Szenen einer Tasse.

Szenen einer Tasse – Gedanken

Kaum präsentiert, denke ich über die Art und Weise meiner Inszenierung nach. Meine Wahrheit ist: ohne eine solche wären die Keramiken wie ein Schokoriegel ohne Verpackung. Klar, der Inhalt ist immer noch lecker, aber es fehlt das gewisse Etwas. Das Knisternde. Das vielversprechende Rascheln. Bei der Kunst ist es ähnlich. Manchmal ist es das leise Raunen in einem Museum, das gedämpfte Licht, die Art und Weise, wie ein Gemälde an der Wand hängt. All das schafft eine Atmosphäre, die uns hilft, in die Welt des Künstlers einzutauchen.
Aber, oh, die Tücke dabei! Manchmal führt uns diese Inszenierung auch an der Nase herum. Wir denken, wir sehen die Kunst durch unsere eigenen Augen, doch in Wirklichkeit sind wir Marionetten, die dem Meisterplan des Kurators folgen. Einmal betrachtete ich ein modernes Kunstwerk – es war in irgendeinem Museum in der Ecke eines Raumes. Mit edler Beleuchtung und wunderbaren Schatten. Die Inszenierung flüsterte mir zu: „Das ist bedeutungsvoll.“ Und ich, wie ein gehorsamer Kunstliebhaber, nickte weise, obwohl ich innerlich nur wenig beachtenswertes sah.
Aber was ist Kunst, wenn nicht eine groß angelegte Manipulation? Sie zieht uns hinein, verdreht unsere Wahrnehmung, fordert unsere Überzeugungen heraus. Genau das macht sie so lebendig, so faszinierend. Sie ist ein Spiel mit Gedanken und Emotionen, ein Labyrinth, das wir durchqueren – oft ohne zu merken, dass wir geführt werden. Und ist das nicht irgendwie schön? Dass wir uns in einem gut inszenierten Moment verlieren können? Natürlich gibt es Kunst, die behauptet, nichts anderes zu sein als das, was sie ist. Eine schlichte, handgemachte Teeschale. Eine verrückte Espresso-Tasse. Doch selbst hier liegt ein gewisses Maß an Inszenierung. Die Schale steht auf einem hölzernen Untersetzer, ein zarter Duft von frisch aufgebrühtem Tee steigt auf. Wir nehmen sie in die Hand und spüren die Wärme und die Struktur des Tons. Die Inszenierung mag subtil sein, aber sie ist da. Sie lässt uns den Moment schätzen, ihn als etwas Besonderes wahrnehmen.
Kunst ist und bleibt ein schillerndes Kaleidoskop. Sie verführt, lenkt, fordert heraus. Und ja, sie braucht die Inszenierung, um zu leuchten. Vielleicht sollten wir also nicht gegen die Inszenierung ankämpfen, sondern sie umarmen. Sie als das akzeptieren, was sie ist: ein weiteres Puzzleteil im großen Spiel der Kunst. So können wir uns dem Moment hingeben, ohne ständig zu hinterfragen, ob wir nun wirklich unsere eigenen Gedanken denken oder die des Künstlers. Denn letztlich geht es doch um das Erleben, das Staunen, das Mitfühlen. Und das – so meine ich – ist der wahre Kern der Kunst.

Der Untersetzer

Untersetzer – Gedanken

Was ist eine Espressotasse ohne einen entsprechenden Untersetzer? Nichts, würde ich sagen. Aber wie sieht der ideale Untersetzer aus? Sollte er auch aus Ton gefertigt werden? Aus Metall? Glas vielleicht? Nein, zu zerbrechlich. Ich habe mich für massives Holz entschieden. Es ist zeitlos und elegant, genau wie ein guter Espresso. Und die Maserung des Holzes, ach, sie erzählt Geschichten von uralten Bäumen und endlosen Wäldern.
Meine hölzernen Untersetzer sind schlicht, aber mit einem frechen Twist – eine Ecke steht immer ein wenig hoch. So, als würden sie schelmisch grinsen und sagen: „Schau her, ich bin nicht wie die anderen.“ Das passt perfekt zu meinen Espressotassen, die ebenfalls alle ihren eigenen Charakter haben. Kein Untersetzer gleicht dem anderen, und das ist auch gut so. Sie sind die ideale Bühne für meine Espressotassen, eine kleine Holzarena für die Königin des Kaffees.
Manchmal stelle ich mir vor, wie die Tassen und Untersetzer nachts zum Leben erwachen. Sie tanzen und lachen, während ich schlafe. Und wenn ich nach so einer verträumten Nacht meinen ersten Espresso trinke, scheint es fast so, als würden sie mir zublinzeln und sagen: „Guten Morgen, Freund. Lass uns den Tag beginnen.“
So ist es also. Meine Untersetzer sind nicht nur praktisch, sie sind die kleine hölzerne Bühne, die mein Kaffeeritual zu einem Erlebnis machen. Und wenn mal jemand fragt, warum ich mich so entschieden habe, antworte ich einfach: „Weil es so viel mehr Spaß macht.“

