Der Auftrag.

Neulich war eine Freundin da. Wir plauderten über Gott und die Welt. Also beinahe. Denn ehe ich mich versah, waren wir mitten in einer Geschäftsverhandlung. Nein, ich wollte keine Aufträge annehmen. Auf gar keinen Fall! Das machte ich ihr in aller Deutlichkeit klar.

Und dann – keine zwei Minuten später – diskutierten wir über Glasurfarben. Sie wollte Grün. Grün und nichts als Grün.

Ich dachte: Grün kann ich.

Ich nannte einen Preis. Einen nicht unbeträchtlichen Preis. Einen Preis, bei dem man für gewöhnlich höflich ablehnt und das Thema wechselt. Doch sie sagte ja.

Ja!

Nun hatte ich, was ich nicht wollte: einen Auftrag. Allerdings mit Carte Blanche – abgesehen von der Farbe. Und der Größe. Und der Form.

Mist, dachte ich.

Das Resultat.

Aber nun stehen sie da. Becher, die keine Becher sind. Eher Pötte. Groß, schwer, mit Henkeln, die sich ins Rampenlicht drängen. Der eine so auffällig, dass er glatt als Griff einer Teekanne durchgehen könnte. Die anderen? Nun ja, sie haben einen gewissen Ehrgeiz. Jede möchte die Schönste sein.

Es ist viel Ton verarbeitet, das Gewicht beachtlich. Wer daraus trinken will, darf kein Schwächling sein.

Pflicht und andere Missverständnisse

Pflichtgefühl ist wie eine enge Hose: Manche tragen sie mit Stolz, ich bevorzuge Beinfreiheit.

Wenn ich Ameisen betrachte, habe ich oft den Verdacht, dass sie gar nicht nachdenken. Sie rennen los, tragen Krümel, kämpfen gegen Windböen, bauen ihren Haufen, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. Und auch, wenn eine Ameise in den Tod geht – die anderen laufen weiter, als wäre nichts geschehen. Ich dagegen liege manchmal im Bett und denke einfach nur nach.

Vielleicht, weil ich keine Ameise bin.
Vielleicht aber auch, weil ich kein richtiger Mensch bin.

Natürlich sehe ich aus wie einer. Zwei Beine, zwei Arme, eine Nase im Gesicht. Ich kann reden, essen, mir die Schuhe binden. Aber ich bin nicht, was man gemeinhin einen richtig tüchtigen Menschen nennt. Keiner von diesen Strebsamen, die frühmorgens Listen schreiben und abends alles abgehakt haben. Keiner von diesen Tunichtnichts, die von morgens bis abends faulenzen und trotzdem abends müde sind. Nein, ich bin ein Nicht-Mensch. Ein Sondermodell. Ein Zwischending. Ein Wesen mit der Lizenz zum Verweilen.

Ich bin nicht-wettkämpferisch, weil ich keinen Pokal für das Leben brauche.
Ich bin nicht-habgierig, weil meine Hände lieber Ton kneten als Geld zählen.
Ich bin nicht-rastlos, weil ich nicht glaube, dass man schneller lebt, wenn man rennt.
Ich bin nicht-planerisch, weil Pläne sich sowieso an der Wirklichkeit stoßen.
Und vor allem bin ich nicht-pflichtvergessen, sondern pflichtgewitzt. Ich nehme die Pflicht und drehe sie mir zurecht, bis sie zu mir passt.

Manchmal sticht mich der Hafer, und ich werde für ein paar Stunden ein Beinahe-Mensch. Ich räume auf, schreibe, töpfere, male, renne hin und her, als müsste ich mich selbst einholen. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich gar nicht auf der Flucht bin. Dass kein Ziel auf mich wartet, keine Medaille, kein Applaus.

Die Natur macht es genauso. Sie blüht nicht aus Pflichtgefühl. Sie existiert. Einfach so. Manchmal glaube ich, Gott und ich, wir haben denselben Weg. Einen Weg ohne Ziel.  Und dieser Gedanke gefällt mir.

Ob ich irgendwo ankomme?
Wer weiß das schon.
Aber ich bin hier.
Und das genügt.
Bis ich wieder weg bin.

Bchr.

Geduld – in Ton gebannt.

Frisch geformt, aus der Hand gewachsen. Dann das Schnitzen – kein Bearbeiten, sondern ein Befreien. Das Wegnehmen, um das Eigentliche hervorzulocken. Zwei Tage in der Werkstatt. Zwei Becher, zwei Teeschalen. Das ist alles. Mehr nicht. Oder doch alles? Jetzt beginnt die stille Zeit. Die Trockenzeit. Drei Wochen. Mindestens.

