Fratzophonie
Manchmal findet man etwas, das eigentlich niemand mehr sucht.
Drei Köpfe.
Nicht aus Porzellan.
Nicht aus Bronze.
Sondern aus Meerschaum.
Zerbrochen, angespült.
St. Malo. Ebbe. Ein grauer Tag.
Einst gehörten sie zu Pfeifen.
Matrosen- oder Piratenhände hielten sie.
Sie sahen Sturm, Schnaps und Lieder.
Dann der Sturz. Der Bruch. Und das Vergessen.
Ich habe sie aufgehoben.
Nicht repariert.
Nicht poliert.
Nur neu zusammengesetzt.
In eine Schale aus dunklem Ton.
Handgehöhlt, rau, eigen.
Dreibeinig. Wie ein Wesen mit Stand.
Und so sind sie nun beieinander.
Köpfe voller Geschichten.
Ein bisschen schräg.
Ein bisschen schön.
Ein bisschen wie wir.
Dieses Ensemble ist kein Deko-Objekt.
Es ist ein Gespräch.
Ein Nachklang.
Ein kleines Denkmal für das,
was schon fast verschwunden war –
und nun doch bleibt.
Wer es bei sich aufnimmt,
nimmt drei Leben auf.
Und eine Schale,
die leise etwas erzählt.
Kokoro-Kurinuki
Schlichtvermutlich.
Ein Becher wie damals.
Neulich hielt ich ein kleines Seminar für eine Gruppe begeisterter Kurinuki-Jüngerinnen. Ich war der Dozent. Sie waren die Eifrigen. Es wurde geschnitzt, geraspelt und gestaunt. Und nebenbei entstand – als Anschauungsobjekt – ein Becher.
Ein schlichter Becher. So schlicht, dass er eigentlich unter die Kategorie „Übersehen“ fiel. Keine spektakulären Kratzer, keine dramatischen Einkerbungen. Nur Ton. Dunkel und matt. Mit einem kleinen Achat poliert, sodass er einen leisen Schimmer hatte, als wäre er sich seiner Würde nicht ganz sicher. Die Wände dünn, der Fuß klassisch. Kein Experiment, keine Exzentrik. Ein Becher, wie ihn jeder um das Jahr Null hätte gebrauchen können.
Und dann dachte ich: So sieht der heilige Gral aus.
Nicht aus Gold, nicht mit Edelsteinen besetzt. Kein Lichtstrahl aus der Höhe, kein göttliches Raunen. Nur Ton. Schlicht, bereit für Wasser, Wein und nochmal Wasser.
Natürlich sagte ich das nicht laut. Die Damen hätten mich womöglich besorgt angesehen. Also nickte ich nur und murmelte: „Ja, so geht das auch.“
Aber insgeheim wusste ich: Da war etwas Heiliges in dieser Schlichtheit. Nicht heilig im sakralen Sinne – ich bin kein Priester, und der Becher ist keine Reliquie. Doch er besitzt eine Art stiller Vollkommenheit, die man nicht erklären kann, ohne wie ein Esoteriker zu klingen. Ich glaube, das konnte nur ich empfinden. Niemand sonst auf der Welt. Und das ist in Ordnung so.
Nun geht er für mich durchs Feuer. In den nächsten Wochen wird er in den Ofen wandern, Hitze und Flammen trotzen, vielleicht einen Riss bekommen, vielleicht auch nicht. Er wird sich verwandeln, ein wenig dunkler, ein wenig fester, vielleicht mit einem Hauch von Glanz. Oder er wird brechen. Dann wird er für immer ein halber heiliger Gral sein. Aber bis dahin warte ich.
Und schaue ihn noch einmal an.
Er schaut nicht zurück.
Das gehört zu seiner Würde.
Kokoro-Kurinuki
Der Becher hält Raum. Für Tee, Kaffee, Wärme, für Gedanken und für das Jetzt.
Schwarzer Ton, weiße Engobe – eigentlich eine einfache Kombination. Doch sobald die Hände ins Spiel kommen, beginnt das Material, seine eigene Geschichte zu erzählen. Ein kleiner Trick erschafft die feinen Kreise, als hätte eine unsichtbare Kraft sie dort hinterlassen.
Das Ergebnis ist seltsam vertraut und zugleich fremd – wie eine Landschaft aus einer anderen Welt. Kleine Krater breiten sich aus, helle und dunkle Flächen wechseln sich ab. Licht tastet über die Erhebungen, Schatten verlieren sich in den Vertiefungen. Unregelmäßig ist die Form, als hätte sich das Gefäß selbst geformt, langsam, organisch.
Finger bleiben auf der Oberfläche hängen, gleiten weiter, spüren die feinen Unterschiede. Hier ist nichts glattgebügelt, nichts perfekt. Und genau darin liegt die Einladung: innezuhalten, wahrzunehmen, zu fühlen.
Innen leuchtet die Glasur strahlend hell – bereit für Tee, für Kaffee, für den Moment. Die Flüssigkeit scheint darin zu ruhen, als würde sie aufgenommen, willkommen geheißen. Vielleicht ist das der wahre Kern dieses Trinkgefäßes: Es hält Raum. Für Wärme, für Gedanken, für das Jetzt.
Es passt. Alles. Und genau so soll es sein.
Kokoro-Kurinuki
Kokoro-Kurinuki
One.
The Art of Letting Clay Speak.
Kokoro-Kurinuki, for me, is the attempt to grasp the material before my mind can name it. It is not about using clay as a means to an end but about encountering it as a living counterpart. The first incision, the initial hollowing—these are not choices but occurrences. They happen because they must. And as my hands move, as my thumb explores and my gaze appraises, the essential unfolds: a cup, a bowl, a vessel emerging from the formless into the visible. Without negotiation. Simply because its time has come.
