Haus der Viviane

Ich verlasse meine Insel, auf der ich die Nacht verbracht habe, ohne Frühstück. Wieder einmal. Die Franzosen und das Frühstück. Eine unendliche Geschichte. Es ist, als hätten sie einen Pakt mit der Morgendämmerung geschlossen, um nur dann aufzustehen, wenn der Tag bereits in vollem Gange ist.

Bonjour! (…)

Auf der Autobahn begrüßt mich eine Raststätte mit einem großem Reklameschild „Bonjour“!. Ich mache Halt und zahle meinen nicht zu knappen Obolus an einen desinteressierten Menschen, der mir dafür einen Kaffee aus einem Automaten zapft und ein Croissant dazulegt. Aber: Es schmeckt. Tatsächlich. Es schmeckt, als hätte der Himmel höchstpersönlich in den Teig gepustet. Was Hunger so bewirken kann, ist schon erstaunlich.

Weiter geht die Fahrt zum Haus der Viviane. Das Grab Merlins scheint die Erfindung eines kreativen Schriftstellers zu sein, lese ich ich einem Reiseführer. Kurzerhand habe ich mich umentschieden und besuche Viviane. Diese Fee taucht unter verschiedenen Namen auf, darunter Elaine, Niniane, Nivian, Nyneve, Nimueh oder auch Herrin vom See, Dame vom See, Hüterin der Quelle, Königin des Wassers oder Dame vom Brunnen. Nimue ist die Hüterin des Sees, aus dem Artus das Schwert Excalibur erhielt. Sie gilt als Ziehmutter Lancelots und auch als Lehrerin oder Geliebte des Zauberers Merlin.
Das finde ich viel spannender als ein erfundenes Grab. Es war ein langer, wirklich langer Spaziergang, bis ich ihr Haus gefunden habe. Es liegt auf einem Berg, der einen Blick auf die gesamte Tiefebene ermöglicht. Meiner Gänsehaut nach zu urteilen, war ich an einem authentischen Platz. Es war wunderschön, da oben zu stehen und in die Runde zu schauen. Am Grab der Viviane legen noch immer Menschen Blumen ab und bringen kleine Opfer dar. Das finde ich rührend. Vielleicht hätte ich auch eine Tulpe mitbringen sollen, um sie symbolisch ins magische Wasser zu werfen.


Ganz in der Nähe gibt es noch den Garten der Mönche. Also: Navi an, losfahren. Ein Viereck mit alten Steinen drumherum. Kein Gemüse oder Obstbäume. Irgendwie habe ich mir diesen Ort anders vorgestellt. Definitiv sollen hier erst Druiden dann Mönche gelebt haben. Aber ein Garten? Ich vermute dann doch eher ein Haus. Ein einfaches Haus, höchstens.
Am Rand des von Licht durchströmten Ortes veranstalten zwei Mädels ein Picknick. Schnell mal ein bisschen quatschen. Sie befinden sich auf einer Wandertour durch die Megalithkultur. Ein Picknick im Garten der Mönche, das klingt nach einer fantastischen Idee. Vielleicht sollte ich mir einen Rucksack schnappen und mich zu ihnen gesellen. Schließlich bin ich auch ein Meister im Wandern und im Sandwichschmieren.

Mich zieht es weiter nach St. Malo. Im Chateaubriand habe ich einen Tisch für 19.30 Uhr reserviert. Es wird Austern geben und irgendetwas dazu. In diesem geschichtsträchtigen Haus habe ich schon einmal gegessen. Deswegen freue ich mich darauf, die kulinarische Zeitreise fortzusetzen. Außerdem überlege ich, noch eine Nacht hier zu bleiben. Vielleicht nimmt mich Sir Francis Drake doch noch mit auf Kaperfahrt. Wer kann schon Nein zu einem Abenteuer in einem Schloss sagen, das nach Knoblauch und Geschichte riecht?

In der Zwischenzeit werde ich mich auf meine Austern stürzen und darüber nachdenken, wie ich die magische Energie von Vivianes See nutzen kann, um das perfekte Croissant zu backen. Schließlich könnte das die Lösung für Frankreichs Frühstücksdilemma sein. Oder zumindest ein guter Grund, um nach Hause zurückzukehren.

Im Chateaubriand. (…)

Wie geplant befinde ich mich um Punkt 19.30 Uhr mitten im legendären Chateaubriand in St. Malo, umgeben von alten Gemäuern und modernem Interieur, während gelangweilte Kellner mit dem typisch französischen Gehabe um mich herumwuseln. Die Vorfreude auf gutes Essen und Trinken steigt, als ich beschließe, einen Muschelabend einzulegen.

Die Entscheidung für eine Flasche Wein fällt leicht, und es muss natürlich ein Weißwein aus der Gegend sein. Ich nehme einen Schluck und spüre, wie die Kraft der sonnenverwöhnten Reben in mir aufblüht. Als Gruß aus der Küche ein kleines Kännchen mit kalter Suppe. Mann, ist die scharf. Die Austern, mein erster Gang, werden flott serviert. Sie sind frisch, wirklich sehr frisch, und mit der roten Vinaigrette sind sie eine Offenbarung. Ich genieße und lächle vor mich hin, während ich den Austern die Schalen öffne, rote Vinaigrette hinzufüge und genüßlich schlürfe.
Der zweite Gang kommt auf den Tisch: Muscheln à la Provençale. Ein großer Topf voller kleiner schwarzer Miesmuscheln, dazu knusprige Fritten – die berühmten Moule et Frites. Dieser Duft … ich stürze mich gierig auf das Gericht und kann kaum aufhören, die köstlichen Muscheln zu in meinen Mund zu befördern.
Als Nachtisch gibt es Früchte in einer leckeren Soße. Ein sinnlicher Abschluss für das Meeresfrüchte-Mahl. Ich lehne mich zurück, strecke die Beine aus und genieße den Abend.

Dann geht es ins Hotel, mit leichter Schlagseite. Der Mann an der Rezeption guckt mich fragend an, ich gucke frech zurück. „Hello!“, rufe ich ihm zu, bevor ich die Treppe zu meinem Zimmer hinaufsteige. Jetzt noch schnell mein Tagebuch schreiben, bevor das Licht ausgeht. Die Kirche nebenan schlägt mir den Takt vor, und ich lasse mich von der Melodie in den Schlaf wiegen.

