Kokoro-Kurinuki

Schlichtvermutlich.
Ein Becher wie damals.

Neulich hielt ich ein kleines Seminar für eine Gruppe begeisterter Kurinuki-Jüngerinnen. Ich war der Dozent. Sie waren die Eifrigen. Es wurde geschnitzt, geraspelt und gestaunt. Und nebenbei entstand – als Anschauungsobjekt – ein Becher.

Ein schlichter Becher. So schlicht, dass er eigentlich unter die Kategorie „Übersehen“ fiel. Keine spektakulären Kratzer, keine dramatischen Einkerbungen. Nur Ton. Dunkel und matt. Mit einem kleinen Achat poliert, sodass er einen leisen Schimmer hatte, als wäre er sich seiner Würde nicht ganz sicher. Die Wände dünn, der Fuß klassisch. Kein Experiment, keine Exzentrik. Ein Becher, wie ihn jeder um das Jahr Null hätte gebrauchen können.

Und dann dachte ich: So sieht der heilige Gral aus.

Nicht aus Gold, nicht mit Edelsteinen besetzt. Kein Lichtstrahl aus der Höhe, kein göttliches Raunen. Nur Ton. Schlicht, bereit für Wasser, Wein und nochmal Wasser.

Natürlich sagte ich das nicht laut. Die Damen hätten mich womöglich besorgt angesehen. Also nickte ich nur und murmelte: „Ja, so geht das auch.“

Aber insgeheim wusste ich: Da war etwas Heiliges in dieser Schlichtheit. Nicht heilig im sakralen Sinne – ich bin kein Priester, und der Becher ist keine Reliquie. Doch er besitzt eine Art stiller Vollkommenheit, die man nicht erklären kann, ohne wie ein Esoteriker zu klingen. Ich glaube, das konnte nur ich empfinden. Niemand sonst auf der Welt. Und das ist in Ordnung so.

Nun geht er für mich durchs Feuer. In den nächsten Wochen wird er in den Ofen wandern, Hitze und Flammen trotzen, vielleicht einen Riss bekommen, vielleicht auch nicht. Er wird sich verwandeln, ein wenig dunkler, ein wenig fester, vielleicht mit einem Hauch von Glanz. Oder er wird brechen. Dann wird er für immer ein halber heiliger Gral sein. Aber bis dahin warte ich.

Und schaue ihn noch einmal an.

Er schaut nicht zurück.

Das gehört zu seiner Würde.

Kokoro-Kurinuki

Der Becher hält Raum. Für Tee, Kaffee, Wärme, für Gedanken und für das Jetzt.

Schwarzer Ton, weiße Engobe – eigentlich eine einfache Kombination. Doch sobald die Hände ins Spiel kommen, beginnt das Material, seine eigene Geschichte zu erzählen. Ein kleiner Trick erschafft die feinen Kreise, als hätte eine unsichtbare Kraft sie dort hinterlassen.

Das Ergebnis ist seltsam vertraut und zugleich fremd – wie eine Landschaft aus einer anderen Welt. Kleine Krater breiten sich aus, helle und dunkle Flächen wechseln sich ab. Licht tastet über die Erhebungen, Schatten verlieren sich in den Vertiefungen. Unregelmäßig ist die Form, als hätte sich das Gefäß selbst geformt, langsam, organisch.

Finger bleiben auf der Oberfläche hängen, gleiten weiter, spüren die feinen Unterschiede. Hier ist nichts glattgebügelt, nichts perfekt. Und genau darin liegt die Einladung: innezuhalten, wahrzunehmen, zu fühlen.

Innen leuchtet die Glasur strahlend hell – bereit für Tee, für Kaffee, für den Moment. Die Flüssigkeit scheint darin zu ruhen, als würde sie aufgenommen, willkommen geheißen. Vielleicht ist das der wahre Kern dieses Trinkgefäßes: Es hält Raum. Für Wärme, für Gedanken, für das Jetzt.

Es passt. Alles. Und genau so soll es sein.

Zwischen ZEN und ZORN.

Warum meine Seele
auf dem
Handrücken wohnt.

„Du bist viele – viel zu viele!“ – rief mir eine Freundin zu und blies die Backen auf. Das klang nicht nach einem Kompliment. Eher nach einer Kapitulation. Es schien, als hätte sie sich ergeben – vor den Ecken und Kanten, den Sprüngen und Brüchen meines Charakters. Eben noch war ich scheinbar verständnisvoll und liebevoll, im nächsten Moment aufbrausend und wie aus der Rolle gefallen. Rolle? Spiele ich eine Rolle? Ich glaube, ich habe sie erschreckt. Vielleicht suchte sie nach einem festen Kern, nach dem einen unverrückbaren Ich in mir. Und als sie ihn nicht fand, zweifelte sie. Zweifellos an meiner Authentizität.