Drei Wochen, in denen nichts geschieht. Zumindest scheint es so. Doch im Innern der Gefäße vollzieht sich etwas: das Verdichten, das Sammeln, das Werden. Die Feuchtigkeit zieht sich zurück, der Ton findet seine Form. Ein Prozess, den ich nicht beschleunigen kann.

In der Welt draußen rast die Zeit. Hier drinnen, in der Werkstatt, hat sie ein anderes Gewicht. Ein anderes Maß. Wer Ton formt, muss warten können. Müssen? Nein, dürfen. Die Geduld ist kein Zwang. Sie ist das Geschenk des Töpferns.

Die Becher und Schalen ruhen.
Und ich?

Kokoro-Kurinuki

Die Schale schwebt auf leisen Füßen.

Es war einmal eine kleine Schale, die nicht wie andere Schalen war. Sie war aus dunklem Westerwälder Ton geboren, und als sie das Licht der Welt erblickte, wusste sie sofort: Sie war etwas Besonderes. Ihr Rand war rau wie die Erinnerungen eines alten Baumes, mit goldenen Partikeln gesprenkelt, als hätte der Wind ihr einen Hauch Sternenstaub hinterlassen.

Flach, kaum gewölbt, doch wer genauer hinschaut, erkennt das Geheimnisvolle in ihrer Gestalt. Sie ist keine gewöhnliche Schale, keine von der Sorte, die sich in Reih und Glied in den Regalen langweilt. Nein, sie ist eine Schale mit einer Seele, eine, die Geschichten erzählen kann, wenn man nur genau hinhört.

„Setzt mich nicht einfach in den Schrank!“, scheint sie zu rufen. „Legt mir ein paar Erdnüsse hinein, gebt mir eine kleine Vorspeise, lasst mich spüren, dass ich lebe!“
Denn was ist eine Schale ohne den leisen Duft von geröstetem Brot, ohne die Farben frischer Beeren oder das leise Klirren eines silbernen Löffels? Sie sehnt sich nach Berührung, nach der Wärme einer Hand, die sie sanft hebt und wieder absetzt, vielleicht ein wenig zögernd, weil sie so anders ist.

Das ist das Geheimnis der Kokoro-Kurinuki-Schalen. Sie sind nicht nur Gebrauchsgegenstände. Sie sind kleine Wesen aus Ton, in deren Herz die Geschichte ihrer Entstehung schlägt. Wer eine solche Schale besitzt, besitzt nicht einfach ein Gefäß – er besitzt ein Stück Erde, das mit Liebe geformt, mit Sorgfalt glasiert und mit einer Prise Magie vollendet wurde.

Kokoro-Kurinuki

Bchr.

Die Sprache der Oberfläche

Ich arbeite mit dunklem Westerwälder Ton, einem Material, das Tiefe besitzt – und Geheimnisse. Die Glasuren sind schlicht, oft nur ein Hauch, manchmal wie Nebel auf der Haut, manchmal wie zerschmolzenes Himmelslicht. Die Becher und Schalen, die in der Werkstatt entstehen, tragen Spuren – keine Dekoration.
Sie erzählen nicht von Technik, sondern von Beziehung. Zwischen dem Ton und dem, was durch mich hindurch geschieht; von Regentagen am Meer, von Wanderungen durch den Wald, von gescheiterten Versuchen, die schöner waren als der Erfolg.
Sie sprechen in Schalenlyrik – kurzen, tastenden Sätzen, die nur dann gehört werden, wenn man sie nicht sucht.

Oft sieht man Fingerabdrücke.
Oder das, was wie ein Abdruck aussieht, aber vielleicht vom Ton selbst stammt.
Wer weiß das schon?

In Regalen, auf alten Holzflächen, manchmal inmitten von Staub, ruhen die Keramiken wie kleine Wesen. Sie sind nicht ausgestellt – sie wohnen.
Manche stehen aufrecht und bereit, andere ducken sich in eine schlafende Haltung. Es gibt stämmige, erdverbundene Becher und solche, die wirken, als könnte man durch sie hindurch den Wind hören.

Doch alle haben eines gemeinsam: Sie sind Gefäßwesen.

Nicht Dinge.
Nicht Objekte.
Sondern kleine Träger eines Wissens, das man nicht lesen kann, sondern trinken muss.

Kokoro-Keramik

Drei kleine Löwen.