Zielvorstellungen

Torsten Gripp | Die Vase | 2024
Zielvorstellungen – Gedanken

Stell dir vor, du bist auf einer Wanderung durch einen mystischen Wald. Der Weg ist von Ästen und Dornen überwuchert, und du hast nur eine vage Vorstellung davon, wohin du gehst. Dein Ziel, irgendwo jenseits des Horizonts, ist der sagenumwobene Ort, wo die Glückseligkeit wartet. Natürlich hast du keine Karte, und die einzige Anleitung, die du bekommen hast, stammt von deinem Cousin dritten Grades, der den Wald auch nur aus Geschichten kennt, die er in einer Bar gehört hat.
Während du angestrengt auf deinen Kompass starrst und verzweifelt versuchst, die Richtung zu bestimmen, erinnerst du dich vielleicht an die Zeit, als du ein Kind warst und den Sommer über im Garten verbracht hast? Du hattest kein großes Ziel vor Augen. Dein Tag bestand aus dem Abenteuer, den größten Marienkäfer zu finden, oder herauszufinden, wie viele Minuten du im Baumhaus sitzen könntest, bevor dich jemand zum Abendessen rief. Diese kleinen Momente, die scheinbar bedeutungslos waren, haben dich mehr erfüllt als jeder symbolträchtige Gipfel, den du später erklimmen wolltest.
Die Kinder, die am Wegesrand Blumen pflücken und sich über jeden Regenwurm freuen, der aus der Erde kriecht, haben es vielleicht besser verstanden. Sie erkennen, dass das Leben nicht aus einer Serie von Zielen besteht, sondern aus einem Mosaik kleiner Augenblicke.
Also, vielleicht ist das Leben wie ein großes Töpferprojekt. Wir alle kneten und formen, hoffen und verzweifeln, und manchmal – nur manchmal – halten wir am Ende etwas in den Händen, das uns zum Lächeln bringt. Es mag nicht perfekt sein, aber es ist unser eigenes kleines Meisterwerk.

Goldener Glanz mit Augenzwinkern

Augenzwinkern – Gedanken

Es ist, als hätten die aktuellen Gefäße beschlossen, ihre traditionelle Aufgabe mit einem Augenzwinkern zu erfüllen. Ich höre sie sprechen: „Warum immer nur rund und schlicht? Lasst uns ein wenig Chaos in die Küchen der Welt bringen!“ Und so verstehen sie sich, diese kleinen Kunstwerke, die sich nicht darum scheren, ob sie perfekt in ein Regal passen oder nicht.
Diese Tassen verkörpern nicht nur Trinkgefäße, sondern auch die Geschichte ihres Schöpfers, eines Rebellen, der sich gegen die Diktatur der Normen auflehnt. Sie sind nicht einfach nur Behälter; sie sind Ausdruck von Individualität und ein bisschen Verrücktheit. Sie fordern den Betrachter heraus, über den Rand seiner Gewohnheiten hinauszuschauen. Wenn er eines dieser eigenwilligen Gefäße in die Hand nimmt, wird er eine Verbindung zu all den anderen mutigen Seelen da draußen spüren, all denen, die das Außergewöhnliche dem Gewöhnlichen vorziehen. Sie erinnern daran, dass es okay ist, anders zu sein, dass es sogar gefeiert werden sollte.

Also, ich hebe schon mal mein Trinkgefäß und proste mir selbst im Spiegel zu: Auf das Ungewöhnliche, auf den Mut, anders zu sein und auf die Freude, die in jedem krummen Schluck liegt!

Keramik und Rilke

Torsten Gripp | zerbrochene Keramik | 2024

Gieb deinem Herzen ein Zeichen, 
daß die Winde sich drehn. 
Hoffnung ist ohne gleichen 
wenn sie die Göttlichen sehn. 

Richte dich auf und verharre 
still in dem großen Bezug; 
leise löst sich das Starre, 
milde schwindet der Bug. 

Risse entstehn im Verhängnis 
das du lange bewohnt, 
und in das dichte Gefängnis 
flößt sich ein fühlender Mond. 

Rainer Maria Rilke
1924

Wie kaputt ist kaputt?

Wie kaputt ist kaputt? – Gedanken

Die neue Glasur ist das Ergebnis vieler (Fehl)-Versuche, doch am Ende bin ich wirklich zufrieden. Die Glasur passt gut zum schwarzen Ton, verleiht ihm einen sanften goldenen Schimmer und ergänzt das Thema Espressotassen. Perfekt, würde ich sagen – wenn da nicht ein dicker Riss wäre.
Ja, ein Riss. Mitten durch die eine Seitenwand. Das macht sie zwar einzigartig, aber nicht unbedingt im positiven Sinne. Sie ist jetzt offiziell ein Nicht-Trink-Gefäß.
Ich überlege, ob ich die Tasse vielleicht doch noch retten könnte. Ein bisschen Kintsugi vielleicht? Die Japaner machen aus kaputten Dingen schließlich eine eigene Philosophie. Wabi-Sabi und die ganze Nummer, der Charme des Unperfekten. Goldene Linien, die Brüche betonen, als wären sie von Anfang an so gewollt. Lao Tse würde das sicher gutheißen – oder er würde mich ansehen und leise husten, bevor er unauffällig geht, weil er keine Lust hat, sich in diese Diskussion einzumischen.