Dabei ist genau das mein höchster Anspruch: authentisch sein! Ich habe mich nie als Schauspieler gesehen. Und doch: Ich kann tugendhaft sein – und im nächsten Moment vollkommen unmoralisch. Ich kann liebevoll sein – und zwei Minuten später grantig wie ein aus dem Takt geratener Regenschauer. Ich bin nicht viele. Ich habe nur viele Zustände. Aber die sind echt.
Die Zustände, sie schweben über mir, neben mir, unter mir. Manchmal übernehmen sie die Regie. Manchmal auch ich. Ich finde „Zustände“ viel bezeichnender als dieses ganze Gerede von Rollen. Wer von sich behauptet, stets derselbe zu sein, lügt. Oder hat einfach ein furchtbar langweiliges Innenleben.

War meine Freundin vielleicht nur bequem? Wollte sie einen leicht zu steuernden Menschen, einen Freund, der immer kalkulierbar ist? Und bin ich egoistisch, wenn ich meinen Stimmungen freien Lauf lasse?

Jesus soll gesagt haben, man solle werden wie die Kinder. Gute Idee! Aber ehrlich gesagt: Kinder sind auf entzückende Weise egoistisch. Sie sind Meister der Manipulation, sie können stur sein wie ein Granitblock oder anpassungsfähig wie Knetmasse. Ihre Antennen für Missbilligung und Anerkennung sind hochempfindlich. Je nach Bedarf wechseln sie ihre Strategie. Mal sind sie Engel, mal Teufel, mal unberechenbare Wetterphänomene. Eigentlich haben alle Kinder eine Persönlichkeitsstörung – vielleicht weil sie noch gar keine Persönlichkeit haben?

Und ich? Ich bin im Rentenalter und wechsle nur noch selten meine Zustände. Aber wenn, dann richtig. Bei Menschen, die ich mag, bin ich hemmungslos ehrlich. Ich denke nicht lange nach. Ich lebe meine Widersprüche aus. Ich verliere die Beherrschung, aber ich projiziere meine Probleme nicht in andere. Ich idealisiere niemanden. Und ich habe keine Angst davor, mir selbst einen Spiegel vorzuhalten.

Wie also gehe ich mit dieser Bemerkung um: „Du bist viele“? Ist das vielleicht doch ein Kompliment? Auch wenn es nicht so gemeint war?

Ich starte ein kleines Experiment. Ich werde mich erstens in selbstbewusster Demut üben. Nicht zu verwechseln mit Selbstverleugnung oder Unterwürfigkeit. Sondern eine Gelassenheit, die sich nicht provozieren lässt. Ein sanftes inneres Kopfnicken soll genügen, wenn meine Stimmungen mal wieder Kapriolen schlagen. Das ungehemmte Ausleben aller Höhen und Tiefen werde ich mir für Meditationssitzungen oder nächtliche Albträume aufheben. Mein Freundeskreis soll schließlich nicht unter mir leiden.

Zweitens werde ich meine Seele streicheln. Und zwar wortwörtlich. Ich habe mir ein kleines Stückchen Haut auf meinem linken Handrücken ausgesucht. Das ist von nun an, der Sitz meiner Seele. Immer wenn ich mich gut fühle, fahre ich sanft darüber.
Wenn es mir schlecht geht, werde ich dieselbe Stelle streicheln – um mein Gehirn zu erinnern: Da war doch mal Glück. Vielleicht lässt es sich auf diese Weise wieder einfangen.

Und drittens, am wichtigsten: Ich werde das Nichtstun kultivieren. Nein, nicht die Faulheit. Ich will von nun an noch genauer hinschauen, zuhören, statt zu viel zu sprechen. Mich meinen Lieblingsmenschen zuneigen. Auf ungebetene Ratschläge verzichten. Es ist dieses Nichtstun, das ich kultivieren will. Es zur hohen Kunst erklären, die ich fleißig üben werde. Schließlich ist das auch eine ehrenhafte Tätigkeit. Ich werde mich dem hingeben wie ein Zen-Mönch seinem Tee oder ein Kater seinem Nachmittagsschlaf. Denn wenn ich etwas freiwillig tue – auch wenn es nichts Aktives ist – dann ist es immer noch eine Entscheidung.

Und das ist doch auch wieder authentisch.

