Ich koche ihn. Esse. Mehr passiert nicht. Mehr passt gerade nicht hinein.

Gespräch mit Staub

Nachmittags fege ich die Werkstatt. Der Staub kommt von irgendwo. Geht irgendwohin. Ich folge ihm mit dem Besen. Der Besen weiß, was er tut.

Es klingelt. Ein Mann steht da. Glatte Schuhe, glatter Blick.
„Und das alles?“, fragt er. Seine Hand zeigt auf Werkstatt, Besen, mich.
Ich lehne den Besen an die Wand. Die Wand nimmt ihn auf.

„Ich fege“, sage ich.

Der Mann nickt. Er dreht sich um. Seine Schritte klingen jetzt anders. Leiser vielleicht. Oder ich höre genauer.

Die Mitte ohne Adresse

Abends sitze ich wieder am Tisch. Der Becher ist leer. Ich halte ihn trotzdem. Er hält mich immer noch.

Ich denke an nichts Bestimmtes. Gedanken kommen. Setzen sich kurz. Ziehen weiter. Sie kennen ihren Weg.

Der Strich von heute liegt noch da. Er hat sich nicht verändert. Ich auch nicht. Und doch hat sich etwas verschoben. Ein Millimeter vielleicht. Reicht.

Ich stelle den Becher ab.

Wo Sorgen ruhen

Manchmal gelingt es. Ein, zwei Mal im Jahr. Dann steht so eine Schale vor mir und ich merke, dass ich nichts mehr hinzufügen will. Sie ist unruhig. Der Rand kippt leicht. Die Glasur zieht sich zusammen, sammelt sich, lässt Spuren stehen. Zeit und Hitze haben sich eingeschrieben. „Becher“ als Beschreibung reicht nicht. Schale auch nicht. Ich halte sie, drehe sie. Sie verlangt Aufmerksamkeit.

Ich habe ihr in Japan einen Kiribako bauen lassen. Leichtes Holz, klar gearbeitet. Dort kann sie sich ausruhen. Öffnen verändert den Moment. Innen wartet kein Objekt. Eher ein schützender Raum für ein kleines Heiligtum. Ein Ensō liegt bei. Mein Zeichen. Ein Zug. Er spricht dieselbe Sprache wie die Schale. Dazu ein erster Gedanke, so wie er kam:

„Ich muss lächeln und stelle die Schale dorthin, wo Sorgen ruhen.“

Dieser Satz, auf wertvollem Papier von Hand geschrieben, begleitet die Keramik. Ich nehme diese Arbeit ernst. Beim Benutzen verlangsamt sich etwas. Der Mensch wird ruhiger. Gedanken verlieren Druck. Es entsteht ein Ort, an dem sich etwas setzen darf.

Ein Gefäß, das trägt. Auch das, was sonst keinen Platz findet.

Teekanne

Wurzel des Atems
Hūxī zhī gēn hú
呼吸之根壶 

Friederike kam an einem Nachmittag vorbei, an dem das Licht flach über den Tisch strich. Winterlicht. Sie sah die Teekanne auf dem großen Tisch. Ihre Finger glitten über den Astgriff. Alt. Trocken. Warm vom Raum.

Sie lächelte, neigte sich mir zu und flüsterte: „Manche Dinge wollten getragen werden, andere gehalten.
Diese Kanne will beides.“

Behälter

Wenn ein Gefäß einen Deckel hat, ist es dann automatisch eine Dose? Oder ist es eine Schatulle? Oder ein Topf? Nein, es ist ein Behälter. Es behält und bewahrt all die guten Dinge, die mir so viel bedeuten.
Diese seltsamen Perlen, die ich neulich auf dem Dachboden entdeckte und auf jeden Fall der wertvolle Matcha-Tee aus Japan. Der, den ich in meiner neuen Matcha-Schale zu einem wunderbaren Tee rühren werde.

Moosrand

Moosrand
苔縁
Koke-buchi

Der Ton trägt Druckstellen, wie ein Körper Spuren trägt, wenn er lange gearbeitet hat. Nichts wurde versteckt. Alles durfte bleiben. Ein dunkler Ring läuft um den Bauch. Er ähnelt feuchter Erde nach einem Nachtregen. Darin kleine Blasen, wie eingeschlossene Atemzüge. Ein Opfer an den Brennofen.