Von Steinkreisen und Menieren

Heute befinde ich mich im sagenumwobenen Land der Gallier, mitten im Herzen von Frankreich. Ich habe eine seltsame Vorliebe für Steinkreise, Menhire und Dolmen entwickelt. Es ist, als ob sie mich magisch anziehen, als ob sie mir ein Geheimnis aus längst vergangenen Zeiten flüstern. Inspiriert von Rosamunde Pilcher, hege ich die Hoffnung, dass sich eines Tages eine Zeitmaschine auftut und mich auf eine aufregende Reise durch die Geschichte mitnimmt. Wer weiß, vielleicht stehe ich plötzlich vor einem keltischen Druiden oder tanze mit einer Gruppe römischer Soldaten. Also, warum nicht Carnac einen Besuch abstatten?

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Also, ich reise nach Carnac, dieser mystischen Stadt berühmt für ihre prähistorischen Megalithen, diese riesigen Steine, die in Reihen wie gut aufgestellte Soldaten marschieren. Einige sagen, sie seien von prähistorischen Menschen aufgestellt worden, andere glauben, es seien außerirdische Besucher gewesen. Aber ich sage euch, es ist die perfekte Gelegenheit für ein Spiel der alten französischen Version von „Mensch ärgere dich nicht“ – „Pierre ärgere dich nicht“, wenn ihr so wollt!
Und siehe da, Carnac entpuppt sich als wahres Eldorado für Steinfreunde wie mich. Unzählige Steine in den angekündigten geheimnisvollen Formationen ragen in den Himmel. Und hier tummeln sich nicht nur Steine, sondern auch Bewunderer, die ähnlich wie ich darauf hoffen, in eine andere Zeit katapultiert zu werden. Denn wer will schon immer nur über Putin und Kriegswirren nachdenken? Ich sehne mich nach einer Auszeit vom tristen Alltag und träume davon, in die Zeiten von Merlin und den Rittern der Artussage einzutauchen.

Ein Stein sieht aus wie ein liegender, in sich zusammengekrümmter Wolf. Oder wie ein Drache. So genau kann ich es nicht auseinanderhalten. Hier bleibe ich länger stehen. Erst setze, dann lege ich mich darauf. Nichts. Es passiert nichts, nur die anderen Spaziergänger gucken seltsam. Lachen sogar. Schütteln mit dem Kopf. Das macht mir nichts. Eine Dame aus Deutschland nimmt auf meine Bitte meine Kamera und fotografiert mich, wie ich da so liege. Na toll, denke ich. Da liege ich zusammen mit einem zu Stein gewordenen Wolf und die Welt hält nicht einmal für ein paar Minuten den Atem an.


Aber zunächst geht es weiter zur Insel Quiberon, wo ich die Nacht verbringen werde. Umgeben von Wasser und alten Steinen, fühle ich mich wie ein Pirat, der auf Schatzsuche geht. Wer weiß, vielleicht finde ich sogar einen vergrabenen Schatz – oder zumindest ein verstecktes Portal in die Vergangenheit.

Kleine Betrachtungen:

Fast täglich wechsle ich meine Unterkunft wie andere ihre Socken. Glaubt mir, es ist kein Zuckerschlecken, in günstigen Hotels, Campingplätzen und sonderbaren Herbergen zu übernachten, nur um ein wenig Geld zu sparen. In Quiberon entscheide ich mich für ein teures Hotel, auch weil es keine anderen Optionen gibt. Das war ein Fehler, meine Freunde. Dieses Hotel war so laut, dass selbst eine Horde trommelnder Elefanten leiser gewesen wäre. Die Wände waren so dünn, dass ich die Schnarchgeräusche meines Nachbarn für eine verirrte Lawine hielt. Und die Fenster? Nun ja, sie ließen so viel Licht herein, dass ich in der Nacht dachte, es sei Tag.
Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass alle Restaurants auf der Insel anscheinend ihre Plätze für Prominente und Einheimische reserviert hatten. Keine Chance für einen hungrigen Reisenden wie mich! Selbst wenn ich mich auf den Tisch gestellt und meinen besten Eindruck eines französischen Akzents gegeben hätte, hätte das nichts genutzt. Es blieb mir nur die Selbstverpflegung in einem Land, das für seine kulinarischen Köstlichkeiten berühmt ist. Ein echtes Drama, meine Freunde. Was es gab? Nun, es gab Toast mit Rillettes de Canard, ein gekochtes Ei, in Calvados eingelegte Äpfel, den Rest vom Mimolette, dem roten Käse, der mir so gut schmeckt und als Nachtisch, ein paar Kekse, die ich aus Deutschland mitgenommen hatte. Dazu reichlich von dem wunderbaren Pastis, der am nächsten Tag so herrlichen Kopfschmerz verursacht.

Aber genug von meinen Hotel- und Restaurantleiden! Lasst mich zum eigentlichen Zweck meiner Reise zurückkommen – den Megalithen. Diese massiven Steine sind wirklich beeindruckend. Ich habe mich gefühlt wie eine Ameise auf einer Bowlingbahn. Die Geschichte und das Geheimnis, das diese Steine umgibt, sind wirklich faszinierend. Ich habe mich gefragt, wie die alten Menschen diese Kolosse hierher geschafft haben, ohne die Hilfe moderner Technologie. Wahrscheinlich waren es Riesen oder doch Außerirdische. Es kann gar nicht anders gewesen sein. Alles in Allem, eine staunenswerte Gegend.

Jetzt, wo der Morgen anbricht, mache ich mich wieder auf den Weg. Ich bin gespannt, was Frankreich noch zu bieten hat. Das Grab vom Zauberer Merlin und der Garten der Mönche sind meine Ziele. Ich frage mich, ob Merlin wirklich dort begraben ist oder ob nicht irgendein Medien-Genie ein neue Legende kreiert hat, die einer ansonsten kargen Gegend Touristen beschert. Aber eins ist sicher: die Gegend hier hat mich mit ihrem mysteriösen Charme in seinen Bann gezogen, und ich bin gespannt, welche Abenteuer und Überraschungen mich hier noch erwarten. Wer weiß, vielleicht werde ich schon bald in der Zeit zurückreisen und meine eigene Legende schreiben. Bis dahin genieße ich jeden Augenblick. Vielleicht finde ich in der Bretagne endlich ein Restaurant, das nicht ausgebucht ist, oder eine Unterkunft, in der ich meine Augen vor dem grellen Licht der Stadt schließen kann. Aber eines ist sicher, meine lieben Freunde, auf dieser Reise gibt es nie einen langweiligen Moment, und das ist es, was das Abenteuer ausmacht!

