Archaisch?

Archaisch – Gedanken

Das Wort „archaisch“ bezieht sich auf etwas Altes, Ursprüngliches und Zeitloses. In Bezug auf die Trinkgefäße bedeutet „archaisch“ für mich eine Rückkehr zu den grundlegenden Elementen der Töpferei, bei der die Schönheit des handgefertigten Produkts in seiner Einfachheit und Authentizität liegt. Im Fall dieser Gefäße verkörpern sie genau dieses durch ihre rohe, ungeschönte äußere Struktur. Die grobe Bearbeitung des Tons lässt die Spuren der Hände sichtbar werden und soll an eine Zeit erinnern, in der die Menschen noch enger mit der Erde und ihren natürlichen Ressourcen verbunden waren.

Ein Reisetagebuch

Warum ein Reisetagebuch, mag man fragen? Reicht es nicht aus, einfach auf Reisen zu gehen und jene Urlaubsfotos zu knipsen, die später die Facebook-Timeline zieren? Die Antwort ist keineswegs simpel. Die Reise, die ich unternommen habe, war kein Urlaub und schon gar keine einfache Reise; es war ein echter Roadtrip durch die Mitte Europas und in die Tiefen meines eigenen Ichs.

Von Gefühlen vor der Reise. (…)

Wie fühlt sich ein Wallfahrtsort wie Lourdes oder Fatima an? Wie schmeckt die Freiheit, wenn man sich auf den Weg macht, das Unbekannte zu entdecken? Wie klingen die Wellen des Lebens, wenn in Spanien der Rhythmus des Meeres die Sinne erregt? Und wie fühlt es sich an, allein an einem einsamen Strand, nur begleitet vom eigenen Atem und den Gedanken, die im Sande verwehen? Ist der Weg, den ich zurücklegen werde, tatsächlich wichtiger als ein kaum zu definierendes Ziel? Fragen über Fragen noch bevor die Reise beginnt.

Vom LOSFAHREN und ANHALTEN nach der Reise. (…)

Ich bin zwanzig Tage lang jeden Morgen losgefahren, nur um irgendwo anzuhalten und am nächsten Tag weiterzufahren. Gesammelt habe ich dabei nicht nur die Kilometerzahlen auf dem Tacho, sondern auch die Geschichten, die sich zwischen den Kilometern zwangsläufig ergaben. Ein wahrer Roadtrip, scheint mir, ist mehr als nur das monotone Surren von Reifen auf Asphalt.
Alles in allem war der Trip wie ein langer Spielfilm, aufregend, mitunter abenteuerlich, selten exakt so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber oft war es auch viel besser, beinahe sensationell. Ich war dabei nicht nur Opfer der Umstände, sondern auch aktiver Gestalter meines Schicksals, trotzdem verlief nicht alles reibungslos, manches entglitt mir wie das Wasser zwischen den Fingern.
Ich habe meine Gedanken jeden Tag in diesem Reisetagebuch niedergeschrieben. Manche Einträge sind durchdrungen von Pathos, gelenkt von meinen Emotionen. Andere sind zu lang oder zu kurz, je nachdem, wie die Zeit und die Inspiration es erlaubten. Dennoch lasse ich sie unverändert. In den unendlichen Weiten des World Wide Web verewigt, für Jedermann frei zugänglich. So bleiben sie mir und der Welt zu Diensten, jederzeit, von jedem Ort auf dieser Kugel, der „guten alten Erde“ abrufbar.


Lost in time

Das Ende der Reise

Nach zwanzig Tagen Reisen werde ich allmählich müde. Die Zeit, die zu Beginn der Reise so unbegreiflich langsam verstrich, scheint nun rasend schnell zu vergehen, während die Erinnerungen an die ersten Tage langsam, aber stetig, verblassen. Es ist, als ob ich in einem Wirbelwind aus Erlebnissen gefangen bin, der die Tage miteinander verschmelzen lässt, und am Ende der Reise sind sie kaum noch voneinander zu unterscheiden.


Torsten Gripp im Oktober 2023

Wo Richard sein Löwenherz verlor

Mont Saint Michel. Eigentlich hatte ich mich darauf gefreut, diesen historischen Ort zu besuchen, aber dann kommen mit mir Busladungen voll mit Touristen aus Amerika angefahren. Einige von ihnen sitzen in elektrisch angetriebenen Rollstühlen, vielleicht weil sie zu fett für eigene Bewegungen sind oder sich schlichtweg nicht die Mühe machen wollen, die vielen Stufen und steilen Hänge zu bewältigen. Ihr Gemurmel der Unzufriedenheit erfüllt die Luft, während sie über die Unbequemlichkeit des Aufstiegs klagen. Ich frage mich, ob diese Massen wirklich verstehen, was Mont Saint Michel ausmacht – die Einsamkeit, die Geschichte und die erhabene Schönheit. Diese Menschen scheinen nur auf der Suche nach einem weiteren Selfie-Hintergrund zu sein, den sie abhaken können.