Grün ist keine Farbe, die sich leicht bändigen lässt. Sie ist die Farbe der Wandlung, der Alchemie, der Hoffnung und der Heilung. Die alten Alchemisten sprachen vom „Grünen Löwen“, einem geheimnisvollen Wesen, das das Unedle in Edles zu verwandeln vermag. Auch in der Natur ist Grün allgegenwärtig, aber nie gleich. Moosgrün, Smaragdgrün, Jade, das fahle Grün von verwittertem Kupfer.
Der Ton, aus dem diese Becher geformt sind, kommt aus den Tiefen des Westerwaldes. Dunkel, schwer, uralt. Er bildet den Körper, doch das Grün ist das Licht, das ihn umhüllt. Diese Spannung zwischen Dunkelheit und Leuchten macht die drei Becher erst lebendig.

Innen sind sie mit einer beigen Glasur ausgekleidet. Warum? Weil Tee eine Bühne braucht, kein Durcheinander. Grün ist Kraft, Bewegung, Lebendigkeit. Zu viel davon, und die Sinne verlieren sich. Das Beige schafft Ruhe. Es gibt dem Tee Raum, sich zu zeigen, in seiner ganzen Farbe und seiner Tiefe.

Kokoro-Kurinuki

Ein Hauch von Geheimnis ruht in ihrem Inneren – als hätte die Nacht selbst sie geformt.

Torsten Gripp | Goldene Teeschale | 2025

Es gibt Dinge, die werden erschaffen, und es gibt Dinge, die finden ihren eigenen Weg in die Welt. Diese Teeschale gehört zur zweiten Art. Sie sieht aus, als hätte sie über Jahrhunderte in einer verborgenen Höhle geschlummert, bewacht von Schatten und Stille, bis jemand sie ans Licht hob.

Manchmal frage ich mich, ob ich sie wirklich geformt habe – oder ob sie durch meine Hände nur ihren rechtmäßigen Platz in dieser Welt gefunden hat. Die Legenden erzählen, dass es einst Schmiede und Töpfer gab, die Feuer nicht nur bändigten, sondern mit ihm sprachen. Sie verstanden, dass manche Dinge nicht bloß geformt, sondern erweckt werden müssen.

Viele Keramiken sind einfach nur Keramiken. Nützlich, schön, doch still. Doch dann gibt es jene wenigen, die mehr sind – die nicht nur ein Getränk halten, sondern eine Geschichte, eine Stimmung, eine Erinnerung.

Kokoro-Kurinuki

Diese Teeschale ist kein Gegenstand. Sie ist ein stiller Ort, der dich findet, wenn du verloren gehst.


Eisiger Wind aus Nordost. Trübe Gedanken, die an den Fensterscheiben kratzen. Angst vor dem nächsten Tag. Aber – da steht sie – fest, unerschütterlich. Ihre zerklüftete Außenwand erzählt von Stürmen und Zeiten, von Brüchen und Narben. Doch im Inneren? Ein sanftes Leuchten, eine Wärme, die einlädt, sich niederzulassen.

Diese Schale ist ein Schutzraum. Ein Ort, an dem Elfen und gute Geister wohnen, bereit, die dunklen Schatten zu vertreiben. Mit jedem Schluck beginnt ihre Arbeit: Sie lösen Sorgen, flüstern Mut, schenken ein leises Lächeln.

Und wer sie besitzt, weiß: Man stellt sie danach nicht einfach in die Spülmaschine. Nein, sie verlangt nach Berührung, nach einem Ritual. Lauwarmes Wasser, streichende Hände – spüren, was rau ist, und was weich. Yin und Yang. Tag und Nacht.

Kokoro-Kurinuki

Wer aus ihr trinkt, berührt mehr als den Rand der Zeit.


Die Grenzen zwischen dem Hier und dem Dazwischen lösen sich auf. Und genau dort, in diesem Reich zwischen Licht und Schatten, hat diese Schale ihren Ursprung.

Ihre Oberfläche trägt die Narben der Erde, gezeichnet von der Kraft der Elemente. Schicht um Schicht legt sich das Dunkel des Gesteins um sie, zerfurcht, geformt von Zeit und Geheimnissen. Doch dann, ein leiser Aufbruch – ein Hauch roter Lava schimmert am Rand, als wäre tief in ihr noch immer die Glut eines verborgenen Feuers.
Sie ist kein einfaches Objekt. Sie ist ein Rätsel, eine Einladung, ein Versprechen. Wer sie in die Hand nimmt, hält mehr als Ton. Er hält einen Mythos – und Mythen sind unbezahlbar.

Und mit jedem Schluck Tee weichen die dunklen Geister dieser Welt ein Stück weiter zurück. Es sind die freundlichen Kräfte, die in ihr wohnen, die durch die Zeit reisen und in leiser Wachsamkeit über all jene wachen, die bereit sind zu lauschen.