Chateaux der Ruhe

Endlich mal ein anständiges Frühstück! Nach einer durchwachten Nacht (die Betten, es sind immer die Betten) in einem dieser typischen Häuser, die so aussehen, als wären sie einem Picasso-Gemälde entsprungen, steht ein französisches Frühstück auf dem Plan. Da gibt es, auf bunten Tisch-Sets aus den 1970er Jahren, Croissants, Baguette und Marmelade – die Grundnahrungsmittel für jeden, der sich auf französischem Boden bewegt. Das Baguette lacht mich an, die Marmelade taucht hinter dem Kaffee auf, das Mädchen auf dem Tisch flirtet mit mir, und der Kaffee – oh, der Kaffee – er ist so stark, dass er mir fast den Bart ablöst. Aber ich will nicht klagen, schließlich bin ich im Land der kulinarischen Vielfalt.

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Im Frühstücksraum treffe ich auf ein deutsches Pärchen, das auf großer Tour ist. Er, ein waschechter Hamburger, und sie, eine waschechte Münchnerin. Doris und Horst haben ihr Leben in München hinter sich gelassen, sind frisch in den Ruhestand gestolpert und machen sich nun auf, Europa im eigenen Auto zu erkunden. Ein bisschen hierhin, ein bisschen dahin, Freunde besuchen und sich über die Welt wundern – das klingt ja fast wie der perfekte Plan. Wir teilen uns Geschichten von unseren Bergabenteuern, und ehe wir uns versehen, ist die Zeit wie im Fluge vergangen. Mein Tag gerät ein bisschen aus dem Takt, aber was soll’s! Es hat sich gelohnt.

Ich wünsche den beiden Abenteurern eine großartige Tour und mache mich auf den Weg in Richtung Cognac. Ja, ja, ihr habt richtig gehört, es gibt tatsächlich eine Stadt namens Cognac. Kurz vor meinem Ziel entscheide ich mich für einen Halt in einem alten Château. Dort werde ich in einem Bett, das wie ein Vogelnest oben im Raum, auf ein paar Balken festgetackert ist, schlafen, ein bisschen an meinem Reisebericht feilen und dann ab ins Bett hüpfen wie ein Kind in der Hüpfburg. Vorher habe ich noch eingekauft und verzehre Käse, Baguette und Melone zusammen mit einer Flasche Bordeaux Supérieur. Wenn schon, denn schon.

Morgen verspricht es wieder spannend zu werden, denn ich werde in der Bretagne nach Steinkreisen suchen. Mit etwas Glück finde ich mehr als nur runde Steine – vielleicht ein Stück Geschichte, das mich zum Staunen bringt. Aber das werde ich morgen herausfinden. Bericht folgt. Tschüss!

Bilbao in Sicht

Die Sonne strahlt am Himmel, und die Stadt von gestern spielt heute keine Rolle mehr. Ich verlasse sie ohne Frühstück. Die örtlichen Geschäfte haben für Frühaufsteher nichts Essbares anzubieten. Die Spanier scheinen ihren Tag wahrscheinlich erst gegen 10 Uhr zu beginnen, während ich bereits um 9 Uhr auf den Beinen bin. Die spinnen, die Spanier.

Wozu Raststätten gut sind. (…)

Mal wieder halte ich an einer Raststätte für Fernfahrer. Diese Leute sind ständig unterwegs und haben immer Hunger. Sie akzeptieren schlicht und einfach kein schlechtes Essen und Trinken. Soweit meine Theorie. Also entscheide ich mich für einen Stopp in der Nähe der Straße und für ein belegtes Sandwich mit einem Milchkaffee. Was sonst?


Immer wieder: Buchten erkunden und, wenn sie schön sind, Fotos machen. Ich habe zahlreiche Buchten angefahren, die Sonne schien mal von der einen, mal von der anderen Seite. Doch nur bei einem absoluten Postkartenidyll habe ich die Kamera gezückt. In den letzten Tagen wurde ich wirklich verwöhnt.

Das Ziel meines heutigen Tages ist Bilbao und das Guggenheim Museum. Sowohl von außen als auch von innen.

Das Museum. (…)

Die Architektur dieses Gebäudes ist schlichtweg unfassbar und hat Zeitgeschichte geschrieben. Wer kennt nicht den berühmten Bilbao-Effekt? Alles, weil ein mutiger Architekt und die Stadtoberen gemeinsame Sache gemacht haben. Die Sonne spielt mit dem metallischen Kunstwerk, Licht und Schatten erschaffen neue Dimensionen. Ich stehe da und bin sprachlos. Natürlich mache ich Fotos. Wie könnte ich nicht?


Nach diesem überwältigenden Erlebnis gönne ich mir ein Eis und setze dann meine Fahrt fort, diesmal in die Berge. Dort plane ich zu übernachten und habe bereits einen Tisch im Restaurant reserviert. Wahrscheinlich wird es gar nicht notwendig sein, aber da ich mittlerweile in Frankreich bin, bin ich lieber auf der sicheren Seite.
Vorher habe ich noch im hiesigen Geschäft eine hiesige Tomate gekauft, in Scheiben geschnitten und mit eingelegten Knoblauchzehen zu einer prima Vorspeise verarbeitet. Die Tomate hat geschmeckt. Nach Sonne, Meer und … Tomate eben. Und das ist es, was ich lange schon nicht mehr geschmeckt hatte. T O M A T E. Sonst nix. Geil.

Ich befand mich gerade im Zuhause von Gott höchstpersönlich. Es war Abendmahl-Zeit in einem kleinen französischen Restaurant, und ich sage euch, es war göttlich.

