Bilbao in Sicht

Die Sonne strahlt am Himmel, und die Stadt von gestern spielt heute keine Rolle mehr. Ich verlasse sie ohne Frühstück. Die örtlichen Geschäfte haben für Frühaufsteher nichts Essbares anzubieten. Die Spanier scheinen ihren Tag wahrscheinlich erst gegen 10 Uhr zu beginnen, während ich bereits um 9 Uhr auf den Beinen bin. Die spinnen, die Spanier.

Wozu Raststätten gut sind. (…)

Mal wieder halte ich an einer Raststätte für Fernfahrer. Diese Leute sind ständig unterwegs und haben immer Hunger. Sie akzeptieren schlicht und einfach kein schlechtes Essen und Trinken. Soweit meine Theorie. Also entscheide ich mich für einen Stopp in der Nähe der Straße und für ein belegtes Sandwich mit einem Milchkaffee. Was sonst?


Immer wieder: Buchten erkunden und, wenn sie schön sind, Fotos machen. Ich habe zahlreiche Buchten angefahren, die Sonne schien mal von der einen, mal von der anderen Seite. Doch nur bei einem absoluten Postkartenidyll habe ich die Kamera gezückt. In den letzten Tagen wurde ich wirklich verwöhnt.

Das Ziel meines heutigen Tages ist Bilbao und das Guggenheim Museum. Sowohl von außen als auch von innen.

Das Museum. (…)

Die Architektur dieses Gebäudes ist schlichtweg unfassbar und hat Zeitgeschichte geschrieben. Wer kennt nicht den berühmten Bilbao-Effekt? Alles, weil ein mutiger Architekt und die Stadtoberen gemeinsame Sache gemacht haben. Die Sonne spielt mit dem metallischen Kunstwerk, Licht und Schatten erschaffen neue Dimensionen. Ich stehe da und bin sprachlos. Natürlich mache ich Fotos. Wie könnte ich nicht?


Nach diesem überwältigenden Erlebnis gönne ich mir ein Eis und setze dann meine Fahrt fort, diesmal in die Berge. Dort plane ich zu übernachten und habe bereits einen Tisch im Restaurant reserviert. Wahrscheinlich wird es gar nicht notwendig sein, aber da ich mittlerweile in Frankreich bin, bin ich lieber auf der sicheren Seite.
Vorher habe ich noch im hiesigen Geschäft eine hiesige Tomate gekauft, in Scheiben geschnitten und mit eingelegten Knoblauchzehen zu einer prima Vorspeise verarbeitet. Die Tomate hat geschmeckt. Nach Sonne, Meer und … Tomate eben. Und das ist es, was ich lange schon nicht mehr geschmeckt hatte. T O M A T E. Sonst nix. Geil.

Ich befand mich gerade im Zuhause von Gott höchstpersönlich. Es war Abendmahl-Zeit in einem kleinen französischen Restaurant, und ich sage euch, es war göttlich.

Essen auf hohem Niveau. (…)

Keinerlei Abzocke für Touristen. Ganz im Gegenteil. Für volle zwei Stunden wurde ich von einer aufmerksamen Kellnerin, einem fürsorglichen Koch und einem noch aufmerksameren Patron umsorgt.
Zu Beginn des Abendmahls ein Gruß aus der Küche: ein Glas mit kalter Suppe. Es hat geschmeckt, das ist mal klar, leider kann ich es nicht wirklich beschreiben, viel zu schnell ist der Inhalt verschwunden, nach nur wenigen Löffeln.
Dann kamen die Vorspeisen. Da war geräucherter Lachs mit gehobeltem Parmesan und Anchovis in einer Soße wie Samt und Seide, gefolgt von fermentiertem Fisch in einer fruchtigen Ceviche und schließlich gegrillter Lauch mit Speck und Croutons. Ein wahrer Tanz der Aromen auf meiner Zunge!
Als Hauptspeise wurde mir Thunfisch mit Kürbis vom Grill serviert – ein echter Gaumenschmaus. Doch der Höhepunkt kam erst noch: die Nachspeise. Himbeer-Sorbet mit Senfkörnern und gefüllten Himbeeren. Ich schwöre, das war ein himmlischer Genuss, der meine Geschmacksknospen erst in Erstaunen, dann in Ekstase versetzte. Die scharfen Senfkörner und das säuerliche Himbeere-Sorbet tanzten Samba mit mir. Leider nicht die ganze Nacht.

Natürlich durften Wasser und eine Flasche Chardonnay aus dem Baskenland als Begleiter nicht fehlen.
Und dann kam dieser eine Moment, als der Restaurantbesitzer zu mir sagte: „Du brauchst keine Angst haben, die paar Meter zum Hotel kannst du fahren, die Polizei hält dich hier nicht an. Und wenn sie dich doch anhalten, dann sage einen Gruß von mir.“ Nun ja, ich bin jetzt im Hotel angekommen, aber wie ich dahin gekommen bin, bleibt mein kleines Geheimnis.


Almuerzo auténtico

Weiter geht’s an die Nordküste Spaniens. Ein kleines Dorf lockt mich mit seinen Restaurants direkt am Hafen. Bei dem Gedanken an frische Muscheln läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

Ein preiswertes Mittagessen. (…)

Doch bevor ich mich in kulinarische Abenteuer stürze, steht eine mehrstündige Autofahrt entlang der atemberaubenden Atlantikküste an. Mittags lande ich schließlich in einem dieser urigen Fernfahrer-Restaurants. Hier sollte ich ein echt authentisches spanisches Mittagessen bekommen. Es ist 11.50 Uhr, und der weiß eingedeckte Speisesaal liegt da wie ausgestorben. Ich frage mich ernsthaft, ob das eine gute Idee war genau hier anzuhalten.