Philosophically, the Kokoro-Kurinuki style is an exercise in surrender. Those unburdened by rigid technique, those who carry no preordained forms in mind, approach this craft as it is—open, inquisitive. Like a conversation without a beginning, yet already in full flow. There are no certainties, no repetitions. Every cut is final. Every stroke of the blade carves a path anew. Each touch alters the form irrevocably.
Traditional techniques have their elegance, their logic, their rightful place in history. Yet in this raw act of allowing things to become, another kind of truth reveals itself—one that cannot be imitated or preserved. It lives in the moment, in the meeting of hand and clay, in the breath that lingers in the air. The cup that takes shape is not merely a vessel; it is a trace of an instant, an imprint of time and intuition.
Thus, my workshop becomes a place of wonder, not of planning. A space where not knowledge, but occurrence, holds sway. Sometimes, the forms grow willful—rough, uneven. They speak of movement, of hesitation, of sudden resolve. They breathe. There are no mistakes. There is only what emerges—and what might have been.
Perhaps this is the deepest lesson of this way of working: that we do not create, but accompany. That we do not invent, but discover.
Two.
Three.
Der Auftrag.
Neulich war eine Freundin da. Wir plauderten über Gott und die Welt. Also beinahe. Denn ehe ich mich versah, waren wir mitten in einer Geschäftsverhandlung. Nein, ich wollte keine Aufträge annehmen. Auf gar keinen Fall! Das machte ich ihr in aller Deutlichkeit klar.
Und dann – keine zwei Minuten später – diskutierten wir über Glasurfarben. Sie wollte Grün. Grün und nichts als Grün.
Ich dachte: Grün kann ich.
Ich nannte einen Preis. Einen nicht unbeträchtlichen Preis. Einen Preis, bei dem man für gewöhnlich höflich ablehnt und das Thema wechselt. Doch sie sagte ja.
Ja!
Nun hatte ich, was ich nicht wollte: einen Auftrag. Allerdings mit Carte Blanche – abgesehen von der Farbe. Und der Größe. Und der Form.
Mist, dachte ich.
Das Resultat.
Aber nun stehen sie da. Becher, die keine Becher sind. Eher Pötte. Groß, schwer, mit Henkeln, die sich ins Rampenlicht drängen. Der eine so auffällig, dass er glatt als Griff einer Teekanne durchgehen könnte. Die anderen? Nun ja, sie haben einen gewissen Ehrgeiz. Jede möchte die Schönste sein.
Es ist viel Ton verarbeitet, das Gewicht beachtlich. Wer daraus trinken will, darf kein Schwächling sein.
Bchr.
Geduld – in Ton gebannt.
Frisch geformt, aus der Hand gewachsen. Dann das Schnitzen – kein Bearbeiten, sondern ein Befreien. Das Wegnehmen, um das Eigentliche hervorzulocken. Zwei Tage in der Werkstatt. Zwei Becher, zwei Teeschalen. Das ist alles. Mehr nicht. Oder doch alles? Jetzt beginnt die stille Zeit. Die Trockenzeit. Drei Wochen. Mindestens.
Drei Wochen, in denen nichts geschieht. Zumindest scheint es so. Doch im Innern der Gefäße vollzieht sich etwas: das Verdichten, das Sammeln, das Werden. Die Feuchtigkeit zieht sich zurück, der Ton findet seine Form. Ein Prozess, den ich nicht beschleunigen kann.
In der Welt draußen rast die Zeit. Hier drinnen, in der Werkstatt, hat sie ein anderes Gewicht. Ein anderes Maß. Wer Ton formt, muss warten können. Müssen? Nein, dürfen. Die Geduld ist kein Zwang. Sie ist das Geschenk des Töpferns.
Die Becher und Schalen ruhen.
Und ich?
Kokoro-Kurinuki
Kokoro-Kurinuki
Die Schale schwebt auf leisen Füßen.
Es war einmal eine kleine Schale, die nicht wie andere Schalen war. Sie war aus dunklem Westerwälder Ton geboren, und als sie das Licht der Welt erblickte, wusste sie sofort: Sie war etwas Besonderes. Ihr Rand war rau wie die Erinnerungen eines alten Baumes, mit goldenen Partikeln gesprenkelt, als hätte der Wind ihr einen Hauch Sternenstaub hinterlassen.
Flach, kaum gewölbt, doch wer genauer hinschaut, erkennt das Geheimnisvolle in ihrer Gestalt. Sie ist keine gewöhnliche Schale, keine von der Sorte, die sich in Reih und Glied in den Regalen langweilt. Nein, sie ist eine Schale mit einer Seele, eine, die Geschichten erzählen kann, wenn man nur genau hinhört.
„Setzt mich nicht einfach in den Schrank!“, scheint sie zu rufen. „Legt mir ein paar Erdnüsse hinein, gebt mir eine kleine Vorspeise, lasst mich spüren, dass ich lebe!“
Denn was ist eine Schale ohne den leisen Duft von geröstetem Brot, ohne die Farben frischer Beeren oder das leise Klirren eines silbernen Löffels? Sie sehnt sich nach Berührung, nach der Wärme einer Hand, die sie sanft hebt und wieder absetzt, vielleicht ein wenig zögernd, weil sie so anders ist.
Das ist das Geheimnis der Kokoro-Kurinuki-Schalen. Sie sind nicht nur Gebrauchsgegenstände. Sie sind kleine Wesen aus Ton, in deren Herz die Geschichte ihrer Entstehung schlägt. Wer eine solche Schale besitzt, besitzt nicht einfach ein Gefäß – er besitzt ein Stück Erde, das mit Liebe geformt, mit Sorgfalt glasiert und mit einer Prise Magie vollendet wurde.



























































