Essen auf hohem Niveau. (…)

Keinerlei Abzocke für Touristen. Ganz im Gegenteil. Für volle zwei Stunden wurde ich von einer aufmerksamen Kellnerin, einem fürsorglichen Koch und einem noch aufmerksameren Patron umsorgt.
Zu Beginn des Abendmahls ein Gruß aus der Küche: ein Glas mit kalter Suppe. Es hat geschmeckt, das ist mal klar, leider kann ich es nicht wirklich beschreiben, viel zu schnell ist der Inhalt verschwunden, nach nur wenigen Löffeln.
Dann kamen die Vorspeisen. Da war geräucherter Lachs mit gehobeltem Parmesan und Anchovis in einer Soße wie Samt und Seide, gefolgt von fermentiertem Fisch in einer fruchtigen Ceviche und schließlich gegrillter Lauch mit Speck und Croutons. Ein wahrer Tanz der Aromen auf meiner Zunge!
Als Hauptspeise wurde mir Thunfisch mit Kürbis vom Grill serviert – ein echter Gaumenschmaus. Doch der Höhepunkt kam erst noch: die Nachspeise. Himbeer-Sorbet mit Senfkörnern und gefüllten Himbeeren. Ich schwöre, das war ein himmlischer Genuss, der meine Geschmacksknospen erst in Erstaunen, dann in Ekstase versetzte. Die scharfen Senfkörner und das säuerliche Himbeere-Sorbet tanzten Samba mit mir. Leider nicht die ganze Nacht.

Natürlich durften Wasser und eine Flasche Chardonnay aus dem Baskenland als Begleiter nicht fehlen.
Und dann kam dieser eine Moment, als der Restaurantbesitzer zu mir sagte: „Du brauchst keine Angst haben, die paar Meter zum Hotel kannst du fahren, die Polizei hält dich hier nicht an. Und wenn sie dich doch anhalten, dann sage einen Gruß von mir.“ Nun ja, ich bin jetzt im Hotel angekommen, aber wie ich dahin gekommen bin, bleibt mein kleines Geheimnis.


Almuerzo auténtico

Weiter geht’s an die Nordküste Spaniens. Ein kleines Dorf lockt mich mit seinen Restaurants direkt am Hafen. Bei dem Gedanken an frische Muscheln läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Ein preiswertes Mittagessen. (…)

Doch bevor ich mich in kulinarische Abenteuer stürze, steht eine mehrstündige Autofahrt entlang der atemberaubenden Atlantikküste an. Mittags lande ich schließlich in einem dieser urigen Fernfahrer-Restaurants. Hier sollte ich ein echt authentisches spanisches Mittagessen bekommen. Es ist 11.50 Uhr, und der weiß eingedeckte Speisesaal liegt da wie ausgestorben. Ich frage mich ernsthaft, ob das eine gute Idee war genau hier anzuhalten.

Punkt 12.00 Uhr – ich sitze an einem kleinen Tisch – immer noch ohne Gesellschaft. Dann, um 12.10 Uhr platzt der Laden förmlich aus allen Nähten. Feine Leute, Fernfahrer, Bauarbeiter und Landarbeiter. Alle stürmen an die Tische. Es gibt frisches Brot, dazu eine Flasche Wein und reichlich stilles Wasser. Die Vorspeise kommt auf den Tisch – Paella mit Fisch, Muscheln und Fleisch. Und dann die Hauptspeise – Hackbällchen mit Tomatensoße und seltsamen Pommes frites. Es ist nicht unbedingt ein wahrer Gaumenkarneval, aber all das Getümmel, Gemurmel und fröhliche Miteinander lässt keinerlei Trübsal zu! Was will ich mehr verlangen?

Schließlich beende ich mein Festmahl mit einer Tasse Espresso. Fertig. Das Ganze schlägt mit lächerlichen 12.20 Euro zu Buche. Tschüss, Luxus! Ab sofort wird einfach gegessen.


Und dann erreiche ich diese kleine Stadt am Meer. Mein Zimmer ist ebenfalls direkt am Hafen. Malerisch? Ja, aber irgendwie sieht es aus, als hätte hier seit den 80ern niemand mehr den Staubwedel geschwungen. Fotos von innen? Das erspare ich euch und mir lieber.

Von bunten Bildern und Sonnenlicht. (…)

Alle Restaurants hier haben bunte Bildchen im Schaufenster oder vor dem Laden, um Kunden anzulocken. Das Sonnenlicht hat die Farben schon verändert. Blau fehlt. Rot dominiert. Ach du liebes Lottchen, das hat mir gerade noch gefehlt. Heute Abend gehe ich hungrig ins Bett. Das Mittagessen war ja mehr als ausgiebig. Also, ich sag euch, Leute, heute ist so ein Tag, da könnt‘ man meinen, die Welt hätte beschlossen, sich einen kleinen Scherz auf meine Kosten zu erlauben. Gestern, ja gestern war’s, da hab ich Dinge erlebt, die man kaum für möglich halten könnte. Ein Tag voller Abenteuer und Überraschungen, wie aus einem Buch von Heinz G. Konsalik. Aber heute, nun ja, der heutige Mittwoch ist wie der Montag unter den Tagen.

Ich hab mir sogar eine dieser winzigen Blasen eingefangen. Wisst ihr, diese kleinen Biester, die sich irgendwo an deinen Füßen festsaugen und dich zum Humpeln zwingen? Genau so eine. Ein bisschen wie ein Haifisch, der sich an meinen Zehen festgebissen hat. Das ist wirklich nervig. Und dann diese Stadt hier, die mir eigentlich als charmant und pittoresk angepriesen wurde. Ich finde sie einfach nur winzig und stickig. Als ob sie mich in ihren engen Gassen gefangen hält. Und die Sonne, die gestern noch so strahlend am Himmel prangte, hat sich heute einfach davongemacht. Ach, meine Laune ist heute so düster wie der Boden eines alten Kohlebergwerks. Da hilft wohl tatsächlich nur noch eines: Bier. Zwei oder vielleicht sogar drei. Wenn schon der Tag ein Reinfall ist, dann wenigstens mit einem anständigen Durstlöscher. Und wer weiß, vielleicht schaffen es die Tapas, meine Stimmung ein kleines Stückchen aufzuhellen.