Punkt 12.00 Uhr – ich sitze an einem kleinen Tisch – immer noch ohne Gesellschaft. Dann, um 12.10 Uhr platzt der Laden förmlich aus allen Nähten. Feine Leute, Fernfahrer, Bauarbeiter und Landarbeiter. Alle stürmen an die Tische. Es gibt frisches Brot, dazu eine Flasche Wein und reichlich stilles Wasser. Die Vorspeise kommt auf den Tisch – Paella mit Fisch, Muscheln und Fleisch. Und dann die Hauptspeise – Hackbällchen mit Tomatensoße und seltsamen Pommes frites. Es ist nicht unbedingt ein wahrer Gaumenkarneval, aber all das Getümmel, Gemurmel und fröhliche Miteinander lässt keinerlei Trübsal zu! Was will ich mehr verlangen?

Schließlich beende ich mein Festmahl mit einer Tasse Espresso. Fertig. Das Ganze schlägt mit lächerlichen 12.20 Euro zu Buche. Tschüss, Luxus! Ab sofort wird einfach gegessen.


Und dann erreiche ich diese kleine Stadt am Meer. Mein Zimmer ist ebenfalls direkt am Hafen. Malerisch? Ja, aber irgendwie sieht es aus, als hätte hier seit den 80ern niemand mehr den Staubwedel geschwungen. Fotos von innen? Das erspare ich euch und mir lieber.

Von bunten Bildern und Sonnenlicht. (…)

Alle Restaurants hier haben bunte Bildchen im Schaufenster oder vor dem Laden, um Kunden anzulocken. Das Sonnenlicht hat die Farben schon verändert. Blau fehlt. Rot dominiert. Ach du liebes Lottchen, das hat mir gerade noch gefehlt. Heute Abend gehe ich hungrig ins Bett. Das Mittagessen war ja mehr als ausgiebig. Also, ich sag euch, Leute, heute ist so ein Tag, da könnt‘ man meinen, die Welt hätte beschlossen, sich einen kleinen Scherz auf meine Kosten zu erlauben. Gestern, ja gestern war’s, da hab ich Dinge erlebt, die man kaum für möglich halten könnte. Ein Tag voller Abenteuer und Überraschungen, wie aus einem Buch von Heinz G. Konsalik. Aber heute, nun ja, der heutige Mittwoch ist wie der Montag unter den Tagen.

Ich hab mir sogar eine dieser winzigen Blasen eingefangen. Wisst ihr, diese kleinen Biester, die sich irgendwo an deinen Füßen festsaugen und dich zum Humpeln zwingen? Genau so eine. Ein bisschen wie ein Haifisch, der sich an meinen Zehen festgebissen hat. Das ist wirklich nervig. Und dann diese Stadt hier, die mir eigentlich als charmant und pittoresk angepriesen wurde. Ich finde sie einfach nur winzig und stickig. Als ob sie mich in ihren engen Gassen gefangen hält. Und die Sonne, die gestern noch so strahlend am Himmel prangte, hat sich heute einfach davongemacht. Ach, meine Laune ist heute so düster wie der Boden eines alten Kohlebergwerks. Da hilft wohl tatsächlich nur noch eines: Bier. Zwei oder vielleicht sogar drei. Wenn schon der Tag ein Reinfall ist, dann wenigstens mit einem anständigen Durstlöscher. Und wer weiß, vielleicht schaffen es die Tapas, meine Stimmung ein kleines Stückchen aufzuhellen.

Also, auf in die nächste Tapas-Bar, wo die Biergläser klirren und die Spanier lachen. Vielleicht kann selbst dieser blöde Tag noch zu einem kleinen Abenteuer werden. Man weiß ja nie, was als Nächstes passiert. Und wenn nicht, dann hab ich immerhin noch mein Bier. Cheers!


Heilige Quelle & Läuterung

Schlafen auf dem Campingplatz, vor allem in einem Micro-Camper, bewirkt etwas ganz besonderes, nämlich ein beschlagenes Auto – von innen. Und morgens, wenn die Blase drückt, ist ein Klo in weiter Ferne. Ist es dann erreicht, und man sitzt zufrieden auf dem Thron, wird plötzlich festgestellt, dass das Klopapier mitzubringen war…! Das sind wahre Abenteuer in einem fernen Land.

Reisen ist tödlich für Vorurteile. (…)

Die Reise nach Padron dagegen, verläuft reibungslos, und kurz nach 12 Uhr erreiche ich die Stadt, in der die berühmten Pimentos de Padron erfunden wurden. Hier in dieser Stadt gibt es einen Ort, den ich unbedingt besuchen will – eine Gruppe von zehn Felsen, die an einem bestimmten Platz stehen. Man sagt, dass sich früher die Jakobspilger durch die drei Öffnungen dieser Felsen geschlängelt haben. Diese Löcher tragen die poetischen Namen Hölle, Himmel und Fegefeuer. Und ausgerechnet an dieser Stelle soll dem Apostel Jakobus die Jungfrau Maria erschienen sein, um ihn dazu zu ermutigen, den Glauben zu predigen. Nun ja, er hat es versucht, aber ob er besonders erfolgreich war, darüber lässt sich streiten.

Aber wisst ihr, ich bin nicht nur wegen der Pimentos de Padron hierher gekommen, sondern auch wegen einer heiligen Quelle. Diese Quelle soll nach uralten Überlieferungen ein Ort der Reinigung, Läuterung und Vergebung der Sünden sein. Angeblich befand sich an genau dieser Stelle eine Grotte, in der der Apostel Jakobus sich vor seinen Verfolgern versteckt hielt. Um den Durst einer heidnischen Frau zu stillen, soll er diese Quelle erschaffen haben. Ich habe daraus getrunken. Einen sehr großen Schluck. Man kann ja nie wissen, wann man mal eine Läuterung braucht, und ehrlich gesagt, ich denke, bei mir ist sie längst überfällig.

Mark Twain sagte einst: „Reisen ist tödlich für Vorurteile, Intoleranz und Enge des Geistes.“ In diesem Sinne, meine Freunde, lasst uns weiterreisen und unsere Horizonte erweitern, auch wenn das bedeutet, in einem beschlagenen Auto zu erwachen und nach Klopapier zu suchen.