Auf dem Weg zur Lieblingsburg von Richard Löwenherz. (…)

Das alles will ich nicht aushalten müssen. Also beschließe ich, mich rasch zu verabschieden und weiter ins Landesinnere zu fahren, in die malerische Normandie. Mein Ziel ist das Schloss Gaillard, erbaut von Richard Löwenherz. Im Dorf unterhalb des Schlosses erlebe ich echte, unverfälschte Architektur aus dem Mittelalter. Die engen Gassen, die steinernen Häuser und die verwinkelten Pfade versetzen mich zurück in eine längst vergangene Zeit.
Aber lasst mich zur eigentlichen Hauptattraktion zurückkehren: Richard Löwenherz. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er sich auf den Zinnen seines Lieblings-Schlosses die Zeit mit Kreuzworträtseln und Sudoku vertrieben hat. Da sitzt er also, der König der Engländer, in einem Schloss, das härter zu knacken war als eine Nuss, die sich weigert, von einem Eichhörnchen gefressen zu werden. Er schaut über die Seine und denkt sich vielleicht: „Mensch, diese Aussicht ist wirklich umwerfend!“ Die Seine schlängelt sich nämlich malerisch vorbei, und die Burg ragt hoch in den Himmel. Es ist fast so, als würde die Natur sagen: „Hey, Richard schau mal, wie hübsch es hier ist!“
Und wer weiß, vielleicht hat er auf dem Rückweg nach England eine Postkarte mit einem Bild von Schloss Gaillard verschickt, mit den Worten: „War hier, hab mich gelangweilt, aber die Aussicht war super!“

Les Andelys soll eines der schönsten Dörfer in der Normandie sein. Mir gefallen die alten Häuser im Zentrum auch sehr, aber in der Neustadt gibt es wirklich häßliche Plattenbauten. Gegensätze, wie sie größer nicht sein können.

Ein Bier und eine Pizza. (…)

In diesem Moment wird mir bewusst, dass meine Reise nicht nur eine Reise durch die Geschichte, sondern auch eine Reise durch die Zeit selbst ist. Ich kann die Vergangenheit spüren und die Gegenwart sehen, und ich frage mich, wie die Zukunft dieses Ortes aussehen wird. Wie werden die Menschen in hundert Jahren über Mont Saint Michel und Schloss Gaillard sprechen? Welche Geschichten werden sie erzählen? Die Gedanken wirbeln in meinem Kopf, und ich kann nicht anders, als mich in philosophischen Betrachtungen zuverlieren. Die Welt ist ein Ort des Wandels, und ich bin nur ein winziger Teil davon, der vorübergehend an diesen Orten verweilt und darüber nachdenkt, wie sie sich im Laufe der Zeit verändern.

Am Ende gibt es ein Bier in einer Bar und auf dem Rückweg eine Pizza vom Stand um die Ecke.
Das muss reichen. Und… es reicht tatsächlich.


Der Zauber von St. Malo

Die Sonne steigt gemächlich über St. Malo empor, und das Meer zieht sich zurück, als hätte es Angst vor den Heerscharen von Touristen, die sich heute wieder über die Stadt hermachen werden. Es ist Ebbe, ja, aber das ist keine gewöhnliche Ebbe! Das ist eine Ebbe, bei der selbst die Muscheln den Atem anhalten und die Krabben sich so tief in den Sand buddeln, dass sie fast in Australien ankommen. Der Sand hier ist härter als eine frisch geteerte Straße, und ich kann darauf laufen, als wäre ich auf einer Parade.

Alles eine Frage der Perspektive. (…)

Die Festungsmauer erhebt sich majestätisch vor mir, und ich kann sie aus der ungewöhnlichen Perspektive des trockenen Meeresbodens betrachten. Genau die Perspektive, die Sir Francis Drake vor langer Zeit gehabt haben muss, als er hier an Land ging. Die Sonne wirft ihr goldenes Licht auf die Szenerie, und es fühlt sich an, als wäre ich in einem alten Traum gefangen. Trotz der Menschenmassen um mich herum habe ich das Gefühl, als hätte der liebe Gott höchstpersönlich mich zu diesem Zeitpunkt und an diesem Ort eingeladen, um seine Schöpfung zu bewundern. Alles, was noch fehlt, ist eine persönliche Führung von ihm, aber ich kann ihn nirgendwo sehen. Stattdessen sehe ich Steine, Tiere und Menschen. Aber auch das Meer und die Luft, die fast im selben Blauton daherkommen, perfekt aufeinander abgestimmt, wie in einem himmlischen Gemälde.