Die Glasur zieht darüber hinweg wie Moos über den Stein. Manche Stellen lässt sie offen. Andere hält sie zurück. Diese Schale passt zu Holz. Zu einem Tisch, der schon vieles gesehen hat. Zu einem Tee aus dem Tal der Nebel.

Zu einem Moment ohne Ziel.

Hagerich

Hagerich

Der Name Hagerich kommt aus einer alten, heute fast verstummten Wortschicht. Hager bezeichnete einst etwas Schmalgewordenes, vom Übermaß befreit, gesammelt in seiner Essenz. Hagerich meint zugleich eine Gestalt am Rand. Einen, der leicht aus der Ordnung tritt und darin Haltung findet.

Schief zur Linie, fest im Stand.

Die Form verjüngt sich nach unten. Sie wirkt gespannt, gesammelt, wach. Der Körper trägt Spuren, ohne sie auszustellen. Wie eine Haltung, die sich bewusst setzt.
Dieses Kurinuki-Gefäß ist für Menschen, die Reduktion als Disziplin verstehen. Menschen, die im Unregelmäßigen Präsenz lesen. An Augen, die wissen, dass Form aus Wegnahme entsteht.

Seelengrund

Ein Ding für die Seele und den Alltag.

Seelengrund

Dieser Becher ist nicht nur ein leerer Raum mit interessanten Wänden. Er ist leer im Sinne von offen. Wer Tee eingießt, merkt: Der Becher macht, was er soll. Er hält den Tee. Mehr will er auch gar nicht. Und dennoch: Die Gedanken werden langsamer.
Ein Kind würde sagen: Er hört zu.
Ein Mensch gießt Tee ein und merkt, dass er nichts denkt.
Ein anderer hält den Becher und spürt sein Gewicht, ohne es zu bewerten.
Ein dritter sitzt am Tisch und merkt, dass der Moment genügt.
Meister Eckhart würde sagen: In solchen Momenten berührt der Mensch seinen Grund.

Dieser Becher hat nichts Erhabenes. Und genau darin liegt seine Tiefe. Er kommentiert nicht. Er beschleunigt nicht. Er rechtfertigt sich nicht. Er hält. So wirkt Seelengrund.

Morgenstille

Morgenstille
Asa no Shizuka
朝の静か

Ich hoffe sehr, dass dieser besondere Becher eines Tages in ein Haus mit knarrenden Dielen einzieht. Dort könnte dann ein Kind morgens warme Milch daraus trinken und in den Kreisen unten an der Basis seines Bechers kleine Seen sehen. Ein alter Mann kann ihn abends in beiden Händen halten und sich an Sommer erinnern, die längst vergangen sind.
Der Becher hilft dabei. Er sammelt nicht nur Wärme, sondern auch Worte und Pausen. Er hält nichts fest, was man loslassen wollte, aber er bewahrt alles was guttut. Sorgen rutschen von seiner Glasur ab. Freude bleibt einen Augenblick länger. Tag für Tag. Wie ein stilles Versprechen.

Nur noch Namen, keine Zahl

Das Jahr 2026 markiert einen Schnitt. Nicht nur den Wechsel von einem Jahr zum anderen, sondern einen bewussten Wechsel in meiner Werkstatt. Nach vier Jahren intensiver Arbeit mit der japanischen Kurinuki-Technik, zahllosen Stunden und Gesprächen mit meinem Freund und Töpfermeister Paul Günther habe ich eine Konsequenz gezogen: Ich werde nur noch meine stärksten Arbeiten zeigen. Alles andere bleibt Teil des Prozesses, verschwindet aber aus der Öffentlichkeit. Kein Verkauf. Keine Zugeständnisse.

Der Kokoro-Kurinuki-Stil ist meine Sprache im Ton geworden. Herz, Geist und Bewusstsein finden darin ihren Ausdruck. Die Subtraktion bleibt selbstverständlich zentral. Auch weiterhin keine elektrische Drehscheibe, nur Ton, wenige Werkzeuge und meine Hände. Aus dieser konzentrierten Präsenz entsteht Form, Proportion, Farbe, Oberfläche. Neu hinzu kommt eine Namensgebung. Der Name gibt den Werkstücken eine Identität, macht sie damit unverwechselbar, schließt den künstlerischen Kreis.

Was bleibt, trägt einen Namen und erlangt die damit verbundene Magie. Wer so ein Gefäß hält, spürt: Es ist kein Objekt. Es ist ein Gegenüber.