Schlafen neben dem Friedhof. (…)

Ich wohne für heute in einem fantastischen Gästehaus, das sich auf einem Hügel kurz vor Santiago erhebt. Neben diesem behaglichen Haus thront eine urige Kirche, umgeben von einem Friedhof und einer winzigen Dorfschule. Der Lehrer, der einst im Haus daneben gelebt haben mag, hat sich offensichtlich in eine längere Pause begeben – und ich meine nicht nur eine Kaffeepause. Das Mobiliar und die Einrichtungsgegenstände sind dermaßen verfallen und vergessen, dass er wohl nie wieder dort wohnen wird. Es scheint, als wären hier schon seit Ewigkeiten keine fröhlichen Kinderstimmen mehr ertönt. Ich frage mich, ob die kleinen Racker, die hier einst ihr ABC, ihr Einmaleins lernten und dem Lehrer vermutlich den ein oder anderen Streich spielten, glücklich waren.

Während ich diese Gedanken wälze, kommen mir die vielen Seelen, die auf dem Friedhof zur Ruhe gebettet wurden, in den Sinn. Haben sie ihr Leben genossen, die Höhen und Tiefen, die Santiago und seine Umgebung zu bieten hatten? Oder haben sie hier ihre besten Jahre verbracht und sind mit einem Lächeln auf dem Gesicht in die Ewigkeit eingegangen? Ich hoffe es sehr. Ich hoffe, dass sie, wie ich, die Schönheit dieses Ortes in vollen Zügen genießen konnten und jetzt irgendwo da oben mit einem besseren Blick auf das Geschehen auf Erden schauen.




Das Weihrauchfass fliegt hoch durch die Luft. (…)

Das Highlight meines Tages – die Abendmesse in der majestätischen Kathedrale von Santiago de Compostela. Normalerweise singt eine Nonne die Kirchenlieder, aber an diesem Abend werde ich von einem wunderbaren Tenor überrascht, der mein Herz mit seinem Gesang erobert.

Ein Priester im leuchtend roten Gewand begrüßt die Gäste aus aller Welt. Die Kathedrale ist rappelvoll und die Pilger sind ergriffen und voller Ehrfurcht. Ein älterer Herr in auffallend teurer Kleidung läuft aufgeregt durch das Seitenschiff, gefolgt von einem weiteren Mann und einem Priester. Ein leises Gemurmel erfüllt die Luft, und es scheint, als würden geheime Pläne geschmiedet. Dann nicken sie einander zu, und es herrscht Einverständnis auf allen Seiten. Zufriedene Gesichter zeigen sich.

Am Ende der Messe tauchen plötzlich ältere Männer in dunkelroten Gewändern auf. Sie lassen mit gelangweiltem Gesicht das gigantische Weihrauchfass von der Decke herab. Mit großer Präzision füllen sie es mit einer ansehnlichen Menge Weihrauch und zünden es blitzschnell an. Tausendfach geübte Handgriffe. Dann ziehen sie das Fass wieder hoch und lassen es durch die Luft schwingen, das Seil mit knotigen Enden fest in ihren Händen. Ich bin erstaunt, dieses Spektakel ist sonst nur an hohen kirchlichen Feiertagen oder gegen eine erkleckliche Geldspende zu sehen. Es ist, als ob der Himmel selbst sich öffnet, als das Fass durch die Luft fliegt. Weihrauchnebel durchdringt die letzten Winkel der Kathedrale, und der alte Mann im hinteren Teil der Kirche kann vor Freude kaum stillstehen. Er hüpft von einem Bein auf das andere und klopft seinem Begleiter auf die Schulter. Ich glaube, er ist der großzügige Spender, der dafür gesorgt hat, dass dieses erhebende Ereignis stattfinden konnte.



Gute Nacht. (…)

Doch bevor ich allzu melancholisch werde, geht mir durch den Kopf, dass ich nicht nur zum Nachdenken hierher gekommen bin, sondern auch, um die Reise fortzusetzen. Also werde ich mich nach einer erholsamen Nacht und einem herzhaften Frühstück wieder auf den Weg machen. So ist das eben mit Reisenden wie mir – immer auf der Suche nach neuen Abenteuern und Geschichten, die das Leben schreibt. Und wer weiß, vielleicht finde ich auf meinem Weg noch mehr verlassene Lehrerhäuser und vergessene Friedhöfe, die darauf warten, von einem neugierigen Reisenden erkundet zu werden. Bis dahin, Santiago, mach’s gut, und danke für die Gastfreundschaft!


Im Zickzack durch Portugal

Heute geht es nach Fatima.
Als ich vor einigen Jahren den Jakobsweg nach Santiago pilgerte, sah ich nicht nur die gelben Jakobsweg-Pfeile, sondern auch die blauen Pfeile, die entgegengesetzt meines Weges, nach Fatima wiesen. Damals wusste ich nicht viel von Fatima, es hat mich allerdings sehr fasziniert. Da ich jetzt mit dem Auto unterwegs bin, ist ein kleiner Umweg kein Problem. Schließlich gibt es in Fatima die viertgrößte katholische Versammlungshalle der Welt.

Fatima vs. Santiago de Compostela. (…)

Das Fatima, das ich dann erlebe, ist sozusagen der Ying zum Yang von Santiago de Compostela. Ein Ort, der so trist ist, dass er einem geradezu den Atem raubt. Die Bewohner dieser Stadt wirken, als hätten sie das Ende des Saison-Marathons gerade eben so erreicht. Sogar die Souvenirverkäufer haben aufgegeben – ja, ihr habt richtig gehört, die Souvenirverkäufer! Die halten ihre Hände still und warten darauf, dass ein Wunder geschieht. Vielleicht sollten sie darauf hoffen, dass ich in ihren Laden stolpere und sich ihr trauriges Schicksal wendet.

