…und ein bisschen blau.
Sechs Becher.
Der Tag passiert mich.
Ich lasse mein Leben laufen.
Greife nicht ein.
Fast nicht.
Es ist wie in der Werkstatt, wenn der Ton durch meine Hände geht – lebendig und doch still. Mein Geist ruht, während meine Hände arbeiten. Sie finden ganz von selbst eine Form. Ich denke nur: „Becher“, und die Reise beginnt. Manchmal denke ich auch: „Teeschale, Vase oder Schale“. Aber der Gedanke bleibt ein leises Wispern. Der Rest geschieht von allein. Jedes Stück wird so ein Einzelstück. Serienfertigung? Unmöglich. Und das ist gut so. Dazu hätte ich ohnehin keine Lust.
Später, wenn ich die Rohform versäubere, wird mein Kopf lebendig. Gedanken fliegen hin und her, treiben vor und zurück, wie Herbstblätter, die keinen Halt suchen. Oft aber bleibe ich einfach nur in diesem einen Moment stehen. In der Freude. Ich halte das Ding, das meine Hände geschaffen haben, und spüre eine leise, warme Zufriedenheit. Es ist so viel mehr als nur Ton. Es lebt. Es ist ein magischer Moment.
Und dann kommt die Glasur. Ein Ritual wie das Anziehen am Morgen. Aus der Vielzahl von Kleidern – meinen Glasuren – wähle ich das aus, das zum Tag passt. Ich entscheide spontan. Der Ofen wird sowieso das letzte Wort haben. Dort, in der Gluthitze, geschieht das Wunder der Verwandlung. Mein Einfluss ist eher gering. Es ist das große Nichteingreifen, das den Zauber möglich macht.
Ich mag dieses Nichteingreifen. Es ist befreiend. Es nimmt mir die Verantwortung ab und schenkt mir stattdessen Glauben. Einen Glauben an das Schicksal, das, wie der Ofen, seine eigene Sprache spricht. Nichteingreifen bedeutet nicht, dass ich mich treiben lasse wie ein Blatt im Wind. Es bedeutet, dem Fluss des Lebens zu vertrauen, ohne ihn zu kontrollieren. Die Arbeit mit dem Ton lehrt mich: Alles hat seine Zeit, seine eigene Geschwindigkeit. Eingreifen würde die Form brechen, würde die Harmonie stören, die sich ganz von allein entfaltet. Es ist ein Tanz zwischen Schicksal und Willen, bei dem der Wille einen Schritt zurücktritt, um dem Schicksal Raum zu geben.
„Der Tag passiert mich.“
Dieser Satz klingt seltsam, als wäre er gestolpert. Und doch ist er ganz eindeutig. Ein Tag passiert mich. Er zieht an mir vorbei, wie ein Strom, in den ich nicht greife. Er lässt sich nicht festhalten, nur erleben. Am Ende wird er von der Nacht abgelöst, wie ein Schatten, der den Raum einhüllt. Und irgendwann falle ich in den Schlaf. Ein Zustand, der vom Tod kaum zu unterscheiden ist. Diese Grenze fasziniert mich. Ich frage mich manchmal, ob ich nach dem Tod wohl auch träumen werde. Die Vorstellung macht mich seltsam froh.
Bisher bin ich immer wieder aufgewacht. Das Licht hat die Dunkelheit besiegt, und mich wieder in den Tag geschickt. Und dafür bin ich dankbar. Der neue Tag kann mich nun wieder passieren. Und so lasse ich ihn fließen – wie alles andere auch.
Jenseits aller Pläne
Seit ein paar Monaten schreibe ich hier meine Gedanken auf. Es ist kein Tagebuch, sondern eher ein Gedankenbuch. Ich plaudere munter über dies und das. Und über das Hineinspringen ins Leben. Ich schreibe über Reisen und Keramiken, über Malerei und Fotografie. Und, natürlich, philosophiere ich – mit dem Pathos eines Hobby-Sokrates – über das Leben an sich.
Mein geheimes Motto?
Erst schreiben, dann denken.
Klingt riskant, ich weiß. Aber, wie soll ich sonst herausfinden, was in meinem Kopf los ist? Und wenn es nicht gleich Sinn ergibt, vertraue ich einfach auf die Korrektur am nächsten Tag. Denn, wie die Kölner sagen: „Et hat noch immer jot jejange.“
Dieses Vertrauen macht vieles leichter. Auch das Leben an und für sich und ganz besonders, das Formen von Bechern, Schalen und Vasen. Da stehe ich in meiner Werkstatt, knietief im Ton – na gut, noch nicht einmal knöcheltief – und forme. Ich beobachte das Ergebnis während des Trocknungsprozesses, überlege, welche Glasur das Werkstück verdient hat, und packe mein neues Werk schließlich in den Brennofen. Es ist ein Prozess, der sich insgesamt über viele Wochen erstreckt. Verbunden mit Warten, Hoffen und gelegentlichem Fluchen (vor allem, wenn der Ofen die Glasur anders interpretiert als ich).
Am Ende: ein formidabler Becher. Oder ein missglückter Versuch, der aussieht wie ein sehr trauriger Schlauch. Egal. Alles gehört dazu. Einige dieser Werke wohnen jetzt bei mir in der Küche, andere im Wohnzimmer. Ausgewählte Stücke haben nun auch einen anderen Besitzer. Die weniger Glücklichen? Die sind in einer Kiste im Keller und führen ein stilles Dasein.