Ach, ich mache einfach, was ich will.
Das bin ich.
Ganz egal, wie viele ich bin.

Kokoro-Kurinuki

One.

The Art of Letting Clay Speak.

Kokoro-Kurinuki, for me, is the attempt to grasp the material before my mind can name it. It is not about using clay as a means to an end but about encountering it as a living counterpart. The first incision, the initial hollowing—these are not choices but occurrences. They happen because they must. And as my hands move, as my thumb explores and my gaze appraises, the essential unfolds: a cup, a bowl, a vessel emerging from the formless into the visible. Without negotiation. Simply because its time has come.

Philosophically, the Kokoro-Kurinuki style is an exercise in surrender. Those unburdened by rigid technique, those who carry no preordained forms in mind, approach this craft as it is—open, inquisitive. Like a conversation without a beginning, yet already in full flow. There are no certainties, no repetitions. Every cut is final. Every stroke of the blade carves a path anew. Each touch alters the form irrevocably.

Traditional techniques have their elegance, their logic, their rightful place in history. Yet in this raw act of allowing things to become, another kind of truth reveals itself—one that cannot be imitated or preserved. It lives in the moment, in the meeting of hand and clay, in the breath that lingers in the air. The cup that takes shape is not merely a vessel; it is a trace of an instant, an imprint of time and intuition.

Thus, my workshop becomes a place of wonder, not of planning. A space where not knowledge, but occurrence, holds sway. Sometimes, the forms grow willful—rough, uneven. They speak of movement, of hesitation, of sudden resolve. They breathe. There are no mistakes. There is only what emerges—and what might have been.

Perhaps this is the deepest lesson of this way of working: that we do not create, but accompany. That we do not invent, but discover.

Two.

Three.

Der Auftrag.

Neulich war eine Freundin da. Wir plauderten über Gott und die Welt. Also beinahe. Denn ehe ich mich versah, waren wir mitten in einer Geschäftsverhandlung. Nein, ich wollte keine Aufträge annehmen. Auf gar keinen Fall! Das machte ich ihr in aller Deutlichkeit klar.

Und dann – keine zwei Minuten später – diskutierten wir über Glasurfarben. Sie wollte Grün. Grün und nichts als Grün.

Ich dachte: Grün kann ich.

Ich nannte einen Preis. Einen nicht unbeträchtlichen Preis. Einen Preis, bei dem man für gewöhnlich höflich ablehnt und das Thema wechselt. Doch sie sagte ja.

Ja!

Nun hatte ich, was ich nicht wollte: einen Auftrag. Allerdings mit Carte Blanche – abgesehen von der Farbe. Und der Größe. Und der Form.

Mist, dachte ich.

Das Resultat.

Aber nun stehen sie da. Becher, die keine Becher sind. Eher Pötte. Groß, schwer, mit Henkeln, die sich ins Rampenlicht drängen. Der eine so auffällig, dass er glatt als Griff einer Teekanne durchgehen könnte. Die anderen? Nun ja, sie haben einen gewissen Ehrgeiz. Jede möchte die Schönste sein.

Es ist viel Ton verarbeitet, das Gewicht beachtlich. Wer daraus trinken will, darf kein Schwächling sein.

Pflicht und andere Missverständnisse

Pflichtgefühl ist wie eine enge Hose: Manche tragen sie mit Stolz, ich bevorzuge Beinfreiheit.

Wenn ich Ameisen betrachte, habe ich oft den Verdacht, dass sie gar nicht nachdenken. Sie rennen los, tragen Krümel, kämpfen gegen Windböen, bauen ihren Haufen, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres auf der Welt. Und auch, wenn eine Ameise in den Tod geht – die anderen laufen weiter, als wäre nichts geschehen. Ich dagegen liege manchmal im Bett und denke einfach nur nach.

Vielleicht, weil ich keine Ameise bin.
Vielleicht aber auch, weil ich kein richtiger Mensch bin.

Natürlich sehe ich aus wie einer. Zwei Beine, zwei Arme, eine Nase im Gesicht. Ich kann reden, essen, mir die Schuhe binden. Aber ich bin nicht, was man gemeinhin einen richtig tüchtigen Menschen nennt. Keiner von diesen Strebsamen, die frühmorgens Listen schreiben und abends alles abgehakt haben. Keiner von diesen Tunichtnichts, die von morgens bis abends faulenzen und trotzdem abends müde sind. Nein, ich bin ein Nicht-Mensch. Ein Sondermodell. Ein Zwischending. Ein Wesen mit der Lizenz zum Verweilen.