Also, auf in die nächste Tapas-Bar, wo die Biergläser klirren und die Spanier lachen. Vielleicht kann selbst dieser blöde Tag noch zu einem kleinen Abenteuer werden. Man weiß ja nie, was als Nächstes passiert. Und wenn nicht, dann hab ich immerhin noch mein Bier. Cheers!


Heilige Quelle & Läuterung

Schlafen auf dem Campingplatz, vor allem in einem Micro-Camper, bewirkt etwas ganz besonderes, nämlich ein beschlagenes Auto – von innen. Und morgens, wenn die Blase drückt, ist ein Klo in weiter Ferne. Ist es dann erreicht, und man sitzt zufrieden auf dem Thron, wird plötzlich festgestellt, dass das Klopapier mitzubringen war…! Das sind wahre Abenteuer in einem fernen Land.

Reisen ist tödlich für Vorurteile. (…)

Die Reise nach Padron dagegen, verläuft reibungslos, und kurz nach 12 Uhr erreiche ich die Stadt, in der die berühmten Pimentos de Padron erfunden wurden. Hier in dieser Stadt gibt es einen Ort, den ich unbedingt besuchen will – eine Gruppe von zehn Felsen, die an einem bestimmten Platz stehen. Man sagt, dass sich früher die Jakobspilger durch die drei Öffnungen dieser Felsen geschlängelt haben. Diese Löcher tragen die poetischen Namen Hölle, Himmel und Fegefeuer. Und ausgerechnet an dieser Stelle soll dem Apostel Jakobus die Jungfrau Maria erschienen sein, um ihn dazu zu ermutigen, den Glauben zu predigen. Nun ja, er hat es versucht, aber ob er besonders erfolgreich war, darüber lässt sich streiten.

Aber wisst ihr, ich bin nicht nur wegen der Pimentos de Padron hierher gekommen, sondern auch wegen einer heiligen Quelle. Diese Quelle soll nach uralten Überlieferungen ein Ort der Reinigung, Läuterung und Vergebung der Sünden sein. Angeblich befand sich an genau dieser Stelle eine Grotte, in der der Apostel Jakobus sich vor seinen Verfolgern versteckt hielt. Um den Durst einer heidnischen Frau zu stillen, soll er diese Quelle erschaffen haben. Ich habe daraus getrunken. Einen sehr großen Schluck. Man kann ja nie wissen, wann man mal eine Läuterung braucht, und ehrlich gesagt, ich denke, bei mir ist sie längst überfällig.

Mark Twain sagte einst: „Reisen ist tödlich für Vorurteile, Intoleranz und Enge des Geistes.“ In diesem Sinne, meine Freunde, lasst uns weiterreisen und unsere Horizonte erweitern, auch wenn das bedeutet, in einem beschlagenen Auto zu erwachen und nach Klopapier zu suchen.


Schlafen neben dem Friedhof. (…)

Ich wohne für heute in einem fantastischen Gästehaus, das sich auf einem Hügel kurz vor Santiago erhebt. Neben diesem behaglichen Haus thront eine urige Kirche, umgeben von einem Friedhof und einer winzigen Dorfschule. Der Lehrer, der einst im Haus daneben gelebt haben mag, hat sich offensichtlich in eine längere Pause begeben – und ich meine nicht nur eine Kaffeepause. Das Mobiliar und die Einrichtungsgegenstände sind dermaßen verfallen und vergessen, dass er wohl nie wieder dort wohnen wird. Es scheint, als wären hier schon seit Ewigkeiten keine fröhlichen Kinderstimmen mehr ertönt. Ich frage mich, ob die kleinen Racker, die hier einst ihr ABC, ihr Einmaleins lernten und dem Lehrer vermutlich den ein oder anderen Streich spielten, glücklich waren.

Während ich diese Gedanken wälze, kommen mir die vielen Seelen, die auf dem Friedhof zur Ruhe gebettet wurden, in den Sinn. Haben sie ihr Leben genossen, die Höhen und Tiefen, die Santiago und seine Umgebung zu bieten hatten? Oder haben sie hier ihre besten Jahre verbracht und sind mit einem Lächeln auf dem Gesicht in die Ewigkeit eingegangen? Ich hoffe es sehr. Ich hoffe, dass sie, wie ich, die Schönheit dieses Ortes in vollen Zügen genießen konnten und jetzt irgendwo da oben mit einem besseren Blick auf das Geschehen auf Erden schauen.




Das Weihrauchfass fliegt hoch durch die Luft. (…)

Das Highlight meines Tages – die Abendmesse in der majestätischen Kathedrale von Santiago de Compostela. Normalerweise singt eine Nonne die Kirchenlieder, aber an diesem Abend werde ich von einem wunderbaren Tenor überrascht, der mein Herz mit seinem Gesang erobert.

Ein Priester im leuchtend roten Gewand begrüßt die Gäste aus aller Welt. Die Kathedrale ist rappelvoll und die Pilger sind ergriffen und voller Ehrfurcht. Ein älterer Herr in auffallend teurer Kleidung läuft aufgeregt durch das Seitenschiff, gefolgt von einem weiteren Mann und einem Priester. Ein leises Gemurmel erfüllt die Luft, und es scheint, als würden geheime Pläne geschmiedet. Dann nicken sie einander zu, und es herrscht Einverständnis auf allen Seiten. Zufriedene Gesichter zeigen sich.

Am Ende der Messe tauchen plötzlich ältere Männer in dunkelroten Gewändern auf. Sie lassen mit gelangweiltem Gesicht das gigantische Weihrauchfass von der Decke herab. Mit großer Präzision füllen sie es mit einer ansehnlichen Menge Weihrauch und zünden es blitzschnell an. Tausendfach geübte Handgriffe. Dann ziehen sie das Fass wieder hoch und lassen es durch die Luft schwingen, das Seil mit knotigen Enden fest in ihren Händen. Ich bin erstaunt, dieses Spektakel ist sonst nur an hohen kirchlichen Feiertagen oder gegen eine erkleckliche Geldspende zu sehen. Es ist, als ob der Himmel selbst sich öffnet, als das Fass durch die Luft fliegt. Weihrauchnebel durchdringt die letzten Winkel der Kathedrale, und der alte Mann im hinteren Teil der Kirche kann vor Freude kaum stillstehen. Er hüpft von einem Bein auf das andere und klopft seinem Begleiter auf die Schulter. Ich glaube, er ist der großzügige Spender, der dafür gesorgt hat, dass dieses erhebende Ereignis stattfinden konnte.