Die Restaurants in dieser Stadt haben nicht nur Speisekarten, nein, sie haben Speisekarten mit Bildern vom Essen! Das ist mein persönliches Alarmzeichen Nummer eins, wenn ich auf Reisen bin. Wenn ein Restaurant seine Gerichte auf Bildchen präsentiert, dann ist das so, als ob es mit leuchtenden Neonbuchstaben schreien würde: „Hier gibt es Essen, das so schlecht ist, dass wir es nur in Bildform zeigen können, damit ihr nicht sofort das Weite sucht!“
Ich schaue genau hin und entdecke Prunk, graue Flächen, Kälte und eine erschreckende Ausdruckslosigkeit. Die kleine Kapelle, die einst für die Kinder errichtet wurde, geht fast unter der „Beton-Pracht“ verloren. Die Menschen wirken weniger ergriffen als vielmehr beeindruckt von der Größe und Macht der Kirche. Ich hingegen fühle mich eher abgestoßen von all dem Rummel hier.
Mein Fazit: Schnell weg von diesem Ort!
Also auf nach Porto, zu einem kleinen Campingplatz am Meer. Ein letzter freier Platz erwartet mich dort, inmitten einer Armada von Campern. Ein eigenartiges Volk, diese Camper. Mein Mini-Camper wird belächelt, wenn auch heimlich. Ich bemerke die verstohlenen Seitenblicke und vorgehaltenen Hände der anderen. Doch das kümmert mich herzlich wenig.

Am Ende eines solch enttäuschenden Tages wird dann das Essen zu einem Highlight. Ich kenne bereits ein Restaurant hier, aber dann kommt die Ernüchterung: Montagabends haben die Restaurants geschlossen. Alle bis auf eines. Dieses eine hat zwar eine Karte, bietet jedoch nur Sardinen oder Wolfsbarsch vom Grill an. Dazu gibt es Salat mit gekochten Kartoffeln. Nicht gerade eine kulinarische Offenbarung, aber was soll’s? Ich bestelle und siehe da – es schmeckt! Es sieht gut aus und vertreibt meine Verzweiflung.


Morgen werde ich meine Reise nach Santiago de Compostela fortsetzen, aber zunächst führt mich der Weg durch die wunderbare kleine Stadt Padron, wo die berühmten Pimentes de Padron herkommen. Mal sehen, was diese Etappe bringt!

Ich wär so gern ein Hippie

Ich stehe an diesem traumhaften Strand und denke: „Ich wäre so gerne ein Hippie!“ Die Surfer, die sich am Ufer tummeln, haben diesen entspannten, braungebrannten Look, der einfach fantastisch ist. Schlank und lässig, in ihren ausgeblichenen Klamotten und mit den wilden Haaren, scheinen sie immer in bester Laune zu sein. Frieden und Glückseligkeit strahlen sie aus, und es gibt so gut wie keine Hektik oder Vorurteile.

Zukunftsgedanken. (…)

Aber mal ehrlich, wie sieht das wohl in der Zukunft aus? Irgendwann werden sie alle Strände in- und auswendig kennen – die Surferparadiese sich vielleicht sogar vom Geheimtipp hin zum Neckermann-Strand für Jedermann verwandeln. Was ist dann mit den wunderbaren Surfern? Bekommen sie einen dicken Bauch? Werden sie gemütlich? Werden sie sich langweilen und vom Burnout sprechen, wie ein ausgebrannter Arbeiter am Fließband? Ich hoffe nicht.

Hier am Fishermen’s Trail bin ich im Moment ziemlich zufrieden – abgesehen von diesem tükischen Sand. Bei jedem Schritt versinken meine Füße tief in ihm, anstatt mich voranzubringen. Oh, wie mühsam das Gehen ist! Doch die Aussicht auf das Meer, die Klippen, die üppige Vegetation und die Angler, die sich mutig an den Klippenkanten aufhalten, entschädigen für alles. Sie sind so nah am Abgrund, dass man ihnen am liebsten zurufen möchte: „Geh da weg, du wirst noch runterfallen!“

Ach, mein lieber Leser, erlaube mir, weiter von jenem sonnendurchfluteten Tag am portugiesischen Strand zu berichten. Nach einem ausgiebigen Bad im kalten Atlantik sitze ich auf einem dieser wunderbar warmen Felsen am Ufer und tauche nun nicht mehr in den Fluten, sondern in den Tiefen des Denkens. Ich grüble darüber, ob Freiheit der Schlüssel zu einem wahrhaft erfüllten Leben sein könnte, vorausgesetzt, wir sehnen uns überhaupt danach. Die Sonne, der Wind und das rhythmische Rauschen der Wellen begleiten mich freundlicherweise auf dem Weg durch die Gedankenwelt. Es ist, als würden die Elemente selbst mich umhüllen und inspirieren weiter und weiter zu denken. Doch plötzlich – mitten im Denken – überfällt mich eine große Melancholie.

Über Melancholie. (…)

Melancholie erkenne ich daran, das sich eine eigenartige Mischung aus Wehmut und Sehnsucht in den stillen Momenten meines Lebens einschleicht. Sie kann mich packen, wenn ich am Fenster sitze und in die Ferne schaue, wenn ich über vergangene Zeiten nachdenke oder darüber, was noch vor mir liegt. Und hier, an diesem wunderschönen portugiesischen Strand, hat es mich wieder einmal erwischt. Doch die Melancholie hat auch eine Schwester namens Eudaimonia. So hat mir einmal ein alter Mann erzählt. Eudaimonia ist das wohlklingende griechische Wort für ein positives Lebensgefühl, das Streben nach Glück und Wohlbefinden. Und hier am Strand von Portugal, zwischen Melancholie und Eudaimonia, erkenne ich endlich den tiefen Zusammenhang. Während ich den warmen Fels unter meinen Füßen spüre und die salzige Luft in meiner Nase, wird mir klar, dass diese Melancholie, die mich ergreift, nicht von Traurigkeit, sondern von einer Art Sehnsucht nach Freiheit getragen wird. Ich sehne mich danach, dem Alltag zu entfliehen, den Fesseln der Verpflichtungen zu entkommen und einfach dem Rhythmus des Meeres zu folgen. Freiheit ist für mich mehr als nur das Fehlen von Ketten; sie ist die Fähigkeit, das Leben nach meinen eigenen Regeln zu gestalten, im Einklang mit den Wellen des Schicksals zu tanzen und die Melodie des Augenblicks zu genießen. Und genau das finde ich hier in Portugal. Die Sonne steht mittlerweile tief am Horizont, und die Farben des Abendhimmels beginnen sich zu verändern. In diesem Moment begreife ich – in aller Tiefe – wie flüchtig das Leben ist. Diese Flüchtigkeit treibt mich an, nach meiner ganz eigenen Eudaimonia zu suchen, nach dem Glück, das tief in meiner Seele verborgen liegt.
Es ist mir nun klar, dass in den leisen, nachdenklichen Momenten des Lebens eine Einladung zur Freiheit und zum Glück verborgen ist. Und ist die wahre Freiheit und das Glück nicht das, was in den kleinen, alltäglichen Freuden des Lebens zu finden ist? In einem guten Gespräch, einem herzlichen Lachen, dem Klang der Wellen und dem sanften Kuss der Sonne auf meiner Haut?