Mittagszeit. (…)

Zur Mittagszeit gönne ich mir eine traditionelle Crêpe, begleitet von einer Tasse Cidre. Es ist einfach wunderbar. Der Tag in St. Malo zeigt sich von seiner besten Seite. Danach mache ich mich auf zu einer Shoppingtour. Geschäfte gibt es hier ja im Überfluss, und ich entdecke das ein oder andere Schätzchen, das einfach mit mir nach Hause muss. Ich schleppe meine Einkäufe zum Auto und setze meine Erkundungstour fort. Später, bei einem Bier in der wärmenden Sonne, widme ich mich dem beliebten Hobby des „Menschen-Guckens“. Das Leben in St. Malo kann man wirklich genießen. Am Nachmittag gönne ich mir ein kleines Schläfchen und werfe einen ersten Blick auf die Fotos, die ich heute geschossen habe.


Reise vs. Urlaub. (…)

Die Sonne geht unter und da stehe ich also, an den befestigten Ufern von St. Malo in Frankreich, und überlege, wie ich mich diesem Ort und überhaupt der ganzen Reise nähern soll. Ein leichter Wind streicht über die alten Stadtmauern, und ich kann das Salz des Meeres auf meiner Zunge schmecken. Vielleicht bin ich wie ein neugieriger Hund auf Fährtensuche, wenn ich durch die Gassen dieser historischen Stadt streife, oder vielleicht bin ich eher ein Wanderer ohne klares Ziel, der sich dem Schicksal anvertraut.
Der Unterschied zwischen einem gebuchten Pauschal-Urlaub und einer Reise ist phänomenal. Ein Urlaub ist wie ein Paket, bei dem Unterhaltung, Essen und Trinken inbegriffen sind, ein festes Programm, das mich vom Alltagstrott ablenken soll. Aber eine Reise, meine Freunde, eine Reise ist etwas ganz anderes. Sie fordert mich heraus. Ich muss selbst den Weg finden, die Welt aus verschiedenen Perspektiven erleben, sowohl das Gute als auch das Schlechte. Ich habe Erfolge, wie wenn ich endlich die versteckte Straße finde, die mich zu einem geheimen Aussichtspunkt führt, oder wenn ich die Schönheit der Welt in den frühen Morgenstunden für mich allein habe. Und für alles, was schiefgeht, trage ich selbst die Verantwortung. Kein Reiseunternehmer wird mir Geld zurückgeben, wenn das Essen nicht meinen Erwartungen entspricht. Nein, ich buche es einfach unter Erfahrung ab und mache mich bereit für das nächste gastronomische Abenteuer.

Ich liebe meine Reisen. Sie schärfen meine Sinne für Dinge, die ich nie zuvor für möglich gehalten habe. Jeder Tag ist eine wahre Wundertüte. Wunder über Wunder begegnen mir, sowohl die kleinen als auch die großen. Doch ich bin mir bewusst, dass ich deswegen noch lange kein Heiliger bin. Diejenigen, die für solche Dinge zuständig sind, würden meine kleinen Wunder wohl kaum anerkennen. Sie sind zu unscheinbar, zu unbedeutend für eine Heiligsprechung. Ich hatte keine Visionen, und niemand hat mir prophezeit, wohin die Menschheit driftet. Aber ich erkenne ein Wunder im sanften Sonnenaufgang über dem Meer, und vielleicht, ja vielleicht sogar in einer Welle, die am Strand langsam ausläuft.

St. Malo, diese historische Stadt, umgeben von dicken Mauern und von einer majestätischen Brandung umspült, hat mir wieder einmal vor Augen geführt, dass das wahre Wunder des Lebens oft in den kleinen, alltäglichen Dingen liegt. Hier, an diesem Ort, wo die Geschichte in den Steinen zu atmen scheint und das Meer die Geschichten der Seefahrer erzählt, habe ich eine neue Perspektive auf das Leben gewonnen. In St. Malo wird die Vergangenheit lebendig, und die Gegenwart wird zu einem Geschenk, das ich zu schätzen weiß. Und so setze ich meinen Weg fort, mit offenen Augen und offenem Herzen, bereit, weitere Wunder zu entdecken, auf dieser Reise, die ein wichtiger Teil meines Lebens ist.