Gute Nacht. (…)

Doch bevor ich allzu melancholisch werde, geht mir durch den Kopf, dass ich nicht nur zum Nachdenken hierher gekommen bin, sondern auch, um die Reise fortzusetzen. Also werde ich mich nach einer erholsamen Nacht und einem herzhaften Frühstück wieder auf den Weg machen. So ist das eben mit Reisenden wie mir – immer auf der Suche nach neuen Abenteuern und Geschichten, die das Leben schreibt. Und wer weiß, vielleicht finde ich auf meinem Weg noch mehr verlassene Lehrerhäuser und vergessene Friedhöfe, die darauf warten, von einem neugierigen Reisenden erkundet zu werden. Bis dahin, Santiago, mach’s gut, und danke für die Gastfreundschaft!


Im Zickzack durch Portugal

Heute geht es nach Fatima.
Als ich vor einigen Jahren den Jakobsweg nach Santiago pilgerte, sah ich nicht nur die gelben Jakobsweg-Pfeile, sondern auch die blauen Pfeile, die entgegengesetzt meines Weges, nach Fatima wiesen. Damals wusste ich nicht viel von Fatima, es hat mich allerdings sehr fasziniert. Da ich jetzt mit dem Auto unterwegs bin, ist ein kleiner Umweg kein Problem. Schließlich gibt es in Fatima die viertgrößte katholische Versammlungshalle der Welt.

Fatima vs. Santiago de Compostela. (…)

Das Fatima, das ich dann erlebe, ist sozusagen der Ying zum Yang von Santiago de Compostela. Ein Ort, der so trist ist, dass er einem geradezu den Atem raubt. Die Bewohner dieser Stadt wirken, als hätten sie das Ende des Saison-Marathons gerade eben so erreicht. Sogar die Souvenirverkäufer haben aufgegeben – ja, ihr habt richtig gehört, die Souvenirverkäufer! Die halten ihre Hände still und warten darauf, dass ein Wunder geschieht. Vielleicht sollten sie darauf hoffen, dass ich in ihren Laden stolpere und sich ihr trauriges Schicksal wendet.

Die Restaurants in dieser Stadt haben nicht nur Speisekarten, nein, sie haben Speisekarten mit Bildern vom Essen! Das ist mein persönliches Alarmzeichen Nummer eins, wenn ich auf Reisen bin. Wenn ein Restaurant seine Gerichte auf Bildchen präsentiert, dann ist das so, als ob es mit leuchtenden Neonbuchstaben schreien würde: „Hier gibt es Essen, das so schlecht ist, dass wir es nur in Bildform zeigen können, damit ihr nicht sofort das Weite sucht!“
Ich schaue genau hin und entdecke Prunk, graue Flächen, Kälte und eine erschreckende Ausdruckslosigkeit. Die kleine Kapelle, die einst für die Kinder errichtet wurde, geht fast unter der „Beton-Pracht“ verloren. Die Menschen wirken weniger ergriffen als vielmehr beeindruckt von der Größe und Macht der Kirche. Ich hingegen fühle mich eher abgestoßen von all dem Rummel hier.
Mein Fazit: Schnell weg von diesem Ort!
Also auf nach Porto, zu einem kleinen Campingplatz am Meer. Ein letzter freier Platz erwartet mich dort, inmitten einer Armada von Campern. Ein eigenartiges Volk, diese Camper. Mein Mini-Camper wird belächelt, wenn auch heimlich. Ich bemerke die verstohlenen Seitenblicke und vorgehaltenen Hände der anderen. Doch das kümmert mich herzlich wenig.

Am Ende eines solch enttäuschenden Tages wird dann das Essen zu einem Highlight. Ich kenne bereits ein Restaurant hier, aber dann kommt die Ernüchterung: Montagabends haben die Restaurants geschlossen. Alle bis auf eines. Dieses eine hat zwar eine Karte, bietet jedoch nur Sardinen oder Wolfsbarsch vom Grill an. Dazu gibt es Salat mit gekochten Kartoffeln. Nicht gerade eine kulinarische Offenbarung, aber was soll’s? Ich bestelle und siehe da – es schmeckt! Es sieht gut aus und vertreibt meine Verzweiflung.


Morgen werde ich meine Reise nach Santiago de Compostela fortsetzen, aber zunächst führt mich der Weg durch die wunderbare kleine Stadt Padron, wo die berühmten Pimentes de Padron herkommen. Mal sehen, was diese Etappe bringt!

Ich wär so gern ein Hippie

Ich stehe an diesem traumhaften Strand und denke: „Ich wäre so gerne ein Hippie!“ Die Surfer, die sich am Ufer tummeln, haben diesen entspannten, braungebrannten Look, der einfach fantastisch ist. Schlank und lässig, in ihren ausgeblichenen Klamotten und mit den wilden Haaren, scheinen sie immer in bester Laune zu sein. Frieden und Glückseligkeit strahlen sie aus, und es gibt so gut wie keine Hektik oder Vorurteile.

Zukunftsgedanken. (…)

Aber mal ehrlich, wie sieht das wohl in der Zukunft aus? Irgendwann werden sie alle Strände in- und auswendig kennen – die Surferparadiese sich vielleicht sogar vom Geheimtipp hin zum Neckermann-Strand für Jedermann verwandeln. Was ist dann mit den wunderbaren Surfern? Bekommen sie einen dicken Bauch? Werden sie gemütlich? Werden sie sich langweilen und vom Burnout sprechen, wie ein ausgebrannter Arbeiter am Fließband? Ich hoffe nicht.