Auf der Hitzewelle surfen…

Es ist wirklich warm hier in Portugal. Die Hitzewelle schlägt im September und Oktober über Frankreich, Spanien und Portugal zusammen. Schon morgens um 8 Uhr brennt die Sonne so heiß, dass es über 20 Grad Celsius sind – und das ist über null, versteht sich. Ich schwöre, selbst die Hühner hier haben sicherheitshalber einen Sonnenhut aufgesetzt.

Ich werde träge von dieser Hitze. Ein kleiner Schnupfen hat sich zudem bemerkbar gemacht, und den verdanke ich der Klimaanlage im letzten Hotel. Ich hätte sie nachts ausschalten sollen, aber ach, ich habe es versäumt. Jetzt läuft meine Nase, als wäre sie eine Bergquelle. Doch keine Sorge, ich habe ein Geheimwaffe in meinem Reisegepäck – Klosterfrau Melissengeist! Ein Schluck von diesem magischen Elixier und morgen wird alles wieder in Ordnung sein.

Essen – immer wieder geht es ums Essen. (…)

Mein Frühstück hier in Sines ist klassisch portugiesisch. Ich bestelle mir ein Glas Galaô, das ist ein Milch-Kaffee, so süß und köstlich wie der Kuss einer portugiesischen Schönheit. Dazu gibt es zwei Pasteis de Nata, diese kleinen Puddingtörtchen, die hier überall zu finden sind. Ich sitze mitten in einem Café, umgeben von laut schnatternden Menschen, die zur Arbeit müssen und denke leise: „Das gefällt mir!“

Nachmittags geht es weiter an die Steilküste nach Porto Covo. Ich kann es kaum erwarten diese atemberaubende Landschaft zu erkunden. Und wer weiß, vielleicht begegne ich auf meinem Weg einem echten portugiesischen Cowboy, der auf einem Esel reitet und Gitarre spielt. Ach, das Leben hier in Portugal ist wirklich ein Abenteuer!
Ich bin nun schon eine Woche unterwegs, und man könnte meinen, ich sei ein Fisch im Netz der Geheimtipps. Wer Tipps bekommt, hat ja schon fast gewonnen, und – in der Tat – ich hatte das Glück, ein paar dieser Kostbarkeiten vom Vermieter meiner Wohnung zu ergattern. Heute zum Beispiel sagte er, ich solle unbedingt mittags im Hafen in einem speziellen Fischrestaurant speisen. Gesagt, getan. Gegen 12 Uhr schlendere ich also am Laden vorbei. Was sehe ich? Niemand drin, kein Kellner, keine Gäste, nur leere Stühle und Tische. Na ja, denke ich mir, dann geht’s eben weiter. Die alten Boote unten am Hafen winken mir mit ihren bunten Farben zu, als wollten sie sagen: „Komm her, wir haben auch Spaß ohne Fisch!“

Kaum 10 Minuten später, als ich schon fast vergessen hatte, dass ich überhaupt essen wollte, ist der Laden plötzlich rappelvoll. Als hätte jemand einen Zauberspruch ausgesprochen. Schnell reihe ich mich dann doch noch in die Schlange der Hungrigen vor den ausgestellten Fischen ein. Bevor man überhaupt Platz nimmt, muss man seine gewünschten Fische auswählen, diese werden kunstfertig gewogen und landen dann auf einem Blechteller, der so aussieht, als könnte er auch als Schutzschild in einem Mittelalterfilm dienen. Dann geht’s ab an den Tisch. Natürlich bekomme ich einen Platz an einem Tisch, der so klein ist, dass selbst eine Katze Schwierigkeiten hätte, sich darauf niederzulassen. Die Bedienung stellt Brot, Oliven und einen Pulpo-Salat auf den Tisch, wünscht einen guten Appetit und serviert dann auch noch herrlichen Vino Verde und eiskaltes Wasser. Das nenne ich mal Service!

Und dann beginnt das Warten. Der alte Mann am Grill gibt alles. Eingeklemmte Sardinen, Doraden, Steinbeißer, Schollen, Tintenfisch und Meeraal – die Liste der zu genießenden Fische ist länger als die Zutatenliste eines komplizierten Cocktails. Der Duft von gegrilltem Fisch zieht durch den Raum und lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Endlich kommt mein Essen. Dorade mit Salat und Kartoffeln. Ein Gedicht auf dem Teller, ein Gemälde auf der Zunge. Wahnsinn! Zwischendurch kommt der Chef höchstpersönlich vorbei und legt jedem, der möchte, noch ein paar gegrillte Sardinen auf den Teller. Ich sage euch, mein Mund flattert wie die Flügel eines Vogels, der gerade einen Schwarm Mücken entdeckt hat.

Mein Geheimtipp: Wenn euch jemand einen Geheimtipp gibt, lasst ihn nicht einfach liegen, so wie ich fast dieses großartige Fischrestaurant liegengelassen hätte. Denn man weiß nie, welche kulinarischen Abenteuer auf einen warten.

Der Fischerweg. Die Küste. Der Strand. Das Meer. Die Menschen. Es ist einfach unglaublich schön! Aber hier ist es so heiß, dass ich fast schmelze. Wir reden mittlerweile von fast 40 Grad hier am Strand – wenn es denn bloß Schatten gäbe!