Die Kunst des Scheiterns.
Die Kunst des Scheiterns
Die Kunst des Scheiterns mit Stil
Und dann passiert es: Ein Riss. Mitten durch das Werkstück. Immer trifft es genau die Schale, die ich besonders mochte. Die perfekte Kurve, die sanfte Linie – alles dahin. Wahrscheinlich habe ich irgendwo einen Fehler gemacht. Aber wo? Vielleicht beim Ton, vielleicht beim Brennen, vielleicht bei meiner übertriebenen Selbstsicherheit. Genau werde ich es nie wissen. Leider.
Doch jetzt kommt der magische Moment: der Moment, in dem die Abfall-Tonne schreit „Hierher!“, und ich antworte: „Nicht so schnell!“ Denn was kaputt ist, muss nicht weniger wertvoll sein – manchmal wird es sogar mehr.
Hier kommt der Golddraht ins Spiel. Kintsugi, diese wunderbar tröstliche japanische Kunst, die Risse mit Gold hervorhebt, statt sie zu verstecken. Plötzlich wird der Bruch zur Zierde, der Makel zur Signatur. Meine Schale kann zwar keine Flüssigkeiten mehr halten – ein bisschen unpraktisch für eine Teeschale, zugegeben – aber es gibt ja Gummibärchen.
Man sagt, Kintsugi sei eine Philosophie der Heilung, ein Fest des Unvollkommenen. Ich sage: Es ist auch eine Form des Pragmatismus. Denn was wäre die Alternative? Perfektion ist langweilig, Unvollkommenheit ist ehrlich. Und Gummibärchen schmecken sowieso besser, wenn sie aus einer Schale kommen, die ein bisschen von der Welt gesehen hat.
Drei Vasen

Drei Vasen
Drei kleine Vasen.
Drei Blumen aus Filz.
Sechs Farben, viele Zwischentöne.
Ich sehe mehr.
Mehr, als der erste Blick verrät.
Mehr als Keramik?
Oder nur drei Vasen,
Filzkugeln an zarten Stengeln,
von Draht gehalten?
Egal?
Nein.
Die Zwischentöne –
sie halten die Welt zusammen.
Sie tragen mich,
lassen mich fliegen,
hier,
jetzt,
mitten im Wohnzimmer,
bis an die Ränder der Zeit.
Sehr schön…
DIY
Im Eimer
2025
Das Jahr der Becher.
Becher, Becher, Sturzbecher
Mit der Trichterform habe ich momentan „meine Form“ für Trinkgefäße gefunden. Ich favorisiere sie, weil sie dem Deutschen Sturzbecher so ähnlich ist.
Die Geschichte der Trichtergefäße – insbesondere des Sturzglases – ist eng verknüpft mit der Entstehung und Entwicklung der deutschen Trinkgewohnten im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit. Der Begriff Sturzglas stammt ursprünglich aus der Glasmachertradition und bezeichnete ein Gefäß, dessen Form eine trichterförmige, nach unten schmaler werdende Öffnung hatte. Diese Form war besonders geeignet, die Flüssigkeit in einem kontinuierlichen Strom zu präsentieren und zu konsumieren. Die Sturzgläser wurden sehr selten im alltäglichen Gebrauch verwendet. Im Unterschied zum normalen Trinkgefäß hatten sie nämlich keinen Fuß und waren daher ziemlich unpraktisch. Ihr Inhalt musste aus diesem Grund mit einem großen Schluck – hinuntergestürzt – und das Glas danach auf den Tisch gelegt oder mit der Öffnung nach unten abgelegt werden.
Traditionell wurde durch die Benutzung eines Sturzglases nicht nur das gemeinsame Mahl aufgelockert, sondern man konnte auf wenig subtile Weise einen großen Schluck nehmen und ein Vivat aussprechen. Gerade die brandenburgisch-preußische Hofgesellschaft fand großen Gefallen an diesen besonderen Gläsern.
Was meine eigene Arbeit betrifft, so sehe ich meine Trichtergefäße, die ich in der Kurinuki-Technik fertige, als eine moderne Antwort auf diese Tradition – nur mit dem Unterschied, dass meine Gefäße einen Fuß haben und von allein stehen können. Jeder dieser Becher ist in seiner Form so abgestimmt, dass er der spezifischen Funktion des jeweiligen Getränks gerecht wird. Der hohe Becher für Sherry und Wein ist so gestaltet, dass die Form die Aromen im Glas bündelt, während die breitere Becherform für Tee und Kaffee die Wärme länger speichert und das Getränk angenehmer hält. Der kleine Espresso-Becher schließlich ist kompakt und bringt durch die Form die Intensität und den Charakter des Getränks zur Geltung.
Ob und inwiefern farbige Glasuren eine Rolle spielen werden, weiß ich noch nicht so genau. Der Prozess der Glasur ist für mich eine Möglichkeit, die Form zusätzlich zu betonen oder mit neuen Aspekten zu kontrastieren. Doch in dieser Phase meiner Arbeit ist es mir wichtig, dass die Form selbst in ihrer Reinheit und in ihrem Ausdruck klar bleibt. Die Glasur soll das Gefäß begleiten, ihr nützlich sein, nicht überlagern.















































