Der Sammler

Jetzt, im letzten Lebensviertel, beginne ich zu verstehen, weshalb ich mich mein ganzes Leben lang von bestimmten Dingen angezogen fühlte. Von einem Stein am Ostseestrand. Einer rostigen Türklinke. Einem Stück Ton und sogar von einer alten Kalligraphie aus China.

Lange hielt ich Fotografie, Malerei und Keramik für verschiedene Tätigkeiten. Inzwischen erscheinen sie mir wie unterschiedliche Wege zu demselben Ort. Alle drei haben mit Sammeln zu tun. Ich sammle Momente. Der Fotograf in mir hebt Augenblicke auf. Ein Blick. Ein Schatten. Ein Hund im Morgennebel. Das Lächeln eines Fremden, das nach einer Sekunde bereits wieder verschwunden ist.

Wenn ich male, sammle ich ebenfalls. Nur arbeite ich mit anderen Netzen. Fange kleine Regungen ein. Farbgedanken. Zufälle. Stimmungen, die für einen Moment durch das Atelier ziehen wie Zugvögel über einen Herbsthimmel.

Der Keramiker in mir wiederum sammelt etwas, das noch schwerer zu greifen ist. Leere. Je länger ich mit Ton arbeite, desto mehr interessiert mich der Raum innerhalb eines Gefäßes. Die Form bildet lediglich seine Herberge. Das Eigentliche bleibt unsichtbar. Vielleicht gilt das auch für das Leben. Die sichtbaren Ereignisse erhalten viel Aufmerksamkeit. Die Auszeichnungen. Die Erfolge. Die fertigen Werke. Doch oft wohnt die eigentliche Bedeutung an einem stilleren Ort. In einem Gespräch. In einer Erinnerung. In einer Erfahrung, die lange nachklingt. Mit jedem Jahr sammeln sich solche Dinge an. Man könnte es Lebenserfahrung nennen. Ich empfinde es eher als eine wachsende Sammlung von Spuren. 

Früher glaubte ich, Erfahrung würde Sicherheit schenken. Heute sehe ich etwas anderes. Jede Antwort bringt neue Fragen hervor. Jeder gewonnene Horizont zeigt weitere Horizonte dahinter. Das Wissen wächst. Mit ihm wächst auch die Unruhe. Wer aufmerksam lebt, entdeckt immer mehr Zusammenhänge, immer mehr Widersprüche, immer mehr Rätsel.

Die Welt wird größer. Der Mensch darin kleiner. Das empfinde ich nicht als Katastrophe, sondern als tröstlich. Denn die meisten Kämpfe entstehen aus dem Wunsch, größer sein zu wollen als man ist. Erfolgreicher. Bedeutender. Besonderer.

Ich habe lange gebraucht, um Frieden mit meiner eigenen Mittelmäßigkeit zu schließen. Inzwischen liebe ich sie. Vielleicht sogar aus denselben Gründen, aus denen die alten Griechen die Mitte schätzten. Sie verwendeten dafür das Wort Mesotes. Gemeint war damit keine Lauheit und kein Durchschnitt. Die Mitte galt ihnen als Ort der Reife. Als ein Zustand, in dem der Mensch weder über seine Grenzen hinausschießt noch unter seinen Möglichkeiten bleibt.

Die Extreme wirken spektakulär. Die Mitte verlangt Aufmerksamkeit. Wer ständig nach Höchstleistungen strebt, übersieht vieles. Wer sich aufgegeben hat, ebenfalls. Die Mitte besitzt eine stille Würde. Dort gehe ich heute am liebsten spazieren. Zwischen den großen Behauptungen. Zwischen den lauten Meinungen. Zwischen den Sehnsüchten nach Ruhm und Bedeutung. Dort liegen die Dinge, die mich wirklich interessieren. Eine Schale, die leicht schief geworden ist. Ein Foto, das mehr Fragen stellt als Antworten gibt. Ein verschwommenes Bild vom Garten. Eine Tasse Tee an einem Wintermorgen. Nichts davon würde Schlagzeilen erzeugen. Doch genau dort entdecke ich einen Reichtum, den ich früher übersehen habe. 

Lange Zeit hielt ich Reichtum für eine Frage des Besitzes. Heute erscheint mir das beinahe wie ein Missverständnis. Ein Mensch kann viel besitzen und dennoch in einer inneren Armut leben. Er jagt dann von Wunsch zu Wunsch, von Ziel zu Ziel, von Erwerb zu Erwerb. Seine Hände werden voller. Sein Leben bleibt hungrig. 

Der Sammler in mir lebt anders. Er besitzt wenig. Er empfängt viel. Er sammelt die Wärme einer Hauswand an einem Sommerabend. Das Geräusch von Regen auf einem Dach. Den Duft feuchter Erde. (Oh ja, auch dafür hatten die alten Griechen ein Wort.) Die Erinnerung an einen geliebten Menschen. Ein gutes Gespräch. Ein gelungenes Schweigen. 

Meine Schätze passen in keine Vitrine. Sie lassen sich weder versichern noch verkaufen. Trotzdem wächst ihr Wert mit den Jahren. Je mehr die Welt in uns Platz findet, desto reicher werden wir. Deshalb interessiert mich heute die Leere einer Teeschale mehr als ihre Form. Die Leere ist bereit zu empfangen. Sie erwartet etwas. Sie lädt ein. Ein volles Gefäß kann wenig aufnehmen. Ein offenes Gefäß hingegen wird zum Gastgeber.

Vielleicht besteht darin die eigentliche Aufgabe des Älterwerdens. Weniger sammeln, was man besitzt. Mehr sammeln, was einen berührt. Ich betrachte mein Leben inzwischen wie eine große Sammlung solcher Berührungen. Tausende Fotografien. Hunderte Zeichnungen. Schalen und Becher aus dunklem Ton. Gespräche. Irrwege. Verluste. Freundschaften. Augenblicke.

Keines dieser Dinge macht mich bedeutend. Doch jedes einzelne macht mich reich. Und manchmal entsteht der Verdacht, dass die Welt ihre kostbarsten Geschenke gerade dort auslegt, wo die meisten Menschen achtlos vorbeigehen.

Am Rand des Weges. Im letzten Viertel des Lebens.