Jedenfalls, den Fischerweg entlangzuspazieren ist wie eine Reise in eine andere Welt. Die Küste und der Strand scheinen nie zu enden. Das Meer, das sich vor mir ausdehnt, ist so blau, dass es fast schmerzt, in seine Tiefen zu blicken. Ich frage mich, ob die Portugiesen eine geheime Formel für dieses atemberaubende Blau haben.

Während ich hier stehe, von den Wellen umspielt und von der Sonne geküsst, kann ich nicht anders, als zu lächeln. Portugal hat mein Herz erobert, und ich kann es kaum erwarten, mehr von diesem wunderbaren Land zu entdecken. Aber jetzt werde ich mich erst einmal in den Schatten begeben, bevor ich hier wirklich schmelze wie ein Eis in der Mittagssonne. Bis bald, aus dem sonnigen Portugal!

Ach ja, einen portugiesischen Cowboy habe ich leider nicht getroffen.

38 °

Sines! Hier stehe ich, am Anfang des sagenumwobenen Fischerweges, in einer dieser kleinen Küstenstädte, die einerseits verschlafen und andererseits ein bisschen hip sind. Hier findet man keine Horden von Neckermann-Touristen, nein, hier sind es eher die Abenteurer, die sich normalerweise in den Tiefen Goas in Indien verstecken. Und mitten drin stehe ich, in meiner vollen Reiseglory. Die Temperatur? Achtunddreißig Grad Celsius. Im Schatten. Die Menschen, die hier wohnen, können es kaum fassen, dass der Oktober soviel Temperatur hergibt. Sie schütteln den Kopf und sind gleichzeitig in Sorge. Sie freuen sich zwar für mich, sehnen sich aber nach erträglichen Temperaturen, so um die 19 Grad.

Für die nächsten vier Tage habe ich mir ein echtes Stück Portugal gegönnt – eine Wohnung in einem Wohnblock, nur etwa 200 Meter vom Meer entfernt. Um mich herum pulsiert das „normale“ Leben: Kinderlachen, Hundegebell, Besucherströme, der Aufzug, der so seltsam ruckelt, und Parkplätze, die scheinbar in einer anderen Dimension existieren. In der Wohnung gibt’s alles, was das Herz begehrt: Waschmaschine, Kühlschrank, kalte Getränke und eine Wäscheleine, die stolz an der Außenmauer des Hauses prangt. Es ist ein kleines Stück vom Alltag, und ich liebe es.

Mann, oh Mann, ich habe den ganzen Tag auf der Straße verbracht, und jetzt dreht sich alles um eins: Essen. Aber nicht irgendein Essen – ich will Fisch! Und zwar so authentisch wie es nur geht, in bester portugiesischer Manier. Der Abend bricht herein, und ich mache mich auf den Weg in die Stadt. Die Restaurants rufen, und ich habe einen heißen Tipp vom Vermieter meiner portugiesischen Homebase bekommen. Dort will ich hin. Und was soll ich sagen?

Es ist authentisch. Es ist verdammt gut. Ich bin glücklich. Ja, Leute, ich bin mitten in Portugal.

Nach dem Essen, das mir die Geschmacksknospen vor Freude tanzen lässt, schnappe ich mir meine Kamera und mache mich auf die Jagd nach ein paar Sonnenuntergangsfotos. Manche Städte sehen am Abend einfach besser aus als tagsüber. Das ist echt der Wahnsinn.

Sines, du hast mich in deinem Bann, und ich kann es kaum erwarten, was die nächsten Tage hier für mich bereithalten. Aber eins ist sicher: Es wird verdammt lecker!

Im Land der kleinen Leute mit den großen Herzen

Es ist, als ob die Zeit in Portugal langsamer vergeht als anderswo. Die Uhren ticken gemächlich, und die Welt dreht sich im Rhythmus der portugiesischen Gelassenheit. Eine erste Pause ist fällig, und ich beschließe, irgendwo in Portugal, eine örtliche Bar zu erkunden. Das Haus mit dem auffälligen Reklameschild sieht aus, als hätte es die besten Tage hinter sich. Aber hier sehe ich viele Menschen sitzen. Ich habe einen Platz im Schatten und bestelle einen Portwein, der nur 60 Cent kostet. Was für ein Schnäppchen! Der Kaffee schlägt dann schon mit einem satten Euro zu Buche. Wie geht das, frage ich mich?

Der Inhaber, ein Mann von Charakter, Charme und großen Gesten, betrachtet mich mit einem breiten Lächeln. Ich wage die Frage nach dem Essen des Tages. Er zeigt auf den Raum zwischen seinen Beinen. Ich starre ungläubig. Doch bevor ich in Panik geraten kann, bricht er in herzhaftes Gelächter aus. „Kuh und Milch“, nuschelt er und rät, das „typisch galizische Essen“ lieber auszulassen. Ich folge seinem Rat und blicke stattdessen auf die Tische der Einheimischen, wo ich etwas entdecke, das wie Bohnen mit Kutteln in einem tiefen Teller aussieht. Es wäre einen Versuch wert, denke ich, doch am Ende siegt die Feigheit, und ich wage mich nicht daran.

Die Portugiesen. (…)

Die Menschen hier sind so lebendig, warmherzig und freundlich wie in kaum einem anderen Land. Im Gegensatz zu den Franzosen und Spaniern gehen die Portugiesen nicht automatisch davon aus, dass ich ihre Sprache mit all den Zischlauten sprechen könnte. Aus diesem Grund beherrschen fast alle Englisch oder sogar Deutsch. Was mir auch noch auffällt: Die Bevölkerung auf dem Land scheint im Allgemeinen etwas kleiner zu sein, als bei uns in Deutschland. Auf einmal bin ich mit meinen 1.75 m fast schon ein Gigant.

Heute ist Pause in Coimbra angesagt. Ein Bad im Pool und später am Abend steht Fado auf dem Programm. Die Dame an der Rezeption war so freundlich und hat mir einen Platz im „Fado ao Centro“ reserviert. Es ist ein kulturelles Musikzentrum in der Altstadt von Coimbra. Fast täglich finden hier sehens- und vor allem hörenswerte Veranstaltungen statt. Im Fado ao Centro sollen nur die besten Fado-Sänger Portugals auftreten, eine Einladung hierher ist eine große Ehre für einen Künstler. Ich bin mal gespannt, was mich erwartet.

