Hüterin der verborgenen Kräfte.

Manche sagen, dass sie in den Häusern, in denen sie steht, ihre eigenen Wege geht.


Nicht jeder kann sie sehen. Natürlich, mit den Augen schon – da steht sie, dunkel und erdverbunden, mit ihrem hölzernen Wächter. Doch ihre wahre Gestalt zeigt sie nur denen, die bereit sind, zuzuhören.

Ihr Ton, so schwarz wie die tiefste Nacht, scheint das Licht zu schlucken. Doch wenn man sie aus dem richtigen Winkel betrachtet, flackert etwas darin auf – ein Echo vergangener Rituale, ein Hauch von alten Geheimnissen. Ihr Rand ist nicht zufällig geformt. Er trägt Spuren, als hätte die Zeit selbst ihn mit Fingerspitzen berührt.

Das Voodoo-Holz erhebt sich über ihr wie ein Totem. Zwei Gesichter, schweigend, doch wachsam. Sie sehen nicht mit den Augen, sondern mit dem Wissen alter Zeiten. Und wer es wagt, die Schale mit einer Flüssigkeit zu füllen, entfacht ihre Magie.

Wasser spiegelt mehr als das Gesicht – es zeigt das, was verborgen ist.
Wein ruft Erinnerungen herbei, selbst die, die vergessen schienen.
Tee zieht das Glück an, langsam, süß und unwiderruflich.

Doch manchmal, in stillen Nächten, wenn der Raum in Dunkelheit getaucht ist, beginnt sie zu flüstern. Kein Laut, den man mit den Ohren hören kann – eher ein Summen tief im Inneren. Die Luft um sie scheint sich zu bewegen, als würde sie nach etwas greifen. Nach einem Wunsch, einem Gedanken, einer Hoffnung.

Manche sagen, dass sie in den Häusern, in denen sie steht, ihre eigenen Wege geht. Dass sie ihren Platz verändert, sich unmerklich dreht, dass man die Räume manchmal mit einem Gefühl betritt, das eben noch nicht da war.

Doch sie fordert nichts. Sie nimmt nur das auf, was ihr anvertraut wird.

Ein Gefäß der Magie.
Ein Portal der Erde.
Ein Hüter von Dingen, die nur die Nacht kennt.

Der Tag passiert mich.

Ich lasse mein Leben laufen. 
Greife nicht ein. 
Fast nicht. 

Es ist wie in der Werkstatt, wenn der Ton durch meine Hände geht – lebendig und doch still. Mein Geist ruht, während meine Hände arbeiten. Sie finden ganz von selbst eine Form. Ich denke nur: „Becher“, und die Reise beginnt. Manchmal denke ich auch: „Teeschale, Vase oder Schale“. Aber der Gedanke bleibt ein leises Wispern. Der Rest geschieht von allein. Jedes Stück wird so ein Einzelstück. Serienfertigung? Unmöglich. Und das ist gut so. Dazu hätte ich ohnehin keine Lust.

Später, wenn ich die Rohform versäubere, wird mein Kopf lebendig. Gedanken fliegen hin und her, treiben vor und zurück, wie Herbstblätter, die keinen Halt suchen. Oft aber bleibe ich einfach nur in diesem einen Moment stehen. In der Freude. Ich halte das Ding, das meine Hände geschaffen haben, und spüre eine leise, warme Zufriedenheit. Es ist so viel mehr als nur Ton. Es lebt. Es ist ein magischer Moment.

Und dann kommt die Glasur. Ein Ritual wie das Anziehen am Morgen. Aus der Vielzahl von Kleidern – meinen Glasuren – wähle ich das aus, das zum Tag passt. Ich entscheide spontan. Der Ofen wird sowieso das letzte Wort haben. Dort, in der Gluthitze, geschieht das Wunder der Verwandlung. Mein Einfluss ist eher gering. Es ist das große Nichteingreifen, das den Zauber möglich macht.

Ich mag dieses Nichteingreifen. Es ist befreiend. Es nimmt mir die Verantwortung ab und schenkt mir stattdessen Glauben. Einen Glauben an das Schicksal, das, wie der Ofen, seine eigene Sprache spricht. Nichteingreifen bedeutet nicht, dass ich mich treiben lasse wie ein Blatt im Wind. Es bedeutet, dem Fluss des Lebens zu vertrauen, ohne ihn zu kontrollieren. Die Arbeit mit dem Ton lehrt mich: Alles hat seine Zeit, seine eigene Geschwindigkeit. Eingreifen würde die Form brechen, würde die Harmonie stören, die sich ganz von allein entfaltet. Es ist ein Tanz zwischen Schicksal und Willen, bei dem der Wille einen Schritt zurücktritt, um dem Schicksal Raum zu geben.