Hier am Fishermen’s Trail bin ich im Moment ziemlich zufrieden – abgesehen von diesem tükischen Sand. Bei jedem Schritt versinken meine Füße tief in ihm, anstatt mich voranzubringen. Oh, wie mühsam das Gehen ist! Doch die Aussicht auf das Meer, die Klippen, die üppige Vegetation und die Angler, die sich mutig an den Klippenkanten aufhalten, entschädigen für alles. Sie sind so nah am Abgrund, dass man ihnen am liebsten zurufen möchte: „Geh da weg, du wirst noch runterfallen!“

Ach, mein lieber Leser, erlaube mir, weiter von jenem sonnendurchfluteten Tag am portugiesischen Strand zu berichten. Nach einem ausgiebigen Bad im kalten Atlantik sitze ich auf einem dieser wunderbar warmen Felsen am Ufer und tauche nun nicht mehr in den Fluten, sondern in den Tiefen des Denkens. Ich grüble darüber, ob Freiheit der Schlüssel zu einem wahrhaft erfüllten Leben sein könnte, vorausgesetzt, wir sehnen uns überhaupt danach. Die Sonne, der Wind und das rhythmische Rauschen der Wellen begleiten mich freundlicherweise auf dem Weg durch die Gedankenwelt. Es ist, als würden die Elemente selbst mich umhüllen und inspirieren weiter und weiter zu denken. Doch plötzlich – mitten im Denken – überfällt mich eine große Melancholie.

Über Melancholie. (…)

Melancholie erkenne ich daran, das sich eine eigenartige Mischung aus Wehmut und Sehnsucht in den stillen Momenten meines Lebens einschleicht. Sie kann mich packen, wenn ich am Fenster sitze und in die Ferne schaue, wenn ich über vergangene Zeiten nachdenke oder darüber, was noch vor mir liegt. Und hier, an diesem wunderschönen portugiesischen Strand, hat es mich wieder einmal erwischt. Doch die Melancholie hat auch eine Schwester namens Eudaimonia. So hat mir einmal ein alter Mann erzählt. Eudaimonia ist das wohlklingende griechische Wort für ein positives Lebensgefühl, das Streben nach Glück und Wohlbefinden. Und hier am Strand von Portugal, zwischen Melancholie und Eudaimonia, erkenne ich endlich den tiefen Zusammenhang. Während ich den warmen Fels unter meinen Füßen spüre und die salzige Luft in meiner Nase, wird mir klar, dass diese Melancholie, die mich ergreift, nicht von Traurigkeit, sondern von einer Art Sehnsucht nach Freiheit getragen wird. Ich sehne mich danach, dem Alltag zu entfliehen, den Fesseln der Verpflichtungen zu entkommen und einfach dem Rhythmus des Meeres zu folgen. Freiheit ist für mich mehr als nur das Fehlen von Ketten; sie ist die Fähigkeit, das Leben nach meinen eigenen Regeln zu gestalten, im Einklang mit den Wellen des Schicksals zu tanzen und die Melodie des Augenblicks zu genießen. Und genau das finde ich hier in Portugal. Die Sonne steht mittlerweile tief am Horizont, und die Farben des Abendhimmels beginnen sich zu verändern. In diesem Moment begreife ich – in aller Tiefe – wie flüchtig das Leben ist. Diese Flüchtigkeit treibt mich an, nach meiner ganz eigenen Eudaimonia zu suchen, nach dem Glück, das tief in meiner Seele verborgen liegt.
Es ist mir nun klar, dass in den leisen, nachdenklichen Momenten des Lebens eine Einladung zur Freiheit und zum Glück verborgen ist. Und ist die wahre Freiheit und das Glück nicht das, was in den kleinen, alltäglichen Freuden des Lebens zu finden ist? In einem guten Gespräch, einem herzlichen Lachen, dem Klang der Wellen und dem sanften Kuss der Sonne auf meiner Haut?

Auf der Hitzewelle surfen…

Es ist wirklich warm hier in Portugal. Die Hitzewelle schlägt im September und Oktober über Frankreich, Spanien und Portugal zusammen. Schon morgens um 8 Uhr brennt die Sonne so heiß, dass es über 20 Grad Celsius sind – und das ist über null, versteht sich. Ich schwöre, selbst die Hühner hier haben sicherheitshalber einen Sonnenhut aufgesetzt.

Ich werde träge von dieser Hitze. Ein kleiner Schnupfen hat sich zudem bemerkbar gemacht, und den verdanke ich der Klimaanlage im letzten Hotel. Ich hätte sie nachts ausschalten sollen, aber ach, ich habe es versäumt. Jetzt läuft meine Nase, als wäre sie eine Bergquelle. Doch keine Sorge, ich habe ein Geheimwaffe in meinem Reisegepäck – Klosterfrau Melissengeist! Ein Schluck von diesem magischen Elixier und morgen wird alles wieder in Ordnung sein.

Essen – immer wieder geht es ums Essen. (…)

Mein Frühstück hier in Sines ist klassisch portugiesisch. Ich bestelle mir ein Glas Galaô, das ist ein Milch-Kaffee, so süß und köstlich wie der Kuss einer portugiesischen Schönheit. Dazu gibt es zwei Pasteis de Nata, diese kleinen Puddingtörtchen, die hier überall zu finden sind. Ich sitze mitten in einem Café, umgeben von laut schnatternden Menschen, die zur Arbeit müssen und denke leise: „Das gefällt mir!“

Nachmittags geht es weiter an die Steilküste nach Porto Covo. Ich kann es kaum erwarten diese atemberaubende Landschaft zu erkunden. Und wer weiß, vielleicht begegne ich auf meinem Weg einem echten portugiesischen Cowboy, der auf einem Esel reitet und Gitarre spielt. Ach, das Leben hier in Portugal ist wirklich ein Abenteuer!
Ich bin nun schon eine Woche unterwegs, und man könnte meinen, ich sei ein Fisch im Netz der Geheimtipps. Wer Tipps bekommt, hat ja schon fast gewonnen, und – in der Tat – ich hatte das Glück, ein paar dieser Kostbarkeiten vom Vermieter meiner Wohnung zu ergattern. Heute zum Beispiel sagte er, ich solle unbedingt mittags im Hafen in einem speziellen Fischrestaurant speisen. Gesagt, getan. Gegen 12 Uhr schlendere ich also am Laden vorbei. Was sehe ich? Niemand drin, kein Kellner, keine Gäste, nur leere Stühle und Tische. Na ja, denke ich mir, dann geht’s eben weiter. Die alten Boote unten am Hafen winken mir mit ihren bunten Farben zu, als wollten sie sagen: „Komm her, wir haben auch Spaß ohne Fisch!“