Und dann ist da dieses Hotel, meine Freunde, vier Sterne und so viel Luxus, dass es mich beinahe umhaut. Ein Pool, eine Sauna, ein Fitnessstudio, Parken in der Tiefgarage und Frühstück am nächsten Morgen. Das wird mir guttun. Ich klopfe mir auf die Schulter und denke, dass es eine kluge Entscheidung war, nicht nach Sevilla zu fahren.
Ich lasse mich nun von der portugiesischen Gelassenheit einlullen und halte die Augen offen für weitere Abenteuer im Land der kleinen Leute mit den großen Herzen!


Es ist einer dieser Tage, die man wohl nie vergessen wird. Der Fado-Abend, der um 19 Uhr beginnen sollte, lag vor mir wie ein verheißungsvoller Schatz. Ich fand mich in einem Zustand der Gelassenheit wieder, der fast schon träge war. „Mehr Zeit als genug“, dachte ich mir, und vertrödelte den restlichen Tag.

Zu früh gekommen. (…)

Doch dann, just in dem Moment, als ich mich entscheide, aufzubrechen, trifft mich der Feierabendverkehr wie eine Keule. Stau, soweit das Auge reicht, und die falsche Abfahrt erwische ich natürlich auch. Die Kontrolle über die Navigation entgleitet mir, als das Handy dazwischenklingelt. Die Zeit rennt gegen mich an, als ob sie mit gestreckten Beinen auf einem Sprintwettbewerb um die Ecke biegen würde. In aller Not suche ich einen Ausweichparkplatz – verdammt, jetzt muss ich fast zwei Kilometer zu Fuß zurücklegen.

Um 19:01 Uhr stehe ich endlich atemlos vor dem Gebäude, in dem der Fado-Abend stattfindet. Die Dame am Eingang schaut mich prüfend an und fragt, ob ich eine Reservierung hätte. „Hab ich“, rufe ich keuchend, „vom Hotel.“ Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. „Ach“, sagt sie, „dann sind Sie wohl zu früh. Die Vorstellung beginnt erst um 19 Uhr.“ Ich starre sie mit fragendem Blick an, und sie erklärt mit einem Lächeln: „In Portugal ist es eine Stunde später als in Spanien. Sie müssen noch warten.“

Und so sitze ich da, wie ein verirrter Reisender in einer Zeitzone, die ich nicht bedacht hatte. Doch es hat sich gelohnt, das Warten. Der Fado-Abend entpuppt sich Lied für Lied als eine Reise in die Seele der portugiesischen Musik, die mich tief berührt.


Aber nicht nur der Fado ist ein Höhepunkt meiner Reise. Auch Coimbra hat so einiges zu bieten. Diese alte Stadt, erfüllt von lebensfrohen Studenten, fühlt sich an wie ein lebendiges Weltkulturerbe. Die friedliche Stimmung, gepaart mit dem fröhlichen Lärm der jungen Menschen, macht den Aufenthalt hier zu einem unvergesslichen Erlebnis. Coimbra hat sich gelohnt, und ich kann nur lächeln, während ich durch die kopfsteingepflasterten Gassen schlendere und mich von der Lebendigkeit dieser Stadt verzaubern lasse.

Der fünfte Tag.

Nach dem Frühstück mache ich mich auf zu einem Morgenspaziergang. Obwohl, eigentlich handelt es sich eher um eine morgendliche Wanderung. Warum? Weil heute fabelhafte Höhlen aus grauer Vorzeit auf mich warten. Steinzeitmenschen sollen ihre kreativen Ideen an den Wänden hinterlassen haben – in Form von prähistorischem Graffiti.
Eine holprige Fahrt durch die Schluchten erwartet mein Auto – es darf mit. Schließlich soll diese Reise nicht nur mir zugutekommen, sondern auch meinem fahrbaren Untersatz. Ein Beweisfoto mit dem Auto und den majestätischen Bergen im Hintergrund ist ein Muss, schließlich müssen auch Autos mal angeben. Nach einer Weile jedoch verhindern dicke Steine die Weiterfahrt, schnell ein Foto und ich setze meine Reise zu Fuß fort. Kurve für Kurve nähere ich mich der angekündigten Höhle. Und weiter geht’s, immer weiter… hinter jeder Biegung glaube ich, endlich die Graffitis zu finden. Aber nein, es ist immer nur die nächste Biegung, die mich hoffen lässt. Nach der nächsten… immer noch nichts. Ich bin schon seit einer gefühlten Ewigkeit unterwegs. Und denke daran, dass ich dieselbe Strecke auch wieder zurück muss. Rückweg. Dann plötzlich eine Höhle, ich muss sie auf dem Hinweg übersehen haben. Kurz entschlossen krieche ich hinein. Sehe nichts. Eine Taschenlampe habe ich natürlich nicht dabei. Ich bin schließlich kein Höhlenforscher. Mein Handy hat ein Lampenfunktion. Und im Schein dieser Funzel sehe ich.. nichts. Kein Graffiti. Enttäuscht laufe ich weiter.

Die Sonne zeigt sich von ihrer besten Seite. Ich knipse ein Foto nach dem anderen und grinse wie ein Honigkuchenpferd, nur weil ich diese atemberaubende Landschaft erleben darf.

Memo an mich: Nächstes Mal unbedingt alte Farb-Pigmente mitnehmen. (…)

Falls ich eine Steinzeithöhle finde, kann ich dann meine eigenen Graffiti hinterlassen. Was für ein genialer Gedanke! Und die Vorstellung, dass jemand meine Kunstwerke eines Tages entdeckt und diesen Ort zu einer uralten Attraktion macht, bringt mich dazu, mitten beim Laufen laut loszulachen.