„Der Tag passiert mich.“

Dieser Satz klingt seltsam, als wäre er gestolpert. Und doch ist er ganz eindeutig. Ein Tag passiert mich. Er zieht an mir vorbei, wie ein Strom, in den ich nicht greife. Er lässt sich nicht festhalten, nur erleben. Am Ende wird er von der Nacht abgelöst, wie ein Schatten, der den Raum einhüllt. Und irgendwann falle ich in den Schlaf. Ein Zustand, der vom Tod kaum zu unterscheiden ist. Diese Grenze fasziniert mich. Ich frage mich manchmal, ob ich nach dem Tod wohl auch träumen werde. Die Vorstellung macht mich seltsam froh.

Bisher bin ich immer wieder aufgewacht. Das Licht hat die Dunkelheit besiegt, und mich wieder in den Tag geschickt. Und dafür bin ich dankbar. Der neue Tag kann mich nun wieder passieren. Und so lasse ich ihn fließen – wie alles andere auch.

Jenseits aller Pläne

Seit ein paar Monaten schreibe ich hier meine Gedanken auf. Es ist kein Tagebuch, sondern eher ein Gedankenbuch. Ich plaudere munter über dies und das. Und über das Hineinspringen ins Leben. Ich schreibe über Reisen und Keramiken, über Malerei und Fotografie. Und, natürlich, philosophiere ich – mit dem Pathos eines Hobby-Sokrates – über das Leben an sich.

Mein geheimes Motto? 

Erst schreiben, dann denken. 

Klingt riskant, ich weiß. Aber, wie soll ich sonst herausfinden, was in meinem Kopf los ist? Und wenn es nicht gleich Sinn ergibt, vertraue ich einfach auf die Korrektur am nächsten Tag. Denn, wie die Kölner sagen: „Et hat noch immer jot jejange.“

Dieses Vertrauen macht vieles leichter. Auch das Leben an und für sich und ganz besonders, das Formen von Bechern, Schalen und Vasen. Da stehe ich in meiner Werkstatt, knietief im Ton – na gut, noch nicht einmal knöcheltief – und forme. Ich beobachte das Ergebnis während des Trocknungsprozesses, überlege, welche Glasur das Werkstück verdient hat, und packe mein neues Werk schließlich in den Brennofen. Es ist ein Prozess, der sich insgesamt über viele Wochen erstreckt. Verbunden mit Warten, Hoffen und gelegentlichem Fluchen (vor allem, wenn der Ofen die Glasur anders interpretiert als ich).

Am Ende: ein formidabler Becher. Oder ein missglückter Versuch, der aussieht wie ein sehr trauriger Schlauch. Egal. Alles gehört dazu. Einige dieser Werke wohnen jetzt bei mir in der Küche, andere im Wohnzimmer. Ausgewählte Stücke haben nun auch einen anderen Besitzer. Die weniger Glücklichen? Die sind in einer Kiste im Keller und führen ein stilles Dasein.

Die Kunst des Scheiterns.

Die Kunst des Scheiterns

Die Kunst des Scheiterns mit Stil

Und dann passiert es: Ein Riss. Mitten durch das Werkstück. Immer trifft es genau die Schale, die ich besonders mochte. Die perfekte Kurve, die sanfte Linie – alles dahin. Wahrscheinlich habe ich irgendwo einen Fehler gemacht. Aber wo? Vielleicht beim Ton, vielleicht beim Brennen, vielleicht bei meiner übertriebenen Selbstsicherheit. Genau werde ich es nie wissen. Leider.

Doch jetzt kommt der magische Moment: der Moment, in dem die Abfall-Tonne schreit „Hierher!“, und ich antworte: „Nicht so schnell!“ Denn was kaputt ist, muss nicht weniger wertvoll sein – manchmal wird es sogar mehr.

Hier kommt der Golddraht ins Spiel. Kintsugi, diese wunderbar tröstliche japanische Kunst, die Risse mit Gold hervorhebt, statt sie zu verstecken. Plötzlich wird der Bruch zur Zierde, der Makel zur Signatur. Meine Schale kann zwar keine Flüssigkeiten mehr halten – ein bisschen unpraktisch für eine Teeschale, zugegeben – aber es gibt ja Gummibärchen.

Man sagt, Kintsugi sei eine Philosophie der Heilung, ein Fest des Unvollkommenen. Ich sage: Es ist auch eine Form des Pragmatismus. Denn was wäre die Alternative? Perfektion ist langweilig, Unvollkommenheit ist ehrlich. Und Gummibärchen schmecken sowieso besser, wenn sie aus einer Schale kommen, die ein bisschen von der Welt gesehen hat.

Drei Vasen

Torsten Gripp | Vasen | 2025
Drei Vasen

Drei kleine Vasen.
Drei Blumen aus Filz.
Sechs Farben, viele Zwischentöne.

Ich sehe mehr.
Mehr, als der erste Blick verrät.
Mehr als Keramik?
Oder nur drei Vasen,
Filzkugeln an zarten Stengeln,
von Draht gehalten?

Egal?
Nein.

Die Zwischentöne –
sie halten die Welt zusammen.
Sie tragen mich,
lassen mich fliegen,
hier,
jetzt,
mitten im Wohnzimmer,
bis an die Ränder der Zeit.