Pflicht und andere Missverständnisse

Pflichtgefühl ist wie eine enge Hose: Manche tragen sie mit Stolz, ich bevorzuge Beinfreiheit.

Wenn ich Ameisen betrachte, habe ich oft den Verdacht, dass sie gar nicht nachdenken. Sie rennen los, tragen Krümel, kämpfen gegen Windböen, bauen ihren Haufen, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. Und auch, wenn eine Ameise in den Tod geht – die anderen laufen weiter, als wäre nichts geschehen. Ich dagegen liege manchmal im Bett und denke einfach nur nach.

Vielleicht, weil ich keine Ameise bin.
Vielleicht aber auch, weil ich kein richtiger Mensch bin.

Natürlich sehe ich aus wie einer. Zwei Beine, zwei Arme, eine Nase im Gesicht. Ich kann reden, essen, mir die Schuhe binden. Aber ich bin nicht, was man gemeinhin einen richtig tüchtigen Menschen nennt. Keiner von diesen Strebsamen, die frühmorgens Listen schreiben und abends alles abgehakt haben. Keiner von diesen Tunichtnichts, die von morgens bis abends faulenzen und trotzdem abends müde sind. Nein, ich bin ein Nicht-Mensch. Ein Sondermodell. Ein Zwischending. Ein Wesen mit der Lizenz zum Verweilen.

Ich bin nicht-wettkämpferisch, weil ich keinen Pokal für das Leben brauche.
Ich bin nicht-habgierig, weil meine Hände lieber Ton kneten als Geld zählen.
Ich bin nicht-rastlos, weil ich nicht glaube, dass man schneller lebt, wenn man rennt.
Ich bin nicht-planerisch, weil Pläne sich sowieso an der Wirklichkeit stoßen.
Und vor allem bin ich nicht-pflichtvergessen, sondern pflichtgewitzt. Ich nehme die Pflicht und drehe sie mir zurecht, bis sie zu mir passt.

Manchmal sticht mich der Hafer, und ich werde für ein paar Stunden ein Beinahe-Mensch. Ich räume auf, schreibe, töpfere, male, renne hin und her, als müsste ich mich selbst einholen. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich gar nicht auf der Flucht bin. Dass kein Ziel auf mich wartet, keine Medaille, kein Applaus.

Die Natur macht es genauso. Sie blüht nicht aus Pflichtgefühl. Sie existiert. Einfach so. Manchmal glaube ich, Gott und ich, wir haben denselben Weg. Einen Weg ohne Ziel.  Und dieser Gedanke gefällt mir.

Ob ich irgendwo ankomme?
Wer weiß das schon.
Aber ich bin hier.
Und das genügt.
Bis ich wieder weg bin.

Das unendliche Üben.

Es war einmal ein Mensch, der Tag für Tag seine Hände in die weiche, kühle Erde tauchte. Er knetete, formte, erkannte und begann von Neuem. Der Ton war sein Gefährte, sein Lehrer, sein Spiegel. Und so übte er – nicht, um etwas Bestimmtes zu erreichen, sondern weil das Üben selbst eine Welt war, in der er frei war und atmen konnte.

Manchmal fragte er sich: Wann kommt der große Moment? Wann werde ich erkennen, dass ich angekommen bin? Wann erlebe ich die große Erfüllung? Doch jedes Mal, wenn der Gedanke kam, gab er sich selbst eine Antwort:

Übe. Übe. Übe.

Torsten Gripp | Grüne Becher | 2025

Der Ton hatte kein Ziel. Kein Becher, keine Schale, kein Gefäß sehnte sich danach, fertig zu sein. Alles entstand und wurde zugleich wieder vergessen. Und so kam es, dass auch er, der Töpfer, vergaß – vergaß, was er wollte, vergaß, wohin er strebte. Er wurde eins mit dem Kneten, dem Drücken, dem Ziehen, dem sanften Nachgeben. Und in diesem Vergessen lag eine Freiheit, von der er nicht gewusst hatte, dass sie möglich war.

Er war längst kein Suchender mehr, kein Jäger nach Perfektion. Die Welt, so seltsam und unbarmherzig sie draußen auch sein mochte, wurde in seinem Tun weich und erträglich. Er musste nichts erreichen. Der Tag kam, wie er kam, mit Licht und Schatten, mit Stille und Lärm. Er nahm ihn an, mit staubigen Händen und einem Herz, das im Rhythmus des Übens schlug.

Die Zeit floss dahin, aber sie war kein Feind. Denn jeden Morgen war da die Freude: Ton auf den Händen, das Fassen, das Nachgeben, das Erschaffen. Und am Abend, wenn alles ruhte, war da keine Ungeduld mehr. Kein Mangel. Kein Warten auf den einen Moment, der alles verändern würde.

Denn der Moment war längst da. Und er war es immer gewesen.

Der Tag passiert mich.

Ich lasse mein Leben laufen. 
Greife nicht ein. 
Fast nicht. 