Dann geht es auch schon auf die Autobahn Richtung Toledo. Die ersten 200 Kilometer verlaufen reibungslos – freie Fahrt! Aber dann taucht Madrid in der Ferne auf, und die Fahrer werden hektisch. Schnell wird mir klar: Spanische Autofahrer im Allgemeinen fahren dicht auf. Sie bewegen sich durch den Verkehr wie Michael Schumacher im Formel-1-Zirkus. Jede Gelegenheit zum Überholen wird genutzt. Dafür haben sie definitiv Talent.
In der Altstadt von Toledo merke ich leicht panisch, dass die Straßen hier so eng sind, dass ich mich frage ob sie überhaupt für Autos gemacht wurden. Aber egal, sie sind alt, also muss ich ihnen das verzeihen. Jemand hat mir erzählt, dass in der Straße, in der mein Hotel steht, schon viele Ausländer stecken geblieben sind. Das scheint die Einheimischen zu amüsieren und bringt Abwechslung in ihren Alltag. Mir treibt es den Schweiß auf die Stirn. Das Hotel, in dem ich heute Nacht schlafen werde, ist von außen eher unscheinbar. Innen begrüßt mich ein charmanter Innenhof mit spanischem Flair. Es wurde kürzlich renoviert, und obwohl mein Zimmer klein ist, ist es wirklich gemütlich.


Das Bett! Das Bett ist einfach herrlich. Es ist weich, aber nicht zu weich. Fast perfekt, würde ich sagen – wäre da nicht diese doppelte Decke, die sich in der Nacht in ein gefräßiges Monster verwandeln wird und scheinbar nur auf mich gewartet hat.

Vom Tourismus in Toledo. (…)

Toledo, oh Toledo, eine Stadt, die sich gänzlich dem Tourismus verschrieben hat. Hier findet man Marzipan und Stahlwaren im Überfluss, vor allem Messer und Dolche, als ob sie glauben, wir Touristen müssten uns gegen wildgewordene Don-Quijotes verteidigen! Und natürlich gibt es die üblichen Souvenirs, die man überall in Spanien ergattern kann. Und was ist mit den Spaniern? Nun ja, die sind hier eher eine seltene Spezies. Man sieht sie in den Geschäften, wo sie Touristen bedienen, oder als Stadtführer, wenn sie versuchen, die orientierungslosen Massen zu bändigen.
In der Altstadt von Toledo reihen sich Monumente an Monumente, als hätten sie eine Konferenz der imposanten Gebäude einberufen. Diese gewaltigen Steinquaderbauten mit ihren hohen Räumen und riesigen Fenstern sind beeindruckend, aber sie machen mir auch Angst. An einigen Häuserecken haben sie sogar Jesus aufgehängt. Er schaut leidend auf die vorbeieilenden Fußgänger. Doch die Fußgänger selbst? Die haben nicht die geringste Ahnung, von wem sie da beobachtet werden.

In den engen Gassen der Altstadt ist ein wahres Sprachengewirr zu hören. Amerikaner sind die Könige des Lärms. Die Koreaner schleichen dagegen in ihren riesigen Hüten herum, als würde die Sonne sie sonst in Staub verwandeln. Japaner hetzen von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, während die Chinesen mit Kameras rumlaufen, die wahrscheinlich mehr wert sind als mein gesamtes Hab und Gut.

Ich will so schnell wie möglich wieder verschwinden. Kein Messer, kein Marzipan, nicht einmal ein Schinkenbrot will ich kaufen. Toledo, das ist gewiss ein Ort voller Kontraste und Überraschungen, aber nichts für mich. Ein Abenteuer fürwahr, aber nicht unbedingt mein persönlicher Favorit auf dieser Reise durch das wunderbare Spanien!


Bettgeschichten

Mein heutiger Tag beginnt mit einem fulminanten Frühstück. Es ist im Hotelpreis inbegriffen. Die Gänge sind erfüllt vom betörenden Duft frischen Brotes und dampfendem Kaffee. Ich bete still, dass sie auch frisches Obst haben. Die Wassermelone zum Nachtisch gestern Abend war so süß, dass sie in einer Zuckerfabrik als Lehrerin arbeiten könnte!

Apropos gestern. Apropos Betten in Spanien. Das Bett, Freunde, das war nicht irgendein Bett – das war ein Boxspringbett! Die Matratze war so hoch, ich dachte schon, ich wäre im Wolkenkuckucksheim gelandet. Es war fest und doch weich wie ein Katzenbauch, und für meine gebeutelten Knochen war es eine wahre Offenbarung. Die Spanier mögen es offenbar groß und komfortabel, selbst wenn das Bett aus Deutschland stammt. Das nenne ich mal kulturellen Austausch!
Doch im Laufe der Nacht verwandelte sich die Bettdecke in ein wahres Ungeheuer. Es waren zwei dünne Decken übereinandergelegt, im Prinzip also recht simpel, aber was in der Theorie gut klingt, das ist in der Praxis oftmals anders. Diese Decken hatten offensichtlich ihren eigenen Willen. Sie wollten sich partout nicht sanft über mich legen, nein, sie fühlte sich dazu berufen, sich in alle möglichen Richtungen zu winden und sich zu einem eigenständigen Kunstwerk zu formen. Sie wollte Streit, und verdammt, den hat sie auch bekommen – von mir. Und aus Trotz reise ich heute ab!

Das Hotel Balneario de la Virgin in Jaraba ist ein echter Geheimtipp. Es ist erstaunlich günstig und bietet Essen, das so gut ist, dass man fast denkt, man habe einen Deal mit dem Teufel gemacht. Und das zu Preisen, die selbst einen Geizkragen vor Freude tanzen lassen würden! Die Umgebung ist atemberaubend und perfekt für ausgedehnte Wanderungen. Aber seid gewarnt, um das Hotel herum gibt es so gut wie nichts, null, nada, nichts an sonstiger Unterhaltung, wie man es aus Städten gewohnt ist. Dieses Hotel ist ein Paradies für Wanderfreunde und Menschen, die ihre innere Zen-Meisterin entdecken wollen, vorzugsweise in einem der himmlischen Thermalbecken. Wer also auf der Suche nach Action und Party ist, der sollte lieber einen Abstecher in die nächste Großstadt machen. Aber für alle anderen, die Ruhe und Erholung suchen, ist dieses Hotel ein wahrer Schatz!