Espressotassen | 浓缩咖啡杯

Torsten Gripp | Expresso-Tasse | 2024
Espressotassen – Gedanken

Ach ja, die kleinen Espresso- oder Ristrettotassen mit dem großen Henkel – ein Thema, das die Kunst- und Kaffeegemeinde so sehr entzweit wie die Frage nach dem besten Belag für Pizza. Da gibt es eben diesen einen besonderen Henkel, der so groß ist, dass man meinen könnte, er sei für die Hand eines Riesen gemacht. Und dann die Tasse selbst, die dagegen fast wie ein Scherzartikel wirkt – unproportional, scheinbar unpraktisch, irgendwie… ungewöhnlich. „Das braucht kein Mensch!“ rufen die Traditionalisten entsetzt.
Aber halt! Bevor ihr eure Espressobohnen vor Entrüstung verschüttet, denkt an die Avantgardisten. Ja, es gibt Menschen, die diese Idee geradezu genial finden. „Endlich mal was anderes!“ rufen sie aus, als hätten sie nur darauf gewartet, endlich mehrere Finger in den Henkel stecken zu können.

Doch für jeden, der diese neuen Tassen feiert, gibt es mindestens einen, der sie verflucht. „Hau ab mit diesen Dingern!“ wird genauso oft gerufen wie „Ich nehme zehn davon!“ In der Kaffeewelt, wie auch in der realen Welt, bleibt also alles beim Alten: kontrovers, leidenschaftlich und ein klein wenig verrückt. Und während die einen sich fragen, was ich mir als nächstes einfallen lasse – vielleicht eine Untertasse, die größer ist als der Tisch? – schlürfen die anderen bereits ihren Espresso aus den neuen Tassen und genießen einfach die Show, das Individuelle, die unbezahlbare Einzigartigkeit.
Ja, niemand braucht Luxus, aber es ist eine ganz besondere Kunst, das Leben nach seinen eigenen Vorstellungen und Wünschen zu gestalten. Wer seine Espressotasse individualisiert, sich mit der Form dieses Gefäßes auseinandersetzt und sich mit Urteilskraft und Kenntnis für ein solches Produkt entscheidet, der wird vom Konsumenten zum Co-Produzenten. Und… zack, wird Luxus zur individuellen Lebensgestaltung.

Da sitze ich also, mit meinem selbstgestaltetem Setup, meinem Kunstwerk. Der flache Stein, den ich an jenem kühlen, windigen Herbsttag an der Küste der Normandie gefunden habe, dient nun als Unterteller. Ein bisschen wackelig vielleicht, aber genau das verleiht ihm diesen besonderen Charme. Es ist, als würde dieser Stein meinen ungewöhnlichen Tassen und dem Kaffeegebräu eine Geschichte erzählen – von rauen Wellen, endlosen Stränden und der salzigen Brise, die durch mein Haar fegt.
Und während ich meinen ersten Schluck nehme, spüre ich, wie ich mich aus der Welt der Eile und der digitalen Dauerbeschallung herauskatapultiere. Hier, in meinem kleinen Kaffeeritual, gibt es keinen Platz für Nachrichten über Krieg und Katastrophen. Hier zählt nur der Moment – das leise Gluckern des Kaffees, das zarte Klirren der Tasse auf dem Stein, und der tiefe, vollmundige Geschmack, der meine Sinne umschmeichelt.
Ich bin nicht einfach ein Kaffeetrinker. Nein, ich bin ein Genießer, ein Künstler des Alltags. Jeder Schluck ist eine Ode an die Einfachheit, ein stilles Manifest gegen die Reizüberflutung unserer modernen Zeit. Mein kleines Ritual ist eine Insel der Ruhe inmitten des tosenden Ozeans der Informationsflut. Es ist ein Moment der Einkehr, ein Augenblick des Friedens, der mich daran erinnert, dass wahre Kunst nicht nur in den großen Galerien dieser Welt zu finden ist, sondern in den kleinen, unscheinbaren Momenten des Lebens.
Meine Tasse in der Hand, blicke ich auf den kleinen, flachen Stein, der mehr als nur ein Unterteller ist. Zusammen mit der einzigartigen Tasse sind sie mein Symbol für all das, was wirklich zählt: Achtsamkeit, Genuss und die Fähigkeit, inmitten des Alltags ein wenig Magie zu finden.

Torsten Gripp | Expresso-Tasse | 2024