Kaum 10 Minuten später, als ich schon fast vergessen hatte, dass ich überhaupt essen wollte, ist der Laden plötzlich rappelvoll. Als hätte jemand einen Zauberspruch ausgesprochen. Schnell reihe ich mich dann doch noch in die Schlange der Hungrigen vor den ausgestellten Fischen ein. Bevor man überhaupt Platz nimmt, muss man seine gewünschten Fische auswählen, diese werden kunstfertig gewogen und landen dann auf einem Blechteller, der so aussieht, als könnte er auch als Schutzschild in einem Mittelalterfilm dienen. Dann geht’s ab an den Tisch. Natürlich bekomme ich einen Platz an einem Tisch, der so klein ist, dass selbst eine Katze Schwierigkeiten hätte, sich darauf niederzulassen. Die Bedienung stellt Brot, Oliven und einen Pulpo-Salat auf den Tisch, wünscht einen guten Appetit und serviert dann auch noch herrlichen Vino Verde und eiskaltes Wasser. Das nenne ich mal Service!

Und dann beginnt das Warten. Der alte Mann am Grill gibt alles. Eingeklemmte Sardinen, Doraden, Steinbeißer, Schollen, Tintenfisch und Meeraal – die Liste der zu genießenden Fische ist länger als die Zutatenliste eines komplizierten Cocktails. Der Duft von gegrilltem Fisch zieht durch den Raum und lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Endlich kommt mein Essen. Dorade mit Salat und Kartoffeln. Ein Gedicht auf dem Teller, ein Gemälde auf der Zunge. Wahnsinn! Zwischendurch kommt der Chef höchstpersönlich vorbei und legt jedem, der möchte, noch ein paar gegrillte Sardinen auf den Teller. Ich sage euch, mein Mund flattert wie die Flügel eines Vogels, der gerade einen Schwarm Mücken entdeckt hat.

Mein Geheimtipp: Wenn euch jemand einen Geheimtipp gibt, lasst ihn nicht einfach liegen, so wie ich fast dieses großartige Fischrestaurant liegengelassen hätte. Denn man weiß nie, welche kulinarischen Abenteuer auf einen warten.

Der Fischerweg. Die Küste. Der Strand. Das Meer. Die Menschen. Es ist einfach unglaublich schön! Aber hier ist es so heiß, dass ich fast schmelze. Wir reden mittlerweile von fast 40 Grad hier am Strand – wenn es denn bloß Schatten gäbe!

Jedenfalls, den Fischerweg entlangzuspazieren ist wie eine Reise in eine andere Welt. Die Küste und der Strand scheinen nie zu enden. Das Meer, das sich vor mir ausdehnt, ist so blau, dass es fast schmerzt, in seine Tiefen zu blicken. Ich frage mich, ob die Portugiesen eine geheime Formel für dieses atemberaubende Blau haben.

Während ich hier stehe, von den Wellen umspielt und von der Sonne geküsst, kann ich nicht anders, als zu lächeln. Portugal hat mein Herz erobert, und ich kann es kaum erwarten, mehr von diesem wunderbaren Land zu entdecken. Aber jetzt werde ich mich erst einmal in den Schatten begeben, bevor ich hier wirklich schmelze wie ein Eis in der Mittagssonne. Bis bald, aus dem sonnigen Portugal!

Ach ja, einen portugiesischen Cowboy habe ich leider nicht getroffen.

38 °

Sines! Hier stehe ich, am Anfang des sagenumwobenen Fischerweges, in einer dieser kleinen Küstenstädte, die einerseits verschlafen und andererseits ein bisschen hip sind. Hier findet man keine Horden von Neckermann-Touristen, nein, hier sind es eher die Abenteurer, die sich normalerweise in den Tiefen Goas in Indien verstecken. Und mitten drin stehe ich, in meiner vollen Reiseglory. Die Temperatur? Achtunddreißig Grad Celsius. Im Schatten. Die Menschen, die hier wohnen, können es kaum fassen, dass der Oktober soviel Temperatur hergibt. Sie schütteln den Kopf und sind gleichzeitig in Sorge. Sie freuen sich zwar für mich, sehnen sich aber nach erträglichen Temperaturen, so um die 19 Grad.

Für die nächsten vier Tage habe ich mir ein echtes Stück Portugal gegönnt – eine Wohnung in einem Wohnblock, nur etwa 200 Meter vom Meer entfernt. Um mich herum pulsiert das „normale“ Leben: Kinderlachen, Hundegebell, Besucherströme, der Aufzug, der so seltsam ruckelt, und Parkplätze, die scheinbar in einer anderen Dimension existieren. In der Wohnung gibt’s alles, was das Herz begehrt: Waschmaschine, Kühlschrank, kalte Getränke und eine Wäscheleine, die stolz an der Außenmauer des Hauses prangt. Es ist ein kleines Stück vom Alltag, und ich liebe es.

Mann, oh Mann, ich habe den ganzen Tag auf der Straße verbracht, und jetzt dreht sich alles um eins: Essen. Aber nicht irgendein Essen – ich will Fisch! Und zwar so authentisch wie es nur geht, in bester portugiesischer Manier. Der Abend bricht herein, und ich mache mich auf den Weg in die Stadt. Die Restaurants rufen, und ich habe einen heißen Tipp vom Vermieter meiner portugiesischen Homebase bekommen. Dort will ich hin. Und was soll ich sagen?

Es ist authentisch. Es ist verdammt gut. Ich bin glücklich. Ja, Leute, ich bin mitten in Portugal.

Nach dem Essen, das mir die Geschmacksknospen vor Freude tanzen lässt, schnappe ich mir meine Kamera und mache mich auf die Jagd nach ein paar Sonnenuntergangsfotos. Manche Städte sehen am Abend einfach besser aus als tagsüber. Das ist echt der Wahnsinn.

Sines, du hast mich in deinem Bann, und ich kann es kaum erwarten, was die nächsten Tage hier für mich bereithalten. Aber eins ist sicher: Es wird verdammt lecker!