Ich bin nicht-wettkämpferisch, weil ich keinen Pokal für das Leben brauche.
Ich bin nicht-habgierig, weil meine Hände lieber Ton kneten als Geld zählen.
Ich bin nicht-rastlos, weil ich nicht glaube, dass man schneller lebt, wenn man rennt.
Ich bin nicht-planerisch, weil Pläne sich sowieso an der Wirklichkeit stoßen.
Und vor allem bin ich nicht-pflichtvergessen, sondern pflichtgewitzt. Ich nehme die Pflicht und drehe sie mir zurecht, bis sie zu mir passt.

Manchmal sticht mich der Hafer, und ich werde für ein paar Stunden ein Beinahe-Mensch. Ich räume auf, schreibe, töpfere, male, renne hin und her, als müsste ich mich selbst einholen. Doch dann fällt mir wieder ein, dass ich gar nicht auf der Flucht bin. Dass kein Ziel auf mich wartet, keine Medaille, kein Applaus.

Die Natur macht es genauso. Sie blüht nicht aus Pflichtgefühl. Sie existiert. Einfach so. Manchmal glaube ich, Gott und ich, wir haben denselben Weg. Einen Weg ohne Ziel.  Und dieser Gedanke gefällt mir.

Ob ich irgendwo ankomme?
Wer weiß das schon.
Aber ich bin hier.
Und das genügt.
Bis ich wieder weg bin.

Bchr.

Geduld – in Ton gebannt.

Frisch geformt, aus der Hand gewachsen. Dann das Schnitzen – kein Bearbeiten, sondern ein Befreien. Das Wegnehmen, um das Eigentliche hervorzulocken. Zwei Tage in der Werkstatt. Zwei Becher, zwei Teeschalen. Das ist alles. Mehr nicht. Oder doch alles? Jetzt beginnt die stille Zeit. Die Trockenzeit. Drei Wochen. Mindestens.

Drei Wochen, in denen nichts geschieht. Zumindest scheint es so. Doch im Innern der Gefäße vollzieht sich etwas: das Verdichten, das Sammeln, das Werden. Die Feuchtigkeit zieht sich zurück, der Ton findet seine Form. Ein Prozess, den ich nicht beschleunigen kann.

In der Welt draußen rast die Zeit. Hier drinnen, in der Werkstatt, hat sie ein anderes Gewicht. Ein anderes Maß. Wer Ton formt, muss warten können. Müssen? Nein, dürfen. Die Geduld ist kein Zwang. Sie ist das Geschenk des Töpferns.

Die Becher und Schalen ruhen.
Und ich?

Kokoro-Kurinuki

Die Schale schwebt auf leisen Füßen.

Es war einmal eine kleine Schale, die nicht wie andere Schalen war. Sie war aus dunklem Westerwälder Ton geboren, und als sie das Licht der Welt erblickte, wusste sie sofort: Sie war etwas Besonderes. Ihr Rand war rau wie die Erinnerungen eines alten Baumes, mit goldenen Partikeln gesprenkelt, als hätte der Wind ihr einen Hauch Sternenstaub hinterlassen.

Flach, kaum gewölbt, doch wer genauer hinschaut, erkennt das Geheimnisvolle in ihrer Gestalt. Sie ist keine gewöhnliche Schale, keine von der Sorte, die sich in Reih und Glied in den Regalen langweilt. Nein, sie ist eine Schale mit einer Seele, eine, die Geschichten erzählen kann, wenn man nur genau hinhört.

„Setzt mich nicht einfach in den Schrank!“, scheint sie zu rufen. „Legt mir ein paar Erdnüsse hinein, gebt mir eine kleine Vorspeise, lasst mich spüren, dass ich lebe!“
Denn was ist eine Schale ohne den leisen Duft von geröstetem Brot, ohne die Farben frischer Beeren oder das leise Klirren eines silbernen Löffels? Sie sehnt sich nach Berührung, nach der Wärme einer Hand, die sie sanft hebt und wieder absetzt, vielleicht ein wenig zögernd, weil sie so anders ist.

Das ist das Geheimnis der Kokoro-Kurinuki-Schalen. Sie sind nicht nur Gebrauchsgegenstände. Sie sind kleine Wesen aus Ton, in deren Herz die Geschichte ihrer Entstehung schlägt. Wer eine solche Schale besitzt, besitzt nicht einfach ein Gefäß – er besitzt ein Stück Erde, das mit Liebe geformt, mit Sorgfalt glasiert und mit einer Prise Magie vollendet wurde.