Es ist wie in der Werkstatt, wenn der Ton durch meine Hände geht – lebendig und doch still. Mein Geist ruht, während meine Hände arbeiten. Sie finden ganz von selbst eine Form. Ich denke nur: „Becher“, und die Reise beginnt. Manchmal denke ich auch: „Teeschale, Vase oder Schale“. Aber der Gedanke bleibt ein leises Wispern. Der Rest geschieht von allein. Jedes Stück wird so ein Einzelstück. Serienfertigung? Unmöglich. Und das ist gut so. Dazu hätte ich ohnehin keine Lust.

Später, wenn ich die Rohform versäubere, wird mein Kopf lebendig. Gedanken fliegen hin und her, treiben vor und zurück, wie Herbstblätter, die keinen Halt suchen. Oft aber bleibe ich einfach nur in diesem einen Moment stehen. In der Freude. Ich halte das Ding, das meine Hände geschaffen haben, und spüre eine leise, warme Zufriedenheit. Es ist so viel mehr als nur Ton. Es lebt. Es ist ein magischer Moment.

Und dann kommt die Glasur. Ein Ritual wie das Anziehen am Morgen. Aus der Vielzahl von Kleidern – meinen Glasuren – wähle ich das aus, das zum Tag passt. Ich entscheide spontan. Der Ofen wird sowieso das letzte Wort haben. Dort, in der Gluthitze, geschieht das Wunder der Verwandlung. Mein Einfluss ist eher gering. Es ist das große Nichteingreifen, das den Zauber möglich macht.

Ich mag dieses Nichteingreifen. Es ist befreiend. Es nimmt mir die Verantwortung ab und schenkt mir stattdessen Glauben. Einen Glauben an das Schicksal, das, wie der Ofen, seine eigene Sprache spricht. Nichteingreifen bedeutet nicht, dass ich mich treiben lasse wie ein Blatt im Wind. Es bedeutet, dem Fluss des Lebens zu vertrauen, ohne ihn zu kontrollieren. Die Arbeit mit dem Ton lehrt mich: Alles hat seine Zeit, seine eigene Geschwindigkeit. Eingreifen würde die Form brechen, würde die Harmonie stören, die sich ganz von allein entfaltet. Es ist ein Tanz zwischen Schicksal und Willen, bei dem der Wille einen Schritt zurücktritt, um dem Schicksal Raum zu geben.

„Der Tag passiert mich.“

Dieser Satz klingt seltsam, als wäre er gestolpert. Und doch ist er ganz eindeutig. Ein Tag passiert mich. Er zieht an mir vorbei, wie ein Strom, in den ich nicht greife. Er lässt sich nicht festhalten, nur erleben. Am Ende wird er von der Nacht abgelöst, wie ein Schatten, der den Raum einhüllt. Und irgendwann falle ich in den Schlaf. Ein Zustand, der vom Tod kaum zu unterscheiden ist. Diese Grenze fasziniert mich. Ich frage mich manchmal, ob ich nach dem Tod wohl auch träumen werde. Die Vorstellung macht mich seltsam froh.

Bisher bin ich immer wieder aufgewacht. Das Licht hat die Dunkelheit besiegt, und mich wieder in den Tag geschickt. Und dafür bin ich dankbar. Der neue Tag kann mich nun wieder passieren. Und so lasse ich ihn fließen – wie alles andere auch.

Jenseits aller Pläne

Seit ein paar Monaten schreibe ich hier meine Gedanken auf. Es ist kein Tagebuch, sondern eher ein Gedankenbuch. Ich plaudere munter über dies und das. Und über das Hineinspringen ins Leben. Ich schreibe über Reisen und Keramiken, über Malerei und Fotografie. Und, natürlich, philosophiere ich – mit dem Pathos eines Hobby-Sokrates – über das Leben an sich.

Mein geheimes Motto? 

Erst schreiben, dann denken. 

Klingt riskant, ich weiß. Aber, wie soll ich sonst herausfinden, was in meinem Kopf los ist? Und wenn es nicht gleich Sinn ergibt, vertraue ich einfach auf die Korrektur am nächsten Tag. Denn, wie die Kölner sagen: „Et hat noch immer jot jejange.“

Dieses Vertrauen macht vieles leichter. Auch das Leben an und für sich und ganz besonders, das Formen von Bechern, Schalen und Vasen. Da stehe ich in meiner Werkstatt, knietief im Ton – na gut, noch nicht einmal knöcheltief – und forme. Ich beobachte das Ergebnis während des Trocknungsprozesses, überlege, welche Glasur das Werkstück verdient hat, und packe mein neues Werk schließlich in den Brennofen. Es ist ein Prozess, der sich insgesamt über viele Wochen erstreckt. Verbunden mit Warten, Hoffen und gelegentlichem Fluchen (vor allem, wenn der Ofen die Glasur anders interpretiert als ich).

Am Ende: ein formidabler Becher. Oder ein missglückter Versuch, der aussieht wie ein sehr trauriger Schlauch. Egal. Alles gehört dazu. Einige dieser Werke wohnen jetzt bei mir in der Küche, andere im Wohnzimmer. Ausgewählte Stücke haben nun auch einen anderen Besitzer. Die weniger Glücklichen? Die sind in einer Kiste im Keller und führen ein